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Soundtrack Board

Sebastian Schwittay

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Über Sebastian Schwittay

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    alter Forumshase

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  • E-Mail
    sschwittay@googlemail.com
  • Website URL
    oddandexcluded.wordpress.com
  • ICQ
    326327659

Profile Information

  • Geschlecht
    Male
  • Wohnort
    bei Heidelberg / Mainz
  • Interests
    Filmmusik, Film, klassische Musik (v.a. des 20. Jahrhunderts), Kunst und Kultur, Geschichte, Architektur

Soundtrack Board

  • Lieblingskomponist
    Elliot Goldenthal, Jerry Goldsmith, Christopher Gordon, Jonny Greenwood, Alex North, David Shire, Leonard Rosenman, Michael Kamen, Marco Beltrami
  • Anzahl Soundtracks & Scores
    ca. 800

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  1. Ja, der Film ist auf jeden Fall ein zweischneidiges Schwert. Wurde auch recht kontrovers diskutiert - viele fanden ihn prätentiös, rein auf Schauwerte und Stil fokussiert. Mir fiel er teilweise auch auf die Nerven, aber in einigen Aspekten geht er auch durchaus in die Tiefe. Auf Letterboxd hatte ich das etwas zu differenzieren versucht: https://letterboxd.com/sschwittay/film/midsommar/ In der kommenden Ausgabe der Cinema Musica habe ich auch etwas umfangreicher zum Score geschrieben.
  2. Nein, Filmmusik hat er nie geschrieben. Er war Zeit seines Lebens eigentlich durchgehend in E-Musik-Kreisen unterwegs, und dort auch extrem einflussreich. Er war ja einer der wichtigsten Kompositionslehrer Europas, hat Generationen von Komponisten ausgebildet, und hatte riesigen Einfluss auf die Herausbildung der Avantgarde nach dem zweiten Weltkrieg. Für Arbeit in anderen Medien hatte er wohl schlicht keine Kapazitäten mehr frei - ob er grundsätzlich Interesse dran hatte, weiß ich nicht. Mir sind jedenfalls keine Äußerungen dazu bekannt.
  3. Berichte dann gerne mal, wie du die Sachen fandest. Die wurden hier im Board ja nicht so stark rezipiert, gerade die CD mit dem Streichquartett und auch A MIDSUMMER NIGHT'S DREAM liefen sehr unter dem Radar. Gibt es aber alles auf Spotify. Welche Scores waren das denn, die du zuletzt von ihm gehört hast?
  4. Naja, und eben darauf, dass Goldsmith bis zuletzt einfach ein brillanter musikalischer Figurenzeichner war und sich den Charakteren seiner Filme maximal angenähert hat. U.S. MARSHALS ist ein Film über erkaltete Menschlichkeit, das gnadenlose Diktat der Arbeitswelt - und über die Figur eines machiavellistischen Unsympathen, der von dieser Welt geschluckt wird, andererseits aber auch voll in ihr aufgeht. Der Film gibt einfach verdammt viel her, und Goldsmiths kaltes, zweckorientiertes Vertonungskonzept funktioniert sowohl als Spiegel von Gerards Persönlichkeit als auch einer fast schon dystopischen Arbeitswelt perfekt. Ich verstand schon damals nicht, wieso der Film allgemein so kleingeredet und ihm die Qualitäten abgesprochen werden - vielleicht kommen die Leute einfach nicht mit seiner Kälte zurecht. Ich persönlich finde ihn menschlich und psychologisch richtig unheimlich, und tatsächlich noch besser als THE FUGITIVE. Ja, mit diesen feinen Irritationen und Eigenwilligkeiten kommt die Fangemeinde selten klar. FIERCE CREATURES ist ja - aus anderen Gründen - auch so ein Fall, und zählt tatsächlich zu den künstlerisch interessantesten Musiken des Spätwerks. Bei Goldsmith kann man da fast schon eine Regel ableiten: wird die Musik von Fans geschmäht, ist sie oft besonders interessant (WARLOCK, MORITURI, FIERCE CREATURES, U.S. MARSHALS...).
  5. Ist ja schon länger bekannt, und wurde auch hier im Thread schon öfter erwähnt: Goldenthal hat sich schon lange von Hollywood abgewandt. Er ist eben in erster Linie Konzert- und Theaterkomponist, und darauf hat er sich in den letzten 15 Jahren auch schwerpunktmäßig konzentriert. Sein Unfall Mitte der 2000er, bei dem er sich ein schweres Schädelhirntrauma zugezogen hat und von dem er sich nur langsam erholt hat, dürfte dazu beigetragen haben, dass er sich dem Stress von Filmvertonungen nicht mehr aussetzen will. Seither schreibt er Filmmusik nur noch für die Filme seiner Frau Julie Taymor. Eine Ausnahme war der eher unauffällige Country-Score für das Robert-Redford-Drama OUR SOULS AT NIGHT von 2017 (wurde aber nicht veröffentlicht). Ganz freiwillig dürfte sein Verschwinden aus Hollywood allerdings auch nicht gewesen sein, denn er hat sich 2006 mit seinem ehemaligen Arbeitgeber Warner überworfen, und hat das Studio verklagt, weil Tyler Bates in 300 Teile von Goldenthals TITUS plagiiert hat, und das Ganze ohne entsprechenden Hinweis im Film gelandet ist. Goldenthal wurde zwar Recht gegeben, und Warner hat ein Statement der Entschuldigung veröffentlicht, allerdings ist Goldenthal seither 'persona non grata' in Hollywood, weil die Studios ungern Leute engagieren, die ihre Arbeitgeber verklagen. (So hat es mir auch Christopher Young während eines Gesprächs beim Hollywood Music Workshop erzählt - er ist ja ganz gut mit Goldenthal bekannt.) Wie auch immer, es kommt ja immer noch regelmäßig neue Musik von ihm: seine Musik für Julie Taymors THE TEMPEST (2010) sein Streichquartett "The Stone Cutters" (2013, auf CD veröffentlicht 2014) seine "Symphony in G sharp minor" (2014, auf CD veröffentlicht 2015) seine Musik für Julie Taymors Theateradaption von A MIDSUMMER NIGHT'S DREAM (2013, digital veröffentlicht 2017) Sowie Bearbeitungen älterer Werke wie die "Othello Symphony" (2013, auf CD veröffentlicht 2014), sowie eine "Michael Collins Symphony", die übrigens nächste Woche auf seinem Label erscheinen wird...
  6. Für Filmmusik-Fans interessant ist auch der dritte Satz von "L'Ascension": beim letzten Abschnitt des Satzes hat man fast Arnold Schwarzenegger vorm inneren Auge, wie er vom Predator durch den Dschungel gehetzt wird (ab 4:55): Der Grund: Messiaen benutzt hier die gleiche Form von Tonleiter wie Silvestri (durchgehend) in seinem PREDATOR-Score. Die oktatonische bzw. verminderte Tonleiter, in der der Abstand zwischen zwei Tönen immer abwechselnd ein Halbton und ein Ganzton ist. Diese Tonleiter ist auch als zweiter Messiaen-Modus bekannt (Messiaen hat die Tonleitern, die er in seinen Werken benutzt hat, 1944 in seinem Buch "Technique de mon langage musical" systematisiert). Insgesamt hat Messiaen 7 dieser "Modi" definiert. Sie kennzeichnen sich durch die besondere Abfolge von Tonabständen (Intervallen), die eben nicht denen von Dur oder moll entsprechen, und es gibt weniger Möglichkeiten der Transposition (die Töne sind z.B. dieselben, wenn man die Leiter auf C, Es oder B startet - andere Töne wären es, wenn man sie z.B. auf F startet). Diese Tonleitern tauchen schon bei Liszt, Debussy und Bartók auf; Messiaen war allerdings der erste, der sie systematisiert und konsequent zur harmonischen Gestaltung seiner Werke benutzt hat. Die oktatonische Halbton-Ganzton-Leiter dürfte der populärste Messiaen-Modus sein, und wird im Jazz, wie auch in der Filmmusik verwendet. Neben Silvestri benutzen ihn auch Christopher Gordon (DAYBREAKERS) und Jonny Greenwood (INHERENT VICE) regelmäßig. Die Leiter im Beispiel oben startet übrigens auf B - in PREDATOR fängt Silvestri häufiger auf E oder G an, also in einer transponierten Form.
  7. ALONG CAME A SPIDER hat ja auch die Besonderheit eines prominenten Klaviersolos, was man so im Spätwerk kaum noch findet, und in seiner zarten Subtilität am ehesten auf A PATCH OF BLUE verweist... Wie man sieht, haben fast alle dieser geschmähten Spätwerkscores spannende Eigenwilligkeiten an sich. Und sie sind alle gut unterscheidbar - wenn man hinhört. Von Analyse habe ich ja gar nichts geschrieben, sondern davon, genauer und gründlicher in eine Musik und ihr Wesen hineinzuhören. Analyse ist dagegen ein systematisches Zerlegen in Einzelbestandteile, was man beim reinen Hören gar nicht leisten kann (und muss).
  8. Danke, freut mich, wenn die Stücke schon mal Anklang fanden. Ich mache gleich mal weiter mit "L'Ascension", dem Orchesterwerk von 1932 (siehe zweites Video oben): Messiaen hat das Werk ein Jahr später auch als Orgelfassung arrangiert, wie er es bei einigen seiner Werke getan hat. Gerade den ersten Satz finde ich auch in der Version für Orgel unfassbar schön - ich finde, dass die Harmonien hier sogar fast noch schöner herauskommen als im Bläserchoral der Orchesterfassung. Außerdem erinnert mich der Satz in dieser Form stark an Francis Seyrigs Filmmusik zu LETZTES JAHR IN MARIENBAD (1961), den vielleicht einige hier kennen werden (Seyrig war übrigens auch Schüler von Messiaen). Harmonisch hat mich schon lange kein Stück mehr so in seinen Bann gezogen wie dieser Satz... und er zeigt, was für ein riesiges Ausdrucks- und Klangfarbenpotenzial in der Satzform des Chorals liegt.
  9. Stimmt halt leider nicht. EXECUTIVE DECISION ist z.B. mit seinen terrassenförmigen und pyramidalen Motiven und Satzstrukturen eine Art später Vertreter des Paranoia-Goldsmith à la TWILIGHT'S LAST GLEAMING, während U.S. MARSHALS eben solche Strukturen kaum aufweist, und mehr als schmucklose rhythmische Studie funktioniert (als Charakterstudie Gerards, siehe oben). Ein bisschen mehr sollte man schon in die Strukturen der Musiken reinschauen, bevor man alle über einen Kamm schert.
  10. Klar, es gibt ja nichts Wichtigeres... Die Arbeit mit dem (prägnanten!) Fanfarenmotiv im Rhythmischen und im Bereich Klangfarbe ist eigentlich interessant und abwechslungsreich genug, da braucht es kein riesiges, ausladendes Thema (das der Charakterisierung der Hauptfigur eh nicht angemessen gewesen wäre... Jones' Figur ist ein resoluter Unsympath, der durch seinen Job zum Arschloch mutiert ist, und kein klassischer Hollywood-Leinwandheld).
  11. Feiner Score, einer meiner Lieblinge im Spätwerk. In Sachen Konzentration und Transparenz vielleicht sogar ein Musterbeispiel für Goldsmiths ökonomischen Spätstil. Kommt ins Haus, zumal ich den Score auch einfach auswendig kenne.
  12. Da wir noch gar keinen eigenen Thread zu diesem faszinierenden und extrem einflussreichen Komponisten des 20. Jahrhunderts haben, hole ich das jetzt mal nach. Olivier Messiaen (1908-1992) zählt zwar schon seit Jahren zu meinen Lieblingskomponisten des 20. Jahrhunderts, aber die derzeitige Krisensituation hat mich mal wieder in die Arme des Franzosen und seiner wundersam-spirituellen Musik getrieben, die in ihrer eigenwilligen Schönheit viel Trost und Zuversicht spenden kann. Wo fängt man an? Messiaens Musik ist schwer mit Worten zu beschreiben, aber so extrem unverwechselbar und sofort wiedererkennbar wie kaum ein anderer Stil eines großen klassischen Komponisten der letzten 150 Jahre. Zur Einführung lasse ich vielleicht den Dirigenten Paavo Järvi zu Wort kommen - in einem kurzen Promo-Video für eine tolle CD, die er Ende letzten Jahres mit dem Züricher Tonhalle-Orchester aufgenommen hat, mit vier frühen Orchesterwerken Messiaens aus den 30er Jahren: Allen seinen Werken gemeinsam - von den 20er Jahren bis Anfang der 90er Jahre - ist eine tiefe Spiritualität, die sich aus Messiaens Naturverbundenheit und seinem Pantheismus speist. Fast alle Werke haben religiöse Bezüge bzw. vertonen Motive der katholischen Glaubenswelt: von der Auferstehung und Verklärung Jesu, über biblische Motive wie die Offenbarung des Johannes, bishin zur Porträtierung von Heiligenfiguren wie Franz von Assisi. Die Zugänge zu diesen Themen sind aber nicht trocken-theologisch und auch alles andere als traditionell, sondern von einer unglaublichen musikalischen (und philosophischen) Poesie und Opulenz geprägt. Messiaens Musik schillert prachtvoll in allen erdenklichen Farben (er selbst war Synästhetiker, d.h. er verband Klänge und Harmonien mit Farben), und seine Werke wirken auch deutlich impressionistischer und "jenseitiger" als die Musik vieler seiner Zeitgenossen. Ein vollkommen eigener und unverwechselbarer Klang, der etwas Magisch-Verzaubertes an sich hat - und durchaus auch etwas Bildhaftes, fast Filmisches. Das Hauptthema seiner Musik ist die Transzendenz, die im christlichen Glauben, aber auch in der Natur liegt. Vögel waren für ihn göttliche Wesen, die eine Brücke zwischen irdischer Welt und himmlischem Jenseits bilden, und deswegen eine besondere thematische Stellung in seinen Werken einnehmen. Messiaen war passionierter Vogelkundler, und hat die Gesänge zahlreicher Spezies annäherungsweise in Musik notiert und in seine Werke miteinfließen lassen. In vielen Werken ab den 1940er Jahren sind solche "Vogelstimmen" im musikalischen Satz verarbeitet, vor allem im Klavier, aber auch in den Holzbläsern. Messiaen schrieb in den 50er Jahren Werke wie "Oiseaux exotiques" für Klavier, Bläser und Schlagzeug, welches die Gesänge exotischer Vögel verarbeitet, sowie einen ganzen "Catalogue d'oiseaux" für Klavier (1958) - ein dreizehnsätziges Werk, wo jeder Satz einen Vogel, und die französische Region, in der er heimisch ist, porträtiert. Ganz im Sinne seiner pantheistischen Weltsicht, nach der sich Gott überall in der Natur manifestiert, werden hier auch die Geographie, das Klima, die Düfte und die Atmosphäre der Landstriche mitvertont. Absolute Naturmusik, wenn man so will. Wichtig für Messiaen war auch seine lange Tätigkeit als Kirchenorganist. Durch alle Phasen seines Schaffens hindurch hat Messiaen für Orgel solo komponiert, und viele seiner Werke (v.a. in den 30er und 40er Jahren) haben choral-ähnliche, an die Orgel-Registratur angelehnte Sätze bzw. lassen sich als transzendente "Gesänge" deuten. Eins der schönsten Beispiele ist der erste Satz des frühen Orchesterwerks "L'ascension" (1932-33) - ein wunderschöner Bläserchoral, der sofort Messiaens eigenwillige modale Harmonik (dazu in den nächsten Tagen mehr!) erkennen lässt. Mit diesem herrlichen Klangbeispiel möchte ich diese Einführung auch schon abschließen - mit Aussicht auf weitere Empfehlungen in den kommenden Tagen und Wochen.
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