Die historische Kunstmusik (auch E(= ernste)-Musik genannt), ist nicht nur mit der Filmmusik vewandt, sondern deutlich mit ihr verknüpft und nicht selten habe ich erlebt, dass ich jemanden den Beginn von Sergej Rachmaninovs erster Symphonie vorgespielt habe und dieser hat sofort James Horners "Gefahren-"Motiv erkannt oder ganz richtig John Williams' "Imperial March" in der fünften Symphonie Gustav Mahlers ausfindig gemacht hat. Da allerdings die E-Musik der letzten 15 Jahrzehnte bis auf wenige Ausnahmen wie den "Walküren-Ritt" sehr wenig präsent ist und die "fesche" Filmmusik oft der "uncoolen" Klassik vorgezogen wurde, ist vielen Filmmusikörern (leider) nicht bewusst, welche von ihnen ungehobenen und unentdeckten Schätze in der Musikgeschichte verborgen liegen und daher ist wahrscheinlich genau jetzt der richtige Zeitpunkt, einmal die mehr und weniger bekannten Komponisten und Werke zu erkunden.
Dieser Thread soll weder eine musikhistorische Vorlesung werden noch soll hier groß missioniert werden. Ich halte es allerdings für wichtig, dass man sich über die Wurzeln und Ursprünge der Lieblingsmusikrichtung durchaus im Klaren ist. Auf der anderen Seite eröffnet einem die Welt der E-Musik so viele Werke, die besonders im letzten Jahrhundert mehr den Nerv der Filmmusik treffen als der heutige alltägliche Einheitsbrei, über den sich viele Filmmusikhörer aufregen. Warum also weiter mühsam an "Fluch der Karibik 4" kaufen, wenn man die Tondichtungen eines Richard Strauss aufsaugen kann? Ich hoffe, dass die Auszüge aus Werken des 20. Jahrhunderts und kleineren Stücke hier viel positiven Anklang finden werden und einige von euch auf weitere Werke dieser Komponisten neugierig machen, denn vieles, was diese Leute komponiert haben ist wie Filmmusik ohne Film und dürfte viele begeistern, wenn man sich endlich von dem Eindruck der "blöden spießigen Klassik" löst!
Ralph Vaughan Williams: Norfolk Rhapsody Nr. 1
Vaughan Williams ist ein bedeutender Komponist der britischen Musik in der Epoche der Spätromantik, die ungefähr 1880 einsetzte. Für die Romantiker, die sich von vielen Gesetzen und Formen der Klassik anfang des 19. Jahrhunderts zu lösen begannen, war die Rückbesinnung auf das Volkstümliche enorm wichtig, denn sie betrachteten die Volkskunst als die "ursprünglichste Form der Kunst". Auch Vaughan Williams' Musik enthält viele folkloristische Elemente, da er zusammen mit seinem Freund Gustav Holst lange Zeit in England Volkslieder sammelte.
1906 fasste Ralph Vaughan Williams den Entschluss, eine Norfolk Symphony zu schreiben und konzipierte drei Sätze, die alle auf Volksmelodien aus dieser Region beruhten, doch er brach das Projekt einige Jahre später ab und von den drei fertig gestellten Sätzen sind nur zwei erhalten geblieben (der zweite wurde erst vor zehn Jahren wieder entdeckt). Der erste Satz wurde bekannt als "Norfolk Rhapsody" und ist unten vollständig zu hören:
Als roter Faden zieht sich ein Motiv aus vier Tönen durch das ganze Stück, welches den Satz auch in den kristallklaren Violinen ganz leise eröffnet. Vaughan Williams schafft hier eine bezaubernde Atmosphäre, in die sich ab 00:40 die Klarinette hinaufschwingt und ebenfalls das Viertonmotiv spielt, das von den gezupften Bässen beantwortet wird (00:46).
Schließlich steigt auch die Viola sanft ein und trägt eine gesangliche Melodie vor (1:09) , in die sich hin und wieder die Klarinette mit dem Viertonmotiv einschaltet. Ab 2:16 erleben wir eine deutliche Steigerung zu der anfägnlich so besinnlichen und leisen Stimmung. Nun erklingt nämlich die gesangliche Melodie der Viola nach und nach im ganzen Orchester und die musikalische Struktur verdichtet sich. Ab 4:59 hören wir das Thema nun in voller orchestraler Pracht, das sogar noch um einen weiteren ausschweifenden Teil erweitert wurde, bevor ein Echo in den Klarinetten (5:49) und den ersten Teil der Norfolk Rhapsody beschließt.
Der zweite Teil wird durch eine schmissige Hornpipe (Volkstanz im 2/4-Takt) bestritten, die ab 6:28 in den Fagotten und Celli erklingt und ab 6:45 von den Violinen übernommen wird. Ab 7:04 dreht Vaughan Williams nochmals voll auf und zieht alle orchestralen Register für den kaftvollste Darbietung der Hornpipe, die bald langsam abklingt und in den gesanglich ausschweifenden Charakter des ersten Teils mündet, allerdings klingen hier einzelne Fetzen der Hornpipe stets nach.
Ab 8:38 erklingt das eröffnende Viertonmotiv wieder in den Violinen und kündigt so die Rückkehr zum ersten an, die bei 9:18 mit dem gesanglichen Thema in den Holzbläsern nun offiziell wird. Das Stück klingt leise und friedlich aus, wie es begonnen hat.
Es ist absolut nicht schwer, bei dieser Musik die passende Assoziation an der Hand zu haben. Vaughan Williams' Musik zeichnet sich (wie auch hier) durch eine sehr rustikale Melodieführung aus, die besonders ihren Ursprung in Volksliedern hat. Seine Orchestration ist wirkungsvoll, jedoch selten ausladend, stattdessen begnügt er sich mit feinen Schattierungen der Holzbläser und Streicher. Seine Musik hat stets einen etwas rauen Klang und ist nie so glatt wie die der deutschen Romantiker und darum durch und durch britisch!














