Stefan Schlegel

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  1. Ach ja, stimmt, diese NoShame-Zurlini-DVD-Box, die zudem auch noch ESTATE VIOLENTA enthält, gabs ja auch mal vor mehr als 10 Jahren. Nur ist die inzwischen ganz schön teuer geworden: https://www.amazon.de/Valerio-Zurlini-Box-Set-Masterpieces/dp/B000F48DAK Ich dachte jetzt eher an diese normalen US-DVDs (auf Ivy oder Koch), bei denen die Amazon-Kundenrezensionen doch ziemlich abschreckend sind, was den Transfer auf DVD angeht: https://www.amazon.com/Girl-Suitcase-Claudia-Cardinale/dp/B00028G554/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1501519067&sr=8-1&keywords=girl+with+a+suitcase https://www.amazon.de/Girl-with-a-Suitcase/dp/B0001B50EY Ich fand übrigens die 8 Minuten von RAGAZZA CON LA VALIGIA auf der alten CAM-CD immer eine ganz tolle Sache mit zwei der schönsten melodischen Einfälle Nascimbenes überhaupt. Allerdings verliere ich auf der Quartet-CD nach rund der Hälfte der Tracks die Lust an dem Score, weil fast immer wieder dasselbe kommt und es einem dann wirklich zuviel wird. Das Ganze macht somit auf Dauer die Musik für mich eher kaputt, da eine solche Art der Präsentation ja auch nie vorgesehen war und völlig übertrieben ist - wenn wir mal davon ausgehen, daß im Film sicher nicht mehr als die Hälfte der Stücke überhaupt vorkommt. Wenn man so was rausbringt, dann hätte gerade dieser Score wirklich eine richtig gute Gliederung gebraucht - Alternates auf jeden Fall nach hinten platziert, sofern man sie denn haben will! - und nicht von der Sequenzierung her so ein schwaches 08/15-Release, wo einfach alles nur blindlings zusammengewürfelt wurde. Der Booklet-Text ist bezüglich des Films und bezüglich Zurlini ganz gut geraten, zur Musik selbst gibts jedoch außer einem biographischen Nascimbene-Abriss eigentlich gar nichts. Das ist schon auch etwas enttäuschend.
  2. Angus, bezüglich dem”Deguello”-Track täuschst Du Dich. Damit hat Nascimbene überhaupt nichts zu tun gehabt. Für den Film wurde ganz einfach das Arrangement von Nelson Riddle verwendet, das um 1960 herum auf Single und EP (auch in Italien) veröffentlicht wurde und deshalb ziemlich populär war. Du kannst die Riddle-Version auch bei Youtube mehrfach anhören. Auf der Quartet-CD hat man – möglicherweise aus Unkenntnis des Sachverhalts – Riddle gar nicht angegeben und einfach gar nichts zu dem Track dazu geschrieben. Was mich auf der viel zu langen und damit zu repetitiven CD nervt, ist sowieso das lieblose Aneinanderreihen von kurzen Tracks ohne überhaupt irgendwie zu erwähnen, welches Stück sich denn nun auf welche Szene bezieht. In der Art – Seq. 1 bis Seq. 29 – kann man einem selbstverständlich alles Mögliche unterjubeln, das macht wirklich wenig Sinn und ist ärgerlich. Und 50 Minuten Nascimbene-Musik sind doch im Film garantiert nicht drin, oder? Meines Erachtens ist da bestimmt ein ganzer Haufen von Alternativ-Versionen ziemlich wahllos mit ins normale Score-Programm der CD reingezerrt worden, nur um dann mal wieder mit einer langen Spielzeit prahlen zu können. Ich habe den wunderbaren Film vor rund 15 Jahren gesehen, von daher schon eine Weile her, aber mir sind eher so um die 20-25 Minuten mit reiner Nascimbene-Musik in Erinnerung, zumal der Rest des Films im Kontrast dazu ja auch noch mit vielen zeitgenössischen Schlagern aus der Jukebox oder dem Autoradio gefüllt ist. Hast Du den Film erst kürzlich gesehen und kannst daher vielleicht genauer sagen, wie viele der Nascimbene-Tracks der CD wirklich vorkommen? Leider gibts in Deutschland ja immer noch keine DVD von RAGAZZA CON LA VALIGIA. Ich werde mir deshalb demnächst doch die französische DVD kaufen, die qualitativ wohl die beste ist (ganz im Gegensatz zu den kaum empfehlenswerten US-DVDs). Zu Mascitti noch was: Er hat ja an 2002 das Nascimbene-Festival und den Nascimbene-Award in Orsogna ins Leben gerufen und dort auch immer viel Prominenz eingeladen. Er war 2002 noch ein junger Student und da er sich so für Nascimbene engagierte, hat die Witwe von Nascimbene eben ihm dann auch die ganzen Bänder aus dem Nachlaß übergeben, da sie nicht wußte, was sie nach Nascimbenes Tod denn damit machen sollte. Nur ist es halt so: Mascitti kannte und kennt sich mit diesen Bändern auch nicht aus, und die sind anscheinend bis heute – also nach 15 Jahren - nicht mal katalogisiert. Habe diese Info erst letztes Jahr von einem spanischen Freund erhalten, der absoluter Nascimbene-Fan ist, sich unheimlich gut mit dem Werk auskennt, eine Studie über ihn macht und wirklich alles versucht hat, um mit Mascitti in Kontakt zu kommen. Es war schon ein Wunder, daß er überhaupt kurz eine Antwort erhalten hat, was sonst bislang kaum jemand geschafft hat, und er hat Mascitti angeboten, die Bänder mit ihm zusammen zu ordnen, aber selbst da ist der Kontakt offenbar wieder abgebrochen und es kam seither keinerlei Feedback mehr. Mascitti ist schon eine merkwürdige Person, der sich abschottet und andere halt nicht an die Sachen ranläßt.
  3. Ehrlich gesagt wird sich diskographisch in Sachen Nascimbene nicht mehr viel tun. Das CAM-Archiv ist nach der jetzigen Veröffentlichung von UN REIETTO DELLE ISOLE hinsichtlich Nascimbene-Scores nahezu ausgeschöpft – im Prinzip kann da nur noch IL DISORDINE von 1962 gebracht werden, der aber wohl von der Spielzeit her eh nicht besonders lang ist. RCA dürfte nichts mehr haben, Beat sowieso nicht, und Cinevox hat halt noch das LP-Master von STORIA DI SAN MICHELE/COMMANDOS, was mit insgesamt 20 Minuten viel zu kurz geraten ist. José Benitez von Quartet wollte COMMANDOS vor ein paar Jahren mal machen, hat dann aber schnell wieder einen Rückzieher gemacht, als er gemerkt hat, daß Cinevox keine kompletten Bänder der Scores hat und nur so wenig Material mit rund 10 Minuten davon dort vorhanden ist Das Problem ist mehr oder wengier, daß der Nascimbene-Nachlaß heutzutage total versperrt ist, daß dessen Verwalter Andrea Mascitti in Orsogna völlig unkooperativ ist und da niemanden mehr ranläßt, nicht einmal selbst ganz genau weiß, was er da eigentlich alles für Schätze hortet. Keines von den ganzen Filmmusik-Labels kann mit ihm zusammenarbeiten und von daher geschieht auch nichts mehr. Das war vor rund 20 Jahren eben noch völlig anders als Nascimbene die Labels wie Beat damals mit seinen eigenen Sachen beliefert hat, die er im Keller in seinem Haus gelagert hatte. Wie man es anhand der CDs ja heraushören kann, haben manche der Bänder wie etwa QUIET AMERICAN, ROOM AT THE TOP oder SONS AND LOVERS die Zeitläufte recht gut überstanden, während anderes wie z.B. FAREWELL TO ARMS recht gehörig in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Gegend, wo Nascimbene gewohnt hat un Rom und vor allem dort unten Im Keller der Wohnung, wo ich selber mal war, als die Bänder gerade ausgeräumt wurden an 2002, ist eine recht feuchte Zone gewesen. Und es kann schon gut sein, daß das den Bändern im Lauf der Jahrzehnte nicht gerade gut getan hat. Wasserschäden sind zudem natürlich auch nicht ausgeschlossen.
  4. Diese Fangemeinde wird natürlich auch immer kleiner angesichts der Tatsache, daß in den Köpfen der jüngeren Generation schon seit vielen Jahren nur noch das US-Kino dominiert und damit natürlich auch die dementsprechenden US-Scores. Diese Sammler haben keinerlei Bezug mehr zu diesen französischen Filmen der 70er/80er. Von daher nicht seltsam, daß es so ist wie es ist. Das war in den 80ern und frühen 90ern eben noch anders. Und da gab es deutlich mehr Sarde-Interessenten unter den europäischen Filmmusik-Sammlern. Hat sich aber alles grundlegend verändert. Hier eines der schönsten Sarde-Themen mit hebräischem Kolorit aus POUR SACHA von 1991:
  5. Für Dich, Ralf, werden von den 17 CDs hauptsächlich diese sinfonischen Scores in Frage kommen, wobei ich Dir einige davon ja schon Ende 90er mal aufgenommen hatte: CD 3 La Chambre des Dames Richelieu CD 4 Le Fils du Français Soleil CD 7 La Trilogie Marseillaise La Femme du Boulanger Le Schpountz CD 9 Les Cœurs Brûlés CD 13 L’Homme de Suez Les Grandes Familles CD 15 Till We meet again Vielleicht dann noch einige Tracks von MONTPARNASSE PONDICHERY (auf CD 6), LA VACHE ET LE PRESIDENT (auf CD 12) und von der CD 10 mit den Jean-Pierre Mocky-Filmen noch ein paar Stücke. Im Großen und Ganzen dann also rund 6-7 CDs von 17. Keine Ahnung, ob Dir das dann einen Kauf wert ist. Das meiste Andere - und ein Großteil der Box ist ja früher bereits auf französischen LPs oder CDs veröffentlicht worden - ist halt typische Easy Listening-Komödienmusik der 70er/80er, die Dir ja sowieso sicher auch nicht zusagen wird.
  6. Es sind ja zwei Scores auf der CD drauf - neben SEDDOK noch die zum Horrorfilm LYCANTHROPUS von 1961. Und da ist schon der Main Title wiederum sehr verwandt mit dem von GIGANTE DI METROPOLIS. Ich habe die CD nur ganz kurz mal hier gehabt, habe aber SEDDOK als die etwas bessere Musik in Erinnerung, obwohl auch das letztlich nicht für mich in Frage kam. Der Main Title mit dem bluesigen North-Zitat fängt nicht schlecht an, es gibt auch noch so vielleicht zwei, drei Tracks wie dann natürlich auch das Finale, die noch in diese Richtung gehen und wo das Thema aufgegriffen wird. Zwischendrin aber ist es dann eher ein Hin und Her zwischen viel klischeehaftem Spannungsgegrummel und Nachtclub-Jazz-Tracks, so daß es für mich zum Durchhören keinen Sinn ergab. Von einem ausdrucksstarken und wirklich klassisch durchkomponierten Horror-Score wie Roman Vlads I VAMPIRI ist das alles doch weit entfernt. Letztlich gewinnt man den Eindruck, daß die vielen monotonen Spannungsmusiken bei diesen ganzen Horror-Geschichten und mit SciFi bzw. Horor gemixten Peplums, die Trovajoli da Anfang 60er - ob notgedrungen oder nicht - zu vertonen hatte, eigentlich absolut austauschbares Füllselmaterial darstellen und als Musik zum autonomen Anhören nicht funktionieren, dafür auch niemals vorgesehen waren. Highlights in seiner Karriere waren das auf keinen Fall oder gar Sachen, die ihm späterhin noch groß am Herzen lagen. In diesen 30 Minuten auf Youtube sind vor allem die Spannungsmusiken aus SEDDOK und LYCANTHROPUS zusammengetragen worden. Da bekommst Du einen Eindruck, was im Endeffekt hier halt doch überwiegt:
  7. Norths STREETCAR-Hauptthema ist übrigens auch schon im Main Title von Trovajoli´s SEDDOK von 1960 (gibts übrigens auch als Digit-CD) kaum zu überhören. Mochte er wohl sehr.
  8. Im Digitmovies-Pressetext wird ja auch auf Nascimbenes ALEXANDER THE GREAT von 1956 hingewiesen, da dort ebenfalls auf die Streicher verzichtet wurde. Bei Nascimbene war das allerdings bei dieser großen Hollywood-Produktion nicht eine Frage des Budgets, sondern in der Tat eine ganz bewußte Entscheidung, um dadurch einen möglichst archaisierenden Klang zu erreichen. Das hat bei Nascimbene selbstverständlich auch eine ganz andere kompositorische Qualität als bei dem dagegen zu vernachlässigenden Canfora-Titel. Nascimbene versuchte wirklich, mit den damaligen Konventionen zu brechen und eine der Antike angemessene musikalische Sprache zu finden, was überaus hörenswert und packend geraten ist. Anders seine Vogehensweise wiederum bei ENEIDE, der vierteiligen TV-Verfilmung von Vergils Äneis von 1971, wo eigentlich nur ein kleines Orchester zum Einsatz kommt. Nascimbene hat dafür eine sehr intensive, elegische Komposition geschrieben, die weniger das äußere dramatische Geschehen paraphrasiert als viel eher die psychologischen Konflikte der Hauptpersonen in archaischen Klangbildern umsetzt, in denen nebst dem fast ständig präsenten Chor lyrische Soli von Viola, Flöte und Kontrabaß bestimmend sind. Im Gegensatz zu anderen rein experimentellen Nascimbene-Arbeiten dieser Zeit eine überwiegend melodische, aber dennoch sehr eigenwillige und subtile sinfonische Musik, die ich allen Italien-Interessierten gerne weiterempfehle. Gerade wenn es um Kammermusik für solch ein Genre gehen soll, dann braucht es eben einen wirklichen musikalischen Könner, um so was richtig gut umzusetzen. Da kann ein Canfora etwa niemals mit einem Giovanni Fusco mithalten. Fusco hat für LA LEGGENDA DI ENEA an 1962 sicherlich eine der ungewöhnlichsten Peplum-Musiken komponiert. Ich zitiere einfach mal aus dem Text, den ich dazu (die erste Scheibe der Doppel-CD enthält ja Fuscos Musik zu LA GUERRA DI TROIA, die dagegen ein deutlich größeres Orchester auffährt) mal vor einigen Jahren verfaßt hatte: “Wiederum verzichtet Fusco fast gänzlich auf Streicher, setzt aber bis auf wenige Fanfaren in der zweiten Hälfte ein eher kleines Orchester ein, so daß man fast von Kammermusik sprechen möchte. Und dabei scheut er keine Dissonanzen, vieles kommt geradezu herb und experimentell daher. Gelungen ist vor allem der wiederholtre Einsatz des solistischen Klaviers mit seinen hämmernden Ostinati. Beeinflusst ist die Musik sehr deutlich vom französischen Neoklassizismus à la Honegger, Strawinsky oder Poulenc. Melodisches erscheint nur in einem bukolischen, aber sehr zurückhaltenden Thema für Äneas und in der Schlussapotheose – der Rest des Scores ist sehr modernistisch gehalten. In Teilen könnte man meinen, daß Fusco bei dieser Arbeit seine bei den Antonioni-Filmen gewonnene Erfahrung der klanglichen Reduzierung und der Tendenz zur Abstraktion auf ein Epos übertragen wollte. Jedenfalls eine sehr ungewöhnliche und hörenswerte Angelegenheit.”
  9. Du willst wirklich eine konträre Meinung dazu hören? Kannste gerne haben. Ich habe die CD mal vor drei Jahren im Tausch aus Italien erhalten, habe sie aber schon längst entsorgt. Das ist für mich so ziemlich die übelste Veröffentlichung in der Peplum-Reihe von Digitmovies gewesen. Der Score ist ziemlich dilettantisch gefertigt, hat keinerlei musikalische Struktur, keinen Zusammenhang und beinhaltet auch keinerlei muskalische Entwicklung. Das ist einfach nur ideen- und konzeptlose Hintergrundmusik, auch mehr kompostiert als komponiert und auf CD eigentlich nicht anhörbar. Ein Vergleich mit Strawinsky erübrigt sich hier für mich völlig und wäre hanebüchen – da liegen ja rein objektiv betrachtet wirklich Welten dazwischen. Offensichtlich hatte Canfora selbst überhaupt keine Lust, für diesen Routinestreifen die Musik zu komponieren. Immerhin hatte er davor an 1958 für den Heinz Rühmann-Film ES GESCHAH AM HELLICHTEN TAG einen ganz interessanten Score geschrieben gehabt. Von der Qualität ist bei REGINA DEI TARTARI allerdings überhaupt nichts zu hören. Hier noch die paar Zeilen, die ich mal vor drei Jahren zur Digit-CD geschrieben hatte: “Um Gottes Willen, das ist ja wirklich über 45 Minuten auf CD unanhörbar, dabei wird man ja zum Elch. Völlig uninspiriert, rein funktional, langweilig und banal, ohne irgendwelche kompositorischen Einfälle, ein ständiges dumpfes Getröte, Gepauke und Getrommel, das nichts einbringt. Außerhalb des Filmzusammenhangs eine totale Niete. Aus musikalischer Sicht gäbe es keinen einzigen Grund, so was überhaupt auf CD zu veröffentlichen. Wird bei mir nicht archiviert, sondern fliegt sofort raus. Das dürfte bislang wohl so ziemlich die schlechteste Peplum-CD von Digit überhaupt sein.”
  10. Trovajoli`s Metier war selbstverständlich Jazz, Swing und Unterhaltungsmusik, was ihn besonders für Komödien geeignet machte. Er hat ja auch genügend Klassiker vertont in dem Genre, die von seinem typischen Sound leben – vor allem in den 60ern und 70ern wie SETTE UOMINI D´ORO, IERI, OGGI, DOMANI, L ´ARCIDIAVOLO, CASANOVA ´70, BRUTTI, SPORCHI E CATTIVI, PROFUMO DI DONNA etc., . Daneben hat er auch Musicals und Songs geschrieben, war auch ein hervorragender Pianist.. Besonders erwähnenswert ist auch sein ganz besonderes Geschick, auf charmant-elegante Weise Barockmusik bei Historienfilmen einzuflechten. Dabei sind ganz wunderbare Sachen wie NELL´ANNO DEL SIGNORE (1969) , LA NUIT DE VARENNES (1982) oder IL VIAGGIO DI CAPITAN FRACASSA (1991) entstanden, die ich persönlich besonders schätze. Auf dem sinfonischen Gebiet hat er herausragende Musiken vor allem für den Kriegsfilm ITALIANI BRAVA GENTE (1963) und das Sophia Loren-Melodram LA CIOCIARA (1960) geschrieben, die zu seinen ambitioniertesten Arbeiten gehören, auch auf Tonträger zu beeindrucken wissen und eben nicht nur atmosphärische Klangkulissen beinhalten.. Seine beste Leistung im Peplum-Genre dürfte wohl SOLO CONTRO ROMA von 1962 sein, aber den Score hat bislang eh noch gar niemand veröffentlicht.
  11. Das Blechbläser-Hauptthema bei GIGANTE ist jedenfalls genau dasselbe wie bei Trovajoli´s MACISTE L´UOMO PIU`FORTE DEL MONDO - beide Filme sind an 1961 im selben Monat in Italien herausgekommen und die hat er wohl auch parallel betreut. Einige mysteriöse Passagen sind aus dem Horror-Score LYCANTHROPUS übernommen worden - auch der nur ein paar Wochen davor entstanden. Und der Rest scheint mir recht nahe an ERCOLE AL CENTRO DELLA TERRA zu sein. Von daher - und da ich den MACISTE habe, der aber auch nicht so berauschend ist, aber dank einiger heroischer und romantischer Abschnitte wohl noch etwas besser hörbar -, habe ich eine Anschaffung von GIGANTE erst gar nicht in Betracht gezogen. Merkwürdig ist eh, daß man Trovajoli damals Anfang 60er für diese SciF/Horror/Peplum-Genre-Mixturen genommen hat. Ist eigentlich gar nicht recht sein eigentliches musikalisches Metier gewesen.
  12. Das Gruppenfoto war mal auf einer Nascimbene-Seite im Internet zu sehen. Anscheinend existiert die Seite inzwischen wohl nicht mehr. In einem der letzten belgischen Soundtrack-hefte von 2001, als es dort einen Nachruf zu Nascimbene gab, war es auch drin. Die ganzen Interviews von mir (Rustichelli, Piccioni und Cipriani) sind alle damals natürlich im Film Music Journal veröffentlicht worden. Aktuell habe ich - weil ich mich damit gerade beschäftige - noch eine kleine Anekdote zum unvollendeten Orson Welles TV-Film THE MERCHANT OF VENICE von 1969 auf Lager. Fur den 30-minütigen Film hat Lavagnino in zwei Tagen einen Score mit einer knappen Viertelstunde geschrieben und hat das gemacht, ohne dafür irgendwelches Geld haben zu wollen. Das Honorar, das er von Orson Welles bekam, waren von diesem auf der Rücksetie von Havana-Zigarrenschachteln gemalte Shakespeare-Charaktere - insegsamt derer 12. Welles hat diese Zigarren immer geraucht und war ein guter Zeichner. Die hat er dann während der Recording Sessions für Lavagnino gezeichnet. An 2015, als die restaurierte Fassung des Films bei der Biennale in Venedig gezeigt wurde, gab es dort auch eine Ausstellung mit diesen Shakespeare-Zeichnungen, die im Nachlaß der Lavagnino-Familie noch vorhanden sind.
  13. Mit Rustichelli habe ich ja an 2002 ein Interview gemacht, als er schon fast blind war. Es war im Prinzip die letzte Gelegenheit, noch so ein Interview mit ihm zu machen, da er zu dem Zeitpunkt schon 85 war und sein Gedächtnis nicht mehr das beste war. Das mit “streng und verkniffen” stimmt überhaupt nicht, er war ein sehr fröhlicher, äußerst bescheidener und warmherziger Mensch. Für mich war das ein sehr bewegendes Erlebnis. Er hat bei allem, was er einem vorgespielt hat, immer mitgesungen – auch bei den Proben zu seinem Konzert, das es in der Villa Medici gab, hat er immer hinter dem Dirigenten noch mitdirigiert und beim Lied “Sinno me moro” aus UN MALEDETTO IMBROGLIO den ganzen Text mitgesungen. Es war einfach köstlich und unvergeßlich. Die ganze alte Garde in Italien war eng miteinander befreundet – also Lavagnino, Nascimbene und Rustichelli kannten sich sehr gut und trafen sich auch öfters zum Kartenspielen – auch Morricone war da mit dabei. Es gibt da ein schönes Gruppenfoto, wo sie alle – auch Carlo Savina und Franco Ferrara - auf einem Sofa in Nascimbenes Haus bei dessen Geburtstag Mitte der 80er Jahre zusammensitzen. Als ich 2003 Piccioni interviewte, hatte ich nebenbei überraschenderweise auch noch die Gelegenheit, Stelvio Cipriani kurz zu treffen – der natürlich zu einer ganz anderen Generation gehört(e) und aus dem Pop-Metier kam - und habe damals auch ein kleines Interview mit ihm gemacht. Die Geschichte mit dem "dead character", auf die Du oben anspielst, ging so: “In unserem Metier ist es sehr schwierig, miteinander befreundet zu sein. Nur ein Beispiel: Manchmal treffe ich Ennio Morricone oder Armando Trovajoli, da wir zum selben Friseur gehen, und unsere einzige Unterhaltung besteht darin, einander “Hallo” und “Auf Wiedersehen” zu sagen. Ein Dialog findet leider nicht statt, obwohl es mir gefallen würde, mich mit ihnen länger über Musik oder Sport zu unterhalten. Ich glaube einfach, daß ich für sie eben ein “dead character” bin, der es nicht wert ist, daß man mehr als ein paar Worte mit ihm wechselt.” Andererseits hat mir Piccioni, der bei Lavagnino Filmkomposition studiert hatte, diese wunderbare Anekdote erzählt: “Was ich noch vergessen habe zu sagen: Einer der damals besten italienischen Filmkomponisten, nämlich Angelo Francesco Lavagnino, ist mein Kompositionslehrer gewesen. Mein zweiter Lehrer, was Orchesterleitung angeht, war dann Carlo Savina. Lavagnino hat eine hervorragende Musik beispielsweise für Orson Welles’ Falstaff (1966) geschrieben. Er war wirklich ein Engel (“un angelo”) und wir haben ihn immer “Checco” wegen dem “Francesco” genannt. Und meine tropische Musik für Mondo di Notte (Die Welt bei Nacht,1960) verdankt seinem wundervollen Score zu Continente Perduto (Der verlorene Kontinent,1955) unheimlich viel. Lange Jahre hindurch hatte ich nichts mehr von Lavagnino gehört, bis er mir eines Tages im Jahr 1979 anrief und zu mir sagte: “Piero, ich war im Kino und habe den Film Cristo si è Fermato a Eboli gesehen. Ich war so bewegt und ergriffen davon - weil ich ja weiß, daß Du damals noch ein Anfänger warst - zu hören, welche Musik Du für diesen Film geschrieben hast. Es ist ein Meisterwerk und die beste Filmmusik, die ich gehört habe!” Das hat mich sehr berührt. Ich habe dann nie wieder von ihm gehört und er ist gestorben. Dies ist sein letzter Telefonanruf gewesen. Natürlich haben mir alle meine Freunde und Kollegen wie Bacalov, Armando oder Ennio damals gesagt, daß ihnen die Musik gefalle und mir gratuliert, aber der einzige Mensch in ganz Italien, der mir extra angerufen hat, um mir zu sagen, wie sehr er von meiner Musik ergriffen sei, war dieser alte Mann!”
  14. Klar, man kann sich die Savina-Doppel-CD schon zulegen und es ist sicher kein Fehlkauf. 50 Minuten kann man sich durchaus in etwa rausholen. Eine CD mit beiden Scores zusammen wäre somit eine richtig gute Sache gewesen. So nun muß man sich alles erst selbst wieder herausziehen oder beim Durchhören eben einiges überspringen. GLADIATORE INVINCIBILE habe ich mir gar nicht erst gekauft. Damals, als die CD erschien, habe ich bei Youtube auch mal länger reingehört in den Film. Die Musik hat mich überhaupt nicht angesprochen. Da fehlen einfach starke Themen und interessante Instrumentierungen, das ist mir zu grobschächtig und aufgedonnert, zu funktional und ohne wirkliches Eigenleben. Musikalisch für mich kein Zugewinn - eben aus der zweiten Garde kommend. Interessant ist ja, daß Komponist Carlo Franci (Jahrgang 1927) dann ab 1965 mit der Filmmusik aufgehört hat und Operndirigent wurde. Er war dann ab Mitte der 70er Jahre sehr oft Gastdirigent hier in Deutschland an der Oper in Frankfurt: http://www.publicopera.info/opera200506/werther_ffm_makingof.html
  15. SETTE A TEBE ist leider mit rund 60 Minuten viel zu lang geraten. Die erste Viertelstunde der CD ist in der Tat recht kraftvoll und energiegeladen geraten, das ist wirklich vielversprechend und thematisch überzeugend, aber dann im Mittelteil hängt der Score auf einmal völlig durch. Dahinschlierende Streichertapeten, Percussion-Ostinati und grummelige Spannungsmusik lassen die Musik zu einem Großteil stagnieren, man verliert plötzlich das Interesse daran. Ab und an kommt natürlich wieder etwas Bewegung rein, sobald das Hauptthema erscheint, aber das ist dann doch nicht mehr so oft wie zu Beginn vermutet. Und gerade die langen Stücke gegen Ende sind viel zu brüchig, holprig und nicht wirklich kompositorisch überzeugend. Insgesamt bleiben dann am Ende immerhin so rund 30 Minuten übrig, die durchaus hörenswert sind. Das ist so in etwa die Hälfte vom Score. Bei ALL´OMBRA DELLE AQUILE sieht es ähnlich aus, denn nach gutem Beginn versandet die Musik bald in viel stupidem Gepauke und Getrommel, das auf CD nicht viel hergibt. Sie erholt sich ab und an und es gibt schon immer wieder den ein oder anderen interessanten Track, aber die ganze Stunde ist wirklich des Guten absolut zuviel und ermüdet dann doch zu sehr. Eine Reduzierung auf die besten Tracks mit etwa 20 Minuten hätte dem Score gut getan, denn damit wäre eigentlich alles gesagt. Am kompostiorisch gelungensten von den Savina-Peplums, wenn auch klanglich schlechter als SETTE A TEBE und ALL´OMBRA DELLA AQUILE, fand ich dagegen L´IRA DI ACHILLE. Der läßt sich noch eher fast in Gänze anhören und es gibt nicht dieses extreme Auf und Ab wie bei den beiden anderen Musiken auf der Digit-Doppel-CD.