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Bavaria Sonor: Enjott Schneider: Filmmusik


Marcus Stöhr
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Eine Doppel-CD von Enjott Schneider erscheint bei Bavaria Sonor:

Bildhafter Ausdruck und unmittelbare Emotionalität - das sind nicht nur die Erfordernisse einer guten Filmmusik, sondern auch die Wesenszüge meiner Werke für Konzertsaal und Bühne. Geschichten erzählen in Bildern und Tönen hat mich von frühester Jugend an bis heute fasziniert: das Geheimnis der Beziehung von Bild und Musik immer wieder neu auszuloten ist mir wie eine Droge geworden.

Bei der Beschränkung auf eine Doppel-CD haben viele der von mir geschätzten Filmmusiken keinen Platz mehr gefunden, etwa SCHLAFES BRUDER (mit der rund um die Welt von Virtuosen gespielten Orgeltoccata), LEISE SCHATTEN (wofür es 1991 das Filmband in Gold für Beste Musik gab) oder NICHT ALLE WAREN MÖRDER (wofür es 2008 den Deutschen Fernsehpreis Beste Musik gab). Dennoch birgt die vorliegende Auswahl einen Reichtum reizvoller Facetten:

Die Musik zu HERBSTMILCH (1988, Regie: Joseph Vilsmaier) verbindet den Orchesterklang mit dem bayrischen Hackbrett und intoniert elegische, in ihrer Einfachheit zu Herzen gehende Themen, die der Intimität der Geschichte entsprechend bewusst klein gehalten sind. Weit größer und mit epischer Breite gibt sich die Musik zum Film RAMA DAMA (1990, Regie: Joseph Vilsmaier), in dem das Schicksal einer Münchner Trümmerfrau um 1945 erzählt wird. Wie in HERBSTMILCH, so sind auch hier Dana Vavrova und Werner Stocker ein Traumpaar, das nicht nur das Publikum, sondern auch den Komponisten befl ügelt hat: ein Hauptthema (auf lydischer Skala) durchzieht die Musik in verschiedensten Gefühlslagen und steigert sich in der Abspannmusik bis zur Tragik. Die Musik erhielt 1990 den Bayerischen Filmpreis für Beste Musik. Mit STALINGRAD (1993, Regie: Joseph Vilsmaier) zeigt sich der CD-Einstieg als schlüssige Trilogie. Das Orchester (nunmehr in spätromantischer Viererbesetzung wie bei Gustav Mahler) führt ein zentrales Hauptthema in symphonischem Duktus vor. Ausmaße der Musik (etwa das achtminütige Finale) und virtuose Dichte (Desertieren hat z.B. den Schwierigkeitsgrad einer Schostakovitch-Symphonie) verraten einen hohen Anspruch, der interpretatorisch jedoch vorbildlich eingelöst ist: wie in HERBSTMILCH und RAMA DAMA, so spielen auch hier unter Leitung von Enjott Schneider Mitglieder der Münchner Philharmoniker. Dieser Orchesterstamm (mit Manfred Hufnagel als Contractor) wurde bis heute festgehalten und firmiert inzwischen unter dem Namen PHILHARMONISCHES FILMORCHESTER MÜNCHEN.

Die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Jo Baier hat inzwischen eine zwanzigjährige Geschichte. Erste gemeinsame Arbeit war WILDFEUER (1991, Regie: Jo Baier) über das bewegte Leben der Bauerstochter Emmerenz Meier, die sich um 1900 selbstbewusst emanzipierte, Dichterin wurde und nach USA auswanderte. Das Titelthema mit den zwei aufsteigenden Quarten verrät etwas vom Lebensmut dieser engagierten Frau; es durchzieht nahezu den ganzen Film. Dieser Score erhielt ebenfalls das Filmband in Gold für Beste Musik. Die Musik zu SCHWABENKINDER (2003, Regie: Jo Baier) hat als zusätzliche Klangfarbe den Chorklang: Mach etwas wie eine italienische Bauernmesse! war eine der Ansagen Jo Baiers, was dann zu Kyrie, Sanctus und Benedictus als filmmusikalischen Stationen führte. Folgerichtig wurde die Filmmusik zu einer veritablen Orchestermesse umgearbeitet, am Münchner Dom uraufgeführt und ist seitdem zu einer vielaufgeführten Messe geworden. Ebenfalls für Jo Baier entstand die Musik zu STAUFFENBERG (2006, Regie: Jo Baier): der Thematik entsprechend verzichtet das Orchester hier auf alle hohen Register (keine Violinen, keine Flöten, keine Oboen, stattdessen viel Violoncellound Kontrabassfarben, Bassklarinette, Bassposaunen oder Kontrafagott). Die inspirierende Zusammenarbeit mit Margarethe von Trotta führte stets zu Filmmusiken, die ich persönlich sehr schätze. Ein monumentaler Zyklus von vier 90-Minütern war z.B. die Verfilmung von Uwe Johnsons JAHRESTAGE (2000, Regie: Margarethe von Trotta) mit einem umfangreichen Netz an Themen und Leitmotiven. Einprägsam ist die Titelmusik MEMORY (nach Shakespeares Hamlet) mit ihrer wellenden Streicherbewegung, der lockenden hohen Sopranstimme von Gabriele Steck und der Gesangstimme von Effi Rabsilber. Diese Score erhielt 2001 in Biarritz den Fipa dOr (beste europäische Filmmusik). DIE ANDERE FRAU (2005, Regie: Margarethe von Trotta) erzählt die erschütternde Geschichte zweier durch Stasi-Machenschaften als Gegnerinnen verbundener Frauen (gespielt von Barbara Sukowa und Barbara Auer). Die Musik ist dementsprechend von größter Intimität und basiert auf dem Klavier als Hauptinstrument (wunderbar gespielt von Ferran Cruixent), das wiederum behutsam vom Orchester gestützt wird. Eine sehr aufwendige Produktion war die Musik zu einem Spielfilm FANTASY FOR A NEW AGE (1997, Regie: Richard A. Cäsar), der mit amerikanischen Schauspielern eigens zur 150-Jahr-Feier des Siemens-Konzerns gedreht wurde. Wie in einem Vexierspiel wurden hier verwirrende Zeitreisen in Zukunft und Vergangenheit unternommen, was zu einer Filmmusik inspirierte, die tatsächlich etwas vom Schweben und archaischer Zeitlosigkeit erzählt. Eine ähnliche Magie besitzt die Musik zu 23 NICHTS IST SO WIE ES SCHEINT (1998, Regie: Hans-Christian Schmid): August Diehl als Filmschauspieler neu entdeckt spielt einen KGB-Hacker, der sich zunehmend in der Computerwelt verliert, psychotisch wird und am Ende rätselhaft umkommt. Eine Geschichte die dazu animierte, eine ebenso narkotisierende und rätselhafte Musik zu schreiben; diese baut sich auf aus elektronischen Klängen, dem Orchesterklang und den Klängen einer Glasharfe (gespielt von Dean Wilmington). Musikdramaturgisch wird der Soundtrack zunächst stark von Elektronik bestimmt, die dann je näher das tödliche Ende kommt zunehmend vom epischen Orchesterklang abgelöst wird.

Zwei bislang nicht auf Tonträger erschienene Highlights bietet diese Doppel-CD: die Filmmusik zu DAS MÄDCHEN ROSEMARIE (1996, Regie: Bernd Eichinger) und zu DIE FLUCHT (2007, Regie: Kai Wessel). Die Musik zu MÄDCHEN ROSEMARIE unterstützt vor allem die Hauptfigur der Edelhure Nitribit (mit Nina Hoss in ihrer Debutrolle) und gibt sich eher privat und persönlich. Die vitalen Streicherstaccati in Der rote Mercedes hatten damals großen Eindruck gemacht und waren von großer Wiedererkennbarkeit.

Die Musik zu DIE FLUCHT hat im Gegensatz dazu eher epischen und kollektiven Charakter: hier geht es weniger um das Einzelschicksal als um das große kollektive Leid der Flüchtlinge und Vertriebenen. Lena von Mahlenberg (gespielt von Maria Furtwängler) steht in diesem Sinne nicht als Einzelperson im Vordergrund, sondern als Repräsentantin der ostpreussischen Adelsklasse, die eben von der Geschichte tragisch deklassiert wurde. Subjektivster Faktor der Musik ist ein eigenartig näselndes Blasinstrument, der armenische Duduk (gespielt von Sandro Friedrich) mit dem Lenas unglückliche Liebe zu französischen Gefangenen charakterisiert wird. Die Musik zu DIE FLUCHT erhielt 2008 den Deutschen Fernsehpreis Beste Musik.

Besonders hervorheben möchte ich die Musik zu WUNDER VON LEIPZIG. WIR SIND DAS VOLK (2009, Regie: Sebastian Dehnhardt), einem Film über die Geschehnisse in Leipzig 1989 rund um die Nikolaikirche und die von dort ausgehende Friedliche Revolution. Nicht nur weil es eine sehr emotionale und bisweilen auch spannungsreiche Musik geworden ist, sondern weil es Musik zu einem Dokumentarfilm ist. Dieses Filmgenre gehört zu meinen liebsten und fordert einen Komponisten weit mehr als ein Spielfilm, gilt es doch der Wahrheit und Authentizität hier in besonderem Maße gerecht zu werden. Seit den Kino-Dokumentarfilmen der 80er Jahre (etwa mit Klaus Stanjeks WASSERHERREN über die Ware Wasser oder ZWIELICHT über das lebensbedrohende Kunstlicht) bin ich bis heute jährlich mit der Arbeit an vielen Dokumentarfilmen befasst, die mich immer von Neuem faszinieren... und fordern!

Danksagung: Für die Entstehung dieses Albums danke ich Dr. Rolf Moser stellvertretend für den Bavaria Sonor Musikverlag , ferner allen Filmemacher/ Innen, die mich mit ihren Bildern zu dieser Musik inspirierten. Besonderer Dank auch an Manfred Hufnagel, der mir seit 1988 das Philharmonische Filmorchester München zusammenstellt, sowie an meine ständigen Tonmeister und Mitarbeiter Marco Hertenstein, Peter Fuchs, Klaus Strazicky, Andreas Weidinger. München Juli 2010, Enjott Schneider

Gelistet ist die Veröffentlichung bisher nur beim Soundtrack Club.

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