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Ich habe LES MÉRPIS vorletzten Sommer gesehen, als ich mich durch alles, was ich von Truffaut und Goddard hier habe, geschaut habe und ich muss sagen, dass LES MÉPRIS einer meiner liebsten Goddards war, wenn nicht sogar der liebste. Sonst fand ich, dass viele seiner Filme sehr schöne und beeindruckende Momente haben (besonders die Kneipenszene in DIE AUßENSEITERBANDE mit der "Schweigeminute" und dem Tanz), sich die Filme aber selten zusammenfügen. Da waren mir JULES ET JIM oder SCHIESSEN SIE AUF DEN PIANISTEN deutlich lieber. Ich werde bei "solcher" Art Film mittlerweile aber auch immer ungeduldiger, denn so schön es auch ist, unglaublich viel Assoziationsspielraum zu haben, werde ich dann auch irgendwann genervt, wenn ich das Gefühl habe, dass formale Kriterien komplett außer Acht gelassen werden, denn die Erklärung: "Ich stemme mich hier gegen Kommerz." ist für mich keine gut begründete Entschuldigung, das künstlerische Handwerk zu vernachlässigen. Manchmal wird es dann doch auch langweilig, wie zum Beispiel im Falle von MARIA UND JOSEPH, der nach der Sichtung extrem verblasst ist.

Ein mit mir bekannter Filmwissenschaftler hat sich auch irgendwann von der Begeisterung für das Autorenkino losgesagt mit einer Begründung, die ich gut nachvollziehen kann: Es ist wahnsinnig schwer, ein gutes Drehbuch zu schreiben und es verlangt extrem viel Handwerk, gute Kamerarbeit zu leisten. Mein Bekannter meinte, dass, je mehr Drehbücher er im Rahmen seiner Recherchen gelesen hat, umso mehr sei ihm beuwsst geworden, wie wichtig doch der Drehbuchverfasser sei und wie merkwürdig es doch sei, dass Filme oft auf den Regisseur reduziert werden. Und in Anbetracht der Tatsache, dass all die Teilkünste des Films extrem viel Fähigkeiten verlangen, ist es eigentlich nur natürlich, dass viele Vertreter der Autorentheorie krachend gescheitert sind, denn mit der linken Hand das Drehbuch schreiben, mit der rechten die Kamera halten und dann noch den Darstellern Anweisungen zurufen mündet entweder im Chaos oder Amateurhaftigkeit. Nicht einmal die meisten "hauptberuflichen" Drehbuchautoren oder Regisseure haben auf "ihrem" Gebiet hervorragende Arbeit abgeliefert, sondern häufig auch nur mäßiges bis mittelmäßiges. Warum sollte dann ein Goddard in allem brillieren können?

Je mehr ich von Goddard gesehen habe, umso weniger gehe ich davon aus, dass er mal einen sauberen und kompetenten Film Noir oder Western wie Samuel Fuller & Co. hätte drehen können. Dass er das nicht wollte, steht auf einem anderen Blatt, aber mir geht diese extreme Verweigerungshaltung in der Kunst der Nachkriegszeit mittlerweile bei der Rezeption oft ziemlich auf den Keks. Sei es im polnischen symbolistischen Film wie zum Beispiel SALTO, vielen Fassbinder-Filmen oder eben der französischen Nouvelle Vague. Es mag sein, dass das damals befreiend und erhellend wirkte, aber heute gehe ich da einfach nicht mehr mit. Mich würde mal interessieren, wie @sami und @Sebastian Schwittay das sehen.

LES MÉPRIS habe ich nichts desto trotz sehr genossen und die Schmid-Lektüre war im Nachhinein auch sehr erhellend. Ich liebe seine Texte ohnehin und kann sie nur jedem empfehlen - auch, wenn man die besprochenen Filme nicht gesehen hat!

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vor einer Stunde schrieb Mephisto:

Und in Anbetracht der Tatsache, dass all die Teilkünste des Films extrem viel Fähigkeiten verlangen, ist es eigentlich nur natürlich, dass viele Vertreter der Autorentheorie krachend gescheitert sind, denn mit der linken Hand das Drehbuch schreiben, mit der rechten die Kamera halten und dann noch den Darstellern Anweisungen zurufen mündet entweder im Chaos oder Amateurhaftigkeit. Nicht einmal die meisten "hauptberuflichen" Drehbuchautoren oder Regisseure haben auf "ihrem" Gebiet hervorragende Arbeit abgeliefert, sondern häufig auch nur mäßiges bis mittelmäßiges. Warum sollte dann ein Goddard in allem brillieren können?

Das ist mir doch ein wenig zu sehr Schwarz-Weiß-Malerei. Man muß ja nun nicht jeden mittelmäßigen Regie-Handwerker gleich als Autoren abfeiern. In der Nachfolge der Cahiers-Kritiker und von Andrew Sarris wurde die Autorentheorie natürlich dann ab den 70ern aufwärts immer weiter rumgereicht und auf Alles und Jedes angewandt bis sie etwas sinn- und maßstabslos dann noch in den untersten Schubladen ankam. Und heutzutage wird alles gleich zu Kult gemacht, was den Namen gar nicht erst verdient hat.
Aber wenn ich eben mal so unterschiedliche große Regisseure nehme wie John Ford, Howard Hawks, Alfred Hitchcock, Max Ophüls, Josef von Sternberg, Luchino Visconti oder Kenji Mizoguchi, dann haben die in ihren Filmen trotz aller Widrigkeiten und auch wenn sie nicht der Drehbuchautor ihrer Filme waren, immer ihre ganz eigene Welt erschaffen - und die ist schon allein durch die Inszenierung, die visuelle Ebene oder wiederkehrende Thematiken auch stets aufs Neue erkennbar. Also handelt es sich für mich in diesen Fällen auch um "Autoren". Und darum ging es eben in der "politique des auteurs", die Godard, Truffaut und die anderen Franzosen ins Leben gerufen haben: Sie haben individuelle Handschriften, immer wiederkehrende Thematiken und ähnliche formale Umsetzungen bei den obengenannten Regisseuren, aber auch im US-Genre-Kino der 50er - und das war das ganz Neue - etwa bei Nicholas Ray, Samuel Fuller,  Anthony Mann, Douglas Sirk oder Vincente Minnelli entdeckt, die vorher kaum jemand in der Art beachtet hatte. Und diese Art von Autorentheorrie ist für mich niemals gescheitert, sondern nach wie vor gültig, denn man wird man z.B. einen Western von Anthony Mann sofort von einem von Hawks oder Ford unterscheiden können aufgrund der Inszenierung bzw. des Stils. Es geht also hauptsächlich um Stilfragen, nicht darum, wer das Drehbuch verfaßt hat.
Auch ein Film von Truffaut läßt sich anhand seines Stils wiedererkennen und man wird ihn nie mit einem von Godard verwechseln können. Folglich sind für mich beide Autoren gemäß der "politique des auteurs" oder der Autorentheorie, wie sie dann Andrew Sarris in seinem Buch "The American Cinema" an 1968 für die USA nochmals weiterentwickelt hat. Sarris hat auch nicht jeden US-Regisseur als Autoren eingestuft, sondern Ranglisten erstellt, die von "pantheon" bis "less than likeable" oder "miscellany" gingen. Bei den letztgenannten Kategorien kann man halt keinesfalls mehr von Autoren sprechen, sondern eher von handelsüblicher Konfektionsware.

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@Stefan Schlegel Da gab es offensichtlich ein kleines Missverständnis. Ich wollte Hitchcock, Hawks und Ophüls weder ihre Qualität noch spezifische Charakteristika absprechen. Meine Kritik zielte in die Richtung der "Ausführenden" der Auteurtheorie, nicht derjenigen, die als ihr Vorbild dienten. Und ich schätze ja Truffauts nonchalanten Stil sehr, nur bei einigen Werken von Godard oder Antonioni werde ich beim Schauen mittlerweile ungeduldiger als früher, wo ich noch gern alles "geschluckt" habe, was als hohe Kunst galt. Mittlerweile erkenne ich da für mich persönlich schon deutliche Unterschiede und werde beim Schauen dann auch irgendwann ungeduldig, wenn's zu verquast und "symbolistisch" wird wie im Falle von MARIA UND JOSEPH. Andere Filme fand ich ganz spannend und unterhaltsam (WEEKEND) und LES MEPRIS hat mich immer durch diesen "mythologischen Touch" begeistert. Aber bei Filmen wie PIERROT LE FOU frage ich mich schon, was das soll beziehungsweise fehlt mir da wahrscheinlich auch das "authentische" Seherlebnis aus der Zeit heraus.

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Mir gefallen zwar schon einige Filme von Godard, aber natürlich auch nicht alles. So bin ich mit MARIA UND JOSEPH Mitte der 80er ebenfalls nicht besonders warm geworden und fand den Film damals recht eintönig und schwülstig, habe den seither auch gar nicht mehr gesehen.
Dagegen mag ich mich Deiner Meinung zu PIERROT LE FOU überhaupt nicht anschließen, denn der zählt für mich zu den gelungensten und intensivsten Werken des Regisseurs aus den 60ern. Die oben gestellte Frage "was das soll" paßt für mich hier auch nicht, denn dann müßte  man ja im gleichen Maße jegliche moderne Kunst, moderne Literatur oder moderne Musik des 20. Jahrhunderts, die sich icht mehr an tradierte Formen hält, derart hinterfragen oder gar ablehnen. Und das kann sicher nicht Sinn der Sache sein.
Es geht ja hier nicht mehr um eine traditionelle Erzählung, sondern um das Aufbrechen derselben und um Dargestelltes dem Zuschauer auch als Dargestelltes bewußt zu machen. Wie und auf welch einfallsreiche Art Godard alles Mögliche an vorgefundenem Material etwa aus aus der Literatur oder bildender Kunst mit in den den Film integriert und dabei eine Balance zwischen Fiktion und Realität, zwischen Kunst und Leben aufrecht erhält, das ist meiner Ansicht nach schon genial. Der Film wirkt gerade durch das Spiel mit den verschiedenen Ebenen und durch die ständigen Selbstreflexionen unheimlich frisch und innovativ. Es ist zudem überraschend, was man alles aus Bildern und Tönen machen kann, wie z.B. aus Bildern Wörter werden und umgekehrt, all das ist hier auf wunderbare Weise erfahrbar. Auch die Farbdramaturgie, in der vor allem den Primärfarben Rot und Blau eine ganz wesentliche Rolle zukommt, ist großartig. Ganz abgesehen von den eleganten Kamerafahrten und den superben Bildkompositionen.
Ich habe den Film erstmals im Alter von 15 Jahren gesehen und war schon damals recht beeindruckt, weil das für mich zu der Zeit was ganz Anderes war als die sonst gewohnte Kinokost und eben alles gegen den Strich gebügelt war. Aber doch immer so, daß es äußerst spannend war und daß man am Ball blieb.
Die Story an sich ist selbstverständlich hier nur noch Nebensache. Um was es wirklich geht, das beschreibt Ferdinand/Pierrot ja selbst in einer Szene. Zunächst wenn Velasquez zitiert wird mit dem Satz "Der Raum regiert",  und dann vor allem diese paar entscheidendenden Sätze, die man eigentlich als Leitgedanke  über den ganzen Film stellen könnte:
"Ich habe die idee eines Romans gefunden. Nicht mehr das Leben der Leute beschreiben, nur noch das Leben, das Leben allein; das, was zwischen den Menschen ist, den Raum, den Ton und die Farben. Dahin möchte ich kommen. Joyce hat es versucht, aber man muß das noch besser machen können..."

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