Es geht um einen der bedeutendsten musikalischen Querköpfe des 20. Jahrhunderts und um einen der wichtigsten (wenn nicht gar um den wichtigsten) Komponisten der amerikanischen Musik: Charles Edward Ives (1874-1954).
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Ives wurde 1874 in Danbury, Connecticut als Sohn eines äußerst experimentierfreudigen Armee-Kapellmeisters geboren - sein Vater machte ihn schon in seiner Kindheit vertraut mit klassischer Musik, aber auch mit musikalischen Experimenten: so ließ Ives Sr. etwa zwei Blaskapellen durch die Stadt laufen, beide verschiedene Stücke in verschiedenen Tonarten spielend. Die Kapellen liefen aufeinander zu und entfernten sich wieder voneinander, wodurch ein ungewöhnlicher (räumlicher wie tonaler) Überlagerungseffekt entstand. Ebenfalls unternahm der Vater mit dem jungen Ives Experimente im bitonalen Gesang, also dem gemeinsamen Singen in zwei verschiedenen Tonarten.
All das prägte den jungen Ives immens: bereits in seinen frühen Kompositionen finden sich bitonale Elemente und weitere experimentelle Ansätze. Von besonderem Einfluss auf Ives waren auch die traditionelle Blaskapellen-Musik, die alten Kirchenhymnen, die Rag-Times und die Parademärsche aus dem amerikanischen Alltag, die Ives seit seiner Kindheit ständig in seinem Umfeld hörte. Diese amerikanischen „Alltags-Melodien“ tauchen in Form von Zitaten überall in Ives‘ Musik auf und werden mitunter hochgradig originell und experimentell verarbeitet.
Ab 1894 studierte Ives in Yale Komposition und wurde vertraut mit traditionellen Kompositionstechniken, den Werken Beethovens und Brahms' sowie der klassischen Sonatensatzform. Seine Erste Sinfonie (1897-1908) zeugt bereits von der handwerklichen Finesse des jungen Komponisten, lässt überdies aber auch schon (trotz Brahms-Nähe) individuelle Ansätze erkennen. Seine Zweite Sinfonie (1897-1909) ist dann geprägt von der Einarbeitung populärer amerikanischer Melodien, Volkslieder, Märsche und Hymnen - das wichtigste Charakteristikum von Ives‘ Musik, wie oben beschrieben. Die Struktur der Sinfonie verweist auf die Sinfonien europäischer Romantiker wie Brahms oder Dvorák, das musikalische Material jedoch (die zitierten Märsche, Hymnen, etc.) macht die Sinfonie durch und durch „amerikanisch“. Die erst 1951 von Leonard Bernstein uraufgeführte Sinfonie endet schließlich mit einem typischen Ives-Witz: der Abschluss des ansonsten absolut tonalen Werks ist ein schriller, atonaler Akkord der Blechbläser.
Das Video springt gleich zum Schluss des Satzes:
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Nach seinem Studium beschloss Ives jedoch, einem traditionellen Beruf nachzugehen und ging in die Versicherungsbranche. Als Komponist arbeitete er fortan nur noch in seiner Freizeit. Vielleicht ist dies mit ein Grund dafür, warum seine Musik so außergewöhnlich originell und experimentell ist: da er nie darauf angewiesen war, mit seiner Musik Geld zu verdienen (in seiner Versicherungs-Agentur verdiente er gut genug), musste er sich folglich auch nie um die Befindlichkeiten des Publikums scheren. Das hatte jedoch auch zur Folge, dass seine Musik bis zu seinem Tod 1954 recht unpopulär blieb, und erst in den Jahren nach seinem Tod entsprechend gewürdigt wurde. Nach Ives' Tod bemühten sich zahlreiche Musiker, Komponisten und Dirigenten (u.a. Lou Harrison und Leonard Bernstein), der Musik Ives' posthum zu ihrem verdienten Ansehen zu verhelfen. Heute gelten seine Werke als wichtigste Wegbereiter einer eigenständigen amerikanischen Musikkultur und als bedeutende Vertreter des Modernismus, in denen Atonalität zum Teil noch vor Arnold Schönberg, und andere frühe Pionier-Leistungen zu entdecken sind. So gilt Ives u.a. auch als Vorreiter der Vierteltonmusik, in der die zwölf Halbtonschritte der chromatischen Tonleiter nochmal in Viertelton-Stufen aufgeteilt werden (was insgesamt 24 Töne pro Oktave macht). Schön zu hören ist dies in seinen "Three Quarter-Tone Pieces" für zwei Klaviere (1923/1924) - hier sind beide Klaviere so gestimmt, dass sie genau einen Viertelton auseinander liegen. Die daraus entstehenden Viertelton-Reibungen sind für unsere Ohren äußerst ungewöhnlich, man hat fast das Gefühl, "musikalisch seekrank" zu werden. Ein kleiner Eindruck, wie das Ganze klingt:
Zu seinen wichtigsten Orchesterwerken zählen neben seinen vier Sinfonien und der unvollendeten "Universe Symphony" v.a. sein Orchestral Set No. 1, "Three Places in New England" (1903-1914), sowie die beiden einsätzigen Orchesterwerke "Central Park in the Dark" und "The Unanswered Question" (beide 1906). Letztere wird sehr häufig in Filmen verwendet, etwa in Terrence Malicks THE THIN RED LINE oder in Tom Tykwers LOLA RENNT. Doch erst zu den "Three Places in New England": hier entwirft Ives in drei Sätzen expressive Tondichtungen, die Landschaften und Ereignisse der amerikanischen Geschichte reflektieren. Der zweite Satz, „Putnam´s Camp, Redding, Connecticut“ bezieht sich auf einen Soldatenaufstand, bei dessen Gedenkfeiern Ives als Kind teilnahm. Der Satz vermischt unzählige Zitate aus Märschen, Hymnen und Soldatenliedern, schichtet sie polyrhythmisch übereinander und steigert sie in ein atonales Chaos, das trotzdem extrem unterhaltsam und spannend anzuhören ist. Diese experimentelle Überlagerung verschiedenster Zitate, Stil-Elemente, Rhythmen und Motive gehört zu den typischsten Ives-Kompositionen überhaupt - mit der Analyse aller verschiedenen Schichten dieses Stücks ließe sich eine Uni-Abschlussarbeit füllen. Das folgende YouTube-Video hat eine tolle Animation, die zur Thematik des Stücks (Soldaten, Märsche) passt:
Auch der dritte Satz des Werks, „The Housatonic at Stockbridge“, ist hochinteressant, und darüber hinaus auch wunderschön. Inspiriert wurde Ives hier von einem Spaziergang, den er mit seiner Frau Harmony Twitchell im Sommer nach seiner Hochzeit unternommen hat: von der anderen Seite eines Flusses hörten die beiden die vom Wind herübergewehten Klänge der Erweckungshymnen eines Gottesdienstes. Über einem ruhigen, impressionistischen, polytonalen „Klangteppich“ der Streicher und Holzbläser erheben sich langsam die hymnischen Gesänge des Gottesdienst-Chors und steigern sich zu einer dissonanten Klimax, auf deren Höhepunkt der Chor schließlich abbricht, und die ruhigen Streicher-Klänge vom Anfang das Stück sanft ausklingen lassen. Ein wundersamer, faszinierender, magischer Satz, einer der größten Momente in der Musik des 20. Jahrhunderts:
„Central Park in the Dark“ und „The Unanswered Question“, beides einsätzige Werke von etwa 7 Minuten Länge, sind weitere Ives-Werke von enormer Bedeutung. „Central Park in the Dark“ beschreibt musikalisch eine Sommernacht im Central Park: über leisen, impressionistischen Streicher-Akkorden, die die nächtliche Natur darstellen, erklingen nach und nach immer mehr „Klangfetzen“ von populären Melodien, die aus Bars und Kneipen „herübergeweht“ werden: man kann sich förmlich vorstellen, wie man im Central Park sitzt und den Geräuschen des Nachtlebens lauscht. Ein Rag-Time aus einer Kneipe, eine gepfiffene Melodie eines Passanten, etc. ...
„The Unanswered Question“ ist eine philosophisch angehauchte Komposition, die, grob formuliert, die Frage nach dem Sinn des Lebens zum Thema hat. Auch hier haben wir als musikalisches „Fundament“ einen ruhigen, meditativen Streichersatz, über dem mehrere Male eine Solo-Trompete ein fragendes Motiv erklingen lässt (die Frage nach dem Sinn). Dissonante Holzbläser versuchen zu antworten bzw. eine Antwort auf die Frage zu finden, verstricken sich aber immer wieder in Dissonanzen und Widersprüche. Ein letztes Mal stellt die Trompete ihre (Sinn-)Frage, und es kommt keine Antwort mehr... nur der ruhige, immer gleich bleibende Streichersatz ist noch zu hören, der nun langsam verklingt. Steht der Streichersatz für Gott, der keine Antworten gibt?
„The Unanswered Question“ ist eines der schönsten und wohl auch zugänglichsten Stücke von Ives. Aufgrund ihres meditativen, vergeistigten Charakters wurde die Komposition, wie oben erwähnt, in vielen Filmen verwendet, bevorzugt in Sterbeszenen (LOLA RENNT, THE THIN RED LINE). Ebenfalls ließ sich David Shire in seiner Filmmusik zu ZODIAC von „The Unanswered Question“ inspirieren: auch Shire verwendet hier die Solo-Trompete, die immer wieder ein fragendes Motiv einwirft - eine Frage nach der wahren Identität des Zodiac-Killers; eine Frage, die ebenfalls (bis heute) unbeantwortet blieb.
Ein weiterer, wichtiger Teil von Ives‘ Schaffen sind seine insgesamt 114 Songs - Kunstlieder für Singstimme und Klavier, alle entstanden zwischen 1888 und 1921. Für mich zählen die Songs zu Ives persönlichsten, gehaltvollsten und interessantesten Kompositionen. Auf kleinstem Raum ballt Ives unglaublich viele Ideen: die meisten seiner Songs dauern nur rund eine Minute, stecken aber voller Witz, Experimentierfreude und hochinteressanter Ideen. Die kürzesten seiner Songs dauern nur rund 30 Sekunden, die längsten gerade mal 4 Minuten. Ich werde ab jetzt, den ganzen Spätsommer über, jede Woche einen Ives-Song in diesem Thread vorstellen - der „Charles-Ives-Gedächtnis-Spätsommer“ des Soundtrack-Boards. ![]()
Ich hoffe, ich konnte ein bisschen Interesse wecken für diesen Komponisten, der einige der schönsten, aufregendsten und außergewöhnlichsten Werke des 20. Jahrhunderts zu verantworten hat. Ein Komponist, der die strenge Welt der klassischen Musik mit der Welt der Unterhaltungs- und Alltagsmusik (Volkslieder, Hymnen, Parademärsche, etc.) gekreuzt hat und so hochinteressante musikalische Collagen geschaffen hat. Und so schließe ich mit den Worten Arnold Schönbergs über Ives:
„There is a great man living in this country, a composer. [...] His name is Ives.“
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