Adrian Johnston

Der in Schottland geborene Komponist begann seine musikalische Laufbahn als Mitglied der Popkombo The Waterboys, die sich 1983 gründete. Unter den Fittichen von Brit-Kultregisseur Michael Winterbottom begann Johnston 1996, erste Filmmusiken zu schreiben (darunter sein beeindruckendes Erstlingswerk JUDE) und hat sich seitdem zu einem der gefragtesten und produktivsten Komponisten der jungen Generation gemausert. Sein Bekanntheitsgrad ist bislang leider größtenteils auf die britische Insel beschränkt, wo er bspw. mit seiner Musik zum Expeditionsdrama SHACKLETON 2002 den Emmy gewann, oder für seine bewegenden Arbeiten zu THE LOST PRINCE, PERFECT STRANGERS und TIPPING THE VELVET wohlverdiente BAFTA-Nominierungen einheimste.
Johnstons stilistische Bandbreite ist breitgefächert, von Dramen wie WELCOME TO SARAJEVO über
Period Movies (jüngst BECOMING JANE) bis hin zu pfiffigen Komödien á la KINKY BOOTS. Besonders ausgeprägt aber scheint sein Gespür für eingängige und oft berührende Themen zu sein, die vor allem im Gewand einer Soloinstrument-Interpretation (z.B. Johnstons Lieblingsinstrument, dem Cello) ihre volle Magie entfalten.
GIDEON´S DAUGHTER / FRIENDS AND CROCODILES (2005)
In typisch britischer Bescheidenheit ist auf der Rückseite des Albums folgendes vermerkt:
"Building on the successes of Shooting the Past, Perfect Strangers and the Emmy Award nominated THE LOST PRINCE come their most ambitious, colourful and epic soundtracks to date. (...) Adrian Johnston has written two exceptionally memorable scores for these films bursting with haunting themes and exquisite lyricism."
Dem ist wahrlich nichts mehr hinzuzufügen. Wer zutiefst emotionale, aber unsentimentale (sprich: gute, bombastbefreite) Filmmusik mag, der kann mit diesem wundervollen Album nichts falsch machen. Great stuff!
JUDE (1996)
Mein erster Johnston (anno dazumal)... und immer noch ein berückend-intensives Hörerlebnis. Allein dieses kratzige, melancholische Intro "Crows", bei dem man vor dem inneren Auge förmlich die titelgebenden Krähen auf dem frostigen, nebelverhangenen Novemberfeldern sehen kann... wunderbar.
Kaum zu glauben, dass es sich bei JUDE um Johnstons Debütscore handelt. Als wäre die Musik von einem "alten Hasen" komponiert, verschmelzen moderne Klangsprache und der grazile musikalische Gestus der Klassik zu einer homogenen, zutiefst intensiven Einheit, die den Hörer gebannt und beeindruckt zurückläßt.
THE LOST PRINCE (2003)
Ich weiß, ich werfe gleich mit Superlativen um mich wie die Blumenmädchen mit Rosenblüten vor dem Hochzeitspaar... aber, das was ich von Johnston bisher an BBC-Filmmusiken gehört habe, war jedesmal großartig. THE LOST PRINCE nun ist... tja... schlicht und ergreifend phänomenal.
Jedoch nicht auf einer pompös-großorchestralen oder sonstwie sich in den Vordergrund drängenden Art und Weise, sondern vielmehr auf einer ganz besonders emotional-bewegenden Ebene. Jeder Track ist wie eine kleine wunderbare Welt für sich... wie zarte Rosenblätter (um den obigen floralen Vergleich aufzugreifen), denen man dabei zuschaut, wie sie sich von einer sanften warmen Brise getragen in Zeitlupe rückwärts zu einer herrlichen Rosenblüte zusammenfügen. Jeder, der nicht völlig abgestumpft ist, wird nach dem Genuß von Titeln wie "A Proper Household For A Prince" oder "Never Was A Child Like Him" (und ich könnte noch viele weitere aufzählen) dieser Musik Johnstons verfallen... oder sagen wir mal anders: sich in sie verlieben.
Ein einmaliges, berührendes, wärmendes, ver- und bezauberndes Hörerlebnis. Das ist die Magie von Filmmusik...
ALL THE KING´S MEN (1999)

Im Film geht es um das ominöse "Veschwinden" einer britischen Kompanie in Gallipolli während des 1. Weltkrieges 1915. In Johnstons Musik sind jedoch keinerlei Verweise auf den militärischen Aspekt zu finden, und das ist auch gut so. Vielmehr ist sie berückend poetisch, ergreifend intensiv, elegisch... und vor allem zum Ende hin spürt man, wie sich langsam Gänsehaut auf den Armen bildet. Wieder einmal großartige Johnston-TV-Movie-Musik aus dem Hause BBC, wohl DIE erste Adresse für talentierte, aufstrebende Komponisten in Großbritannien.
PERFECT STRANGERS (2001)

Und erneut Musik aus der BBC-Talentschmiede, die vor allem in den letzten Jahren wohl sehr auf die Qualität der Kompositionen achtet, die ihre Produktionen schmücken. Das hört und spürt man auch bei dem hier vorliegenden Album (welches als Bonus außerdem 13 Tracks aus SHOOTING THE PAST enthält).
Subtil, gefühlvoll, minimalistisch, aber gleichzeitig ungemein intensiv, mit zerbrechlichen Cello-, Violinen- und perlenden Piano-Soli... nimmt man all das zusammen, läßt sich der Musik ein gewisser Nyman-Touch nicht absprechen, und doch ist Johnstons Handschrift deutlich erkennbar, und genau die läßt vor allem den Scoreanteil zu PERFECT STRANGERS zu einem angenehmen und berührenden Hörerlebnis werden.
BECOMING JANE (2007)
Johnston, der schon mit JUDE unter Beweis stellte, dass er ein Händchen für die atmosphärisch stimmige Vertonung von sogenannten Period Films besitzt, enttäuscht seine Fans auch mit BECOMING JANE nicht. Der Film schildert das Leben von Jane Austen, bevor sie berühmt wurde, und Johnstons Score malt mit wunderschönen, fließenden Bewegungen das musikalische Bild einer lebenslustigen, verträumten und ein wenig scheuen jungen Frau.
Als ihre "Stimme" erkor der Komponist das Klavier, welches natürlich
das Instrument des ausgehenden 18. Jahrhundert war und somit als "Transportmittel" ihrer Gefühle dient. Um die pointierten Auftritte des Pianos ranken sich herrliche Solo-Tupfer von Harfe, Flöte und Violine ("The Rose Garden") sowie teils tänzerisch-beschwingte, teils forsch-drängende Passagen, die die Lebensfreude der Protagonistin wunderbar einfangen.
Dies ist Musik, bei der man oft das Gefühl hat, die Zeit würde stehenbleiben... Klänge, die zum Innehalten verführen und die dazu einladen, noch einmal und noch einmal zu lauschen, neue Nuancen und Facetten herauszuhören. Niveauvoller Genuß, der Muße verlangt... und belohnt.