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THE EDGE - Jerry Goldsmith


Empfohlene Beiträge

THE EDGE - Jerry Goldsmith

Label: Victor (Sony BMG)

Veröffentlichung: 14. April 1998 (Score von 1997)

1. Lost In The Wild

2. The Ravine

3. Birds

4. Mighty Hunter

5. Bitter Coffee

6. Stalking

7. Deadfall

8. The River

9. Rescued

10. The Edge

Laufzeit: 38 Minuten und 4 Sekunden

Ende der 90er Jahre erreichten viele Filmmusikkomponisten, die in den 80ern große Werke schufen, einen temporären Tiefpunkt. James Horner blieb kompositorisch bei seinen alten Ideen und setzte sie mit taufrischen Noten wieder auf. John Williams hielte sich mit still schmeichelnder Routine über Wasser, die mehr oder minder gehobene Orchesterarbeit zeigte. Auch Jerry Goldsmith, eines der wohl bekanntesten Komponisten der Neuzeit, hatte sich in seinem eigenen Spindelnetz verhakt und Actionscoring und Harmonik oftmals mit gleichem Muster in seine Scores integriert. Im Jahre 1997 standen vier Projekte dem Meister zu, eines davon war THE EDGE: Ein mutmaßlicher Actionthriller, in den Hauptrollen Alec Baldwin und Anthony Hopkins.

Das goldsmithsche Schaffen in den späten Jahren war für viele Neulinge der Filmmusik und Bombastlieblinge ein gefundenes Terrain zur Entdeckung actionlastiger Musik. Jerry Goldsmith, der schon im Jahre 1990 mit seinem TOTAL RECALL das umfangreiche Spektrum der Actionmusik erfolgreich revolutionierte, zeigt in THE EDGE zwar oftmals kleinlich gehaltene Routine, aber immerhin neumodisch anmutende Dschungelmusik vom Feinsten. Im gesamten Score hört man deutlich den typischen Goldsmith-Charakter, den man aus anderen Scores aus den 90er Jahren kennt. Bereits ein Jahr zuvor, mit seinem STAR TREK VIII: FIRST CONTACT wusste der Meister genau, wie er sein musikalisches Feuer stilistisch auf das Notenblatt einbrennen konnte. In THE EDGE hört man es vermindert, aber dennoch so prägnant, dass der Widererkennungswert sehr enorm erscheint.

Bereits im ersten Track "Lost In The Wild" wird dieses Erkennungsmotiv sehr deutlich: Fanfarenartig erklingen die großen Hörner, gefolgt mit einem kleinen Streicherpart, die die Hörner zum Schweigen bringen. Die Klarinette und Oboe setzen gezielt ein, um ein Thema weiter fortzuführen, was sich später hier noch aufbauen wird. Die Streicher werden lauter und der Paukenwirbel setzt ein, so dass das Hauptthema von den anfangs geschwiegenen Hörnern aufgegriffen und als eine kleine Melodie, in Zusammenarbeit der Streicher, zusammengebaut wird. Zusätzlich, als konstruktive Verstärkung, wird ein prickelnder Synthesizer nachgeschoben, der den Anschein erweckt, diese Melodie wohlwollend zu applaudieren. Das Orchester fährt mit voller Stärke und Tragkraft das Thema aus, bis es orchestral zu einer einzigen Flöte, die eine Art "Echo" symbolisiert, verstummt. Das Hauptthema ist an sich ein sehr schönes, jedoch wie andere aus diesem Zeitumfang. Besonder hingegen ist dennoch der strukturelle Aufbau, der das Orchester mit sich fließen lässt.

In "The Ravine" wird ein atonales Bläsergedröhne angekündigt, welches erst mit Synthesizer begleitet wird. Kurze Zeit später folgt die schon von Goldsmith bekannte Actionrhythmik: Rumpelndes Klavier, pochende Schlagzeugtechnik und winselnde Streicher. Nun versucht Goldsmith, mit Bongos die Dschungelatmosphäre zu schaffen, um die Actionmomente zu bestärken. Wie gewohnt, folgen schlagartig zum Klavier und den Bläsern die aggressiven Streichereinheiten. Schon im Vorjahr hat Goldsmith eine rasante Orchester-Abenteuerfahrt begonnen: THE GHOST AND THE DARKNESS ist das positive Beispiel dieser brachialen Gewalt. Mit solchem Klangkolorit hat Goldsmith versucht, THE EDGE dem THE GHOST AND THE DARKNESS nahe zu bringen (nicht umsonst betitelt man THE EDGE als den ultimativen "Schwesterscore").

Bei "Birds", der dritte Track, zeigt Goldsmith seine Meisterklasse und nimmt seine alten Kompositionsmethoden in Angriff. Wirrwarr hinterher und hilflos flatternde Streicher, geprägt vom knackigen Ein-Ton-Orchesterknall, prägen das Bild eines fliegenden Vogels. Der Orchesterapparat breitet sich massiv aus und begrenzt sich jedoch nur auf die inhaltliche und motivische Struktur. Nachdem es laut geworden war, zitiert der Meister einen kleinen Abschnitt aus seinem INNERSPACE und nimmt einen Streicherakkord, der ein tonleiterartiges Konstrukt beinhaltet, auf. Friedvoll endet dieses Muster, wird aber danach mit böse drohenden Bläsern und Kontrabässen verabschiedet.

Mit Streicherarrangements und einem kleinen Klagelied der Oboe wird "Mighty Hunter" eröffnet. Es folgt und endet Note für Note genau das Hauptthema, was man in "Lost In The Wild" erlauschen durfte ein kleiner Reprise, der sich höralbumtechnisch sehr lobend auf die Veröffentlichung auswirkt, denn das Thema in dieser Form ist nun das letzte Mal erklungen.

Mein absoluter Lieblingstrack, "Bitter Coffee" ist eine genial, durchdachte Kompositionsstrategie, die nostalgischen Wert aufblühen lässt. Dämpfende Trompeten, gefolgt mit zupfenden Streicher und leicht besetzten Bläser kündigen ein melancholisches, verträumtes Motiv an, welches eine kleine, mit augenzwinkernde Parallele zu "Prisoners Exchange" bei STAR TREK: GENERATIONS (Dennis McCarthy) aufweist. Nach dem Motiv gibt die Oboe den Generalakkord an und wirft sich somit in den Mittelpunkt dieses Stückes. Erinnerungen an Filmmusiken von Miklós Rózsa und Bernard Herrmann werden wach, die Musik ist stilgetreu dem Film-Noir ähnlich. Doch nach diesem winzigen Gedächtnisrückblick in die frühere Filmmusikwelt zaubert Goldsmith wieder seine großorchestralen Statements hervor. Dieser Track ist ein Beispiel für Goldsmiths Gespür für sein großes Vorbild Miklós Rózsa. Hier hat der gute Jerry eine Verschmelzung seiner Musik und dem der Giganten vor seiner Zeit gewagt und erfolgreich festgefügt.

Ruhig, leise, mit fiebenden Flöten und netten Violinparts versehen, beginnt "Stalking". Es knautschen die Bläser Richtung hermann-like und das drohende Bläsermotiv kommt zum Vorschein. Nun knallt es gewaltig, denn Goldsmith zieht sein allbekanntes Actionscoring durch und lässt es bis zum Mittelteil des Trackes stoppen. Sehr begrenzt und zurückhaltend melden sich die Violinen und ein Teil der Bläser, die unterstützend mit dem vermissten Synthesizer agieren. Zum Ende hin wird das Motiv bei "Bitter Coffee" noch mal eingeworfen, um den vorherigen Actionkrach als Ausgleichsphase zu entkräften - eines noch der sehr vorbildlichen Tracks auf diesem Album. Geballte Ladungen von Krach und Ruhe prallen aneinander und finden die perfekte Symbiose.

Ähnlich wie voriger Track wird "Deadfall" als Action-Ruhe- (oder besser: Ruhe-Action-)Verbindung betrachtet: Die gesamten Streicher spinnen ein Netz als Basisgrundlage für den ruhigen Teil. Nochmals angeführt wird das rumpelnde Klavier, die aggressiven Streicher und ein Pulverschuss an Bongos. Im Gegensatz zu den anderen Actiontracks hört man hier deutlich den Goldsmith-Standart heraus, den man schon einige Male kennen gelernt hat.

Als diese brüchige Kraft in Schweigen übergeht, übernimmt "The River" den kleinleisen Teil des Albums ein. Streicherarrangements im Interwall, gekoppelt mit Fagotteinwürfen, spielen eine Art Pausenmusik, als Auslastung der Instrumente für den schwierigsten Part, den sie zeitlang übernahmen. Nun schleichen sich langsam aber vorsichtig die Celli an und spielen in Begleitung eines dem Score ALIEN ähnliches Flötenmotiv - , das Hauptthema des Filmes und übergeben auch diese Aufgabe ihren Streicherkonkurrenten.

Wie eine Fortsetzung zu "The River" folgt in "Rescued" das Flötenmotiv und das Orchester wendet sich nach der Wiederholung nur noch einem zu: dem vollen Klang der Orchesterharmonie, der das Hauptthema wieder aufnimmt, erstarren lässt und es in einer langsam, aufhörende Orchestergruppe zerstreut. Nur noch ein gemäßigter Teil des Orchesters ist der Begrenzung nicht gegen Ende angewiesen und zeichnet mit einem mäßigen Schlussakkord das Ende des Stückes auf.

"The Edge" ist ein Sonderling auf diesem Album: Jerry Goldsmith verwendete kein Orchester, sondern ein Jazz-Trio, dass in gewohnter, jazzig-angehauchter Manier das Hauptthema spielen lässt, aber für meinen Geschmack ziemlich nutz- und sinnlos.

Im Großen und Ganzen hat Jerry Goldsmith mit THE EDGE einen Score herausgebracht, der den Umständen entsprechend sehr gut ausgefallen ist. Leider zu oft das ist der größte Kritikpunkt ist auch Jerry dem Autopiloten verfallen und führt manchmal zu oft und zu wenig variiert sein Actionscoring auf. Für mich persönlich ist dies nicht ein allzu störender Faktor, da ich die Musik sehr gerne höre, aber im objektiven Erscheinungsbild wirkt sie durch mangelnder Variationsarbeit und unumwandelnder Monotonie zu einem Score, der sich von der Masse anderer Jerry-Scores nicht sonderlich abhebt. Ein kleiner Gedenkstein kann THE EDGE dennoch setzen, denn immerhin hat Goldsmith das Meiste selbst orchestriert, den Rest übernahm Alexander Courage wohl auch eventuell eines der Gründe, warum man viel Star Trek-Feeling (auch im Zuge des Siebten Teiles GENERATIONS) wahrnimmt. THE EDGE zählt dennoch im Jahre 1997 zu seinem Besten und hat sich durch glänzende Arbeit, sei es auch nur durch breiträumig gehobene Routine, abgehoben. Die CD, die unter RCA erschien, ist leider heute schon sehr schwierig zu bekommen und somit nur für Wucherpreise zu ergattern, aber sammlungstechnisch und für Goldsmith-Puristen eine nicht zu verachtende Veröffentlichung. Der Score ist kein Meisterwerk und kein Goldsmith-Must-Have, dennoch eine hervorragende Arbeit aus seiner Spätzeit, die sich nicht zu scheuen braucht.

Der Score könnte sich durchaus bei einer Bewertung von 9/10 Punkten einreihen. Dennoch sehe ich es als unangemessen, da der Score doch vor einigen Mängeln strotzt. Außerdem ist der letzte Track ein verschwendeter Laufzeitposten, denn bei einer Musik mit nur fast 40 Minuten ist es ein Ärgernis, dass man nicht den ein oder anderen orchestralen (!) Scoretrack aufgesattelt und den letzten somit ersetzt hat. Dennoch kann ich sagen, dass bei eineinhalb Punkten Abzug die gute Musik gerechtfertigt ist.

Bewertung: 7,5/10 Punkten

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Ein wirklich höchst interessantes und informatives Review!:)

Auch deine Bewertung geht ,wie ich finde, voll und ganz in Ordnung.

Übrigens: Ich hab den Score zu Klaus Badelts "The Time Machine" noch vor "The Edge" gehört, und war dann hinterher doch ziemlich überrascht wie stark sich Badelt hier an Goldsmiths Thema (Lost in the Wild) anlehnt.

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Dankeschön für's Lob. :)

Übrigens: Ich hab den Score zu Klaus Badelts "The Time Machine" noch vor "The Edge" gehört, und war dann hinterher doch ziemlich überrascht wie stark sich Badelt hier an Goldsmiths Thema (Lost in the Wild) anlehnt.

Ja, das ist mir auch schon bekannt. :P

Ich habe nicht mehr daran gedacht, sonst hätte ich es noch in das Review mit eingebaut. Mir gefiel Badelts Thema zu THE TIME MACHINE auch sehr gut, bis ich von der bösen Absicht erfuhr...:D

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Ich hab das nur so erwähnt, weil es mir gerade wieder einfiel.:)

Als ich damals The Time Machine hörte war ich doch positiv von der Musik überrascht. Noch überraschter war ich dann, als ich kurze Zeit später das erste mal The Edge hörte und mir die Ähnlichkeiten auffielen.

Ich muß allerdings auch zugeben das ich Time Machine immer noch gerne höre, trotz oder gerade wegen dieser Ähnlichkeit im Thema. :P

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Ein kleine Verbesserung noch zu meinen Review: Ich habe im oberen Teil von einem gewissen STAR TREK: THE FINAL CONFLICT gesprochen. Diesen Score gibt es natürlich nicht, richtig heißt es STAR TREK: THE FIRST CONTACT. :)

Zu blöd, dass ich das erst jetzt bemerkt habe, THE FINAL CONFLICT und THE FIRST CONTACT sind ja vom Wortlaut her sehr ähnlich, obwohl es zwei verschiedene Scores sind. Aber bis jetzt hat es sicherlich auch keiner gesehen. :P

Übrigens: cooles Layout für die Mitglieder-Reviews. Respekt für die Mods und Admins hier im Board, die dies ermöglicht haben.

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Ich habe im oberen Teil von einem gewissen STAR TREK: THE FINAL CONFLICT gesprochen.

Wer weiß, ist vielleicht der Titel des neuen Star Trek Films...:P

Aber ganz ehrlich, mir ist es nicht aufgefallen. Klingt wahrscheinlich wirklich zu ähnlich.:)

Übrigens: cooles Layout für die Mitglieder-Reviews. Respekt für die Mods und Admins hier im Board, die dies ermöglicht haben.

Ja, dem kann ich mich nur anschliessen.

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  • 3 years later...

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