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26/52 HENRY V by Patrick Doyle


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Ich bin nun bei der Halbzeit meiner subjektiven Best of Liste angekommen, und daher muss auch ein ganz spezieller Soundtrack her. Außerdem bin ich draufgekommen das ich erste einen einzigen Patrick Doyle Score in meiner Liste habe – das geht ja mal gar nicht.

Also in diesem Sinne – once more unto the breach, dear soundtrack friends, once more!

 

Der kleine dicke Schotte schlich sich nicht langsam in die Filmmusik sondern seine erste Vertonung für einen Film kommt einem Paukenschlag gleich der zu sagen scheint – so hier bin ich, das kann ich und ihr habt noch einiges von mir zu erwarten. Henry V von seinem Freund Kenneth Branagh aus dem Jahr 1989 ist ein ungemein selbstbewusster Debütscore und zählt für mich (natürlich) neben Citizen Kane zum besten Erstlingswerk eines Komponisten überhaupt.

 

Patrick Doyle wurde 1953 in Uddingston in der Nähe von Glasgow in eine Großfamilie hinein geboren – insgesamt waren es neun Kinder – und nach Doyle war und ist es eine ungemein musikalische Familie in der insbesonders der Gesang einen sehr hohen Stellenwert einnimmt (sein Vater und seine Schwester singen auch im Chor von „Non nobis Domine“). Das erklärt auch warum Chor/Gesang so einen zentralen Stellenwert in seinem Filmmusik Oeuvre einnimmt – was Chor/Gesang in Filmmusik betrifft ist er unübertroffen auch die ganz großen Namen der Filmmusik können ihm da meiner Meinung nach nicht das Wasser reichen. Doyle studierte an der Royal Scottish Academy of Music and Drama Gesang und Klavier und arbeitete zuerst auch als Schauspieler (Chariots of Fire) und als Musiker. Er begann in der Renaissance Theatre Company (gegründet von Branagh und David Parfit) ebenso als Schauspieler und Music Director – bei der Produktion von „Twelft Night“ arbeitete er zum ersten Mal mit Kenneth Branagh zusammen und von diesem Zeitpunkt an konzentrierte er sich auch voll und ganz auf seine musikalische Karriere (zum Glück – trotzdem ist er in einigen Filmen von Branagh kurz als Schauspieler zu sehen).

 

 

Doyle war 36 Jahre alt und Branagh gerade mal 29 als beide zum ersten mal für den Film gearbeitet haben - und was für ein Debüt beide ablieferten. Der Film erhielt Oscarnominierungen für Regie und Hauptdarsteller und erhielt die Trophäe für die Kostüme.

Seit der ersten Sichtung von Henry V bin ich unsterblicher Fan von Mr. Branagh und Mr. William Shakespeare – ich erinnere mich noch das ich in den frühen 90er Jahren innerhalb von zwei Jahren alle Shakespeare Stücke gelesen habe. Insofern bin ich Branagh unendlich dankbar dafür das er mir zwei meiner wichtigsten „Lebensbegleiter“ näher gebracht hat.

Ich habe in den letzten Tagen darüber nachgedacht warum mir die Musik von Patrick Doyle so sehr am Herzen liegt und warum ich so eine einzigartige Zuneigung zu seiner Musik habe.  Eine einleuchtende einfache Erklärung ist mir natürlich nicht eingefallen, aber es gibt schon ein paar Punkte die ihn für mich über andere Komponisten erheben.

Zum ersten ist meine Liebe zur Filmmusik zu Beginn der 90er Jahre richtig entfacht und das war auch die Zeit in der Doyle den Durchbruch schaffte, so wurde ich mit Doyle sozusagen filmmusikalisch erwachsen. Ich weiss nicht mehr genau ob Needful Things, Dead again oder Henry V der erste Soundtrack war den ich von Doyle gehört habe, fest steht aber das ich wirklich von Beginn an begeistert war – und das ist mir bisher nicht wieder passiert. Auch Goldsmith brauchte bei mir einige Anläufe obwohl er für mich nach wie vor der beste Filmkomponist aller Zeiten ist.

Zum zweiten habe und hatte ich immer eine große Affinität zur Chormusik und auch zur klassischen englischen Musik (Holst, Elgar, Vaughan Williams). Doyle stellt für mich eine ideale und zugängliche Mischung aus beiden Komponenten dar.

Weiters schreibt er unglaublich warme, noble und unverwechselbare Themen – er hat eine eigene für mich unverkennbare Tonsprache. Trotz fehlenden musikalischen Kenntnissen erkenne ich Doyle Streicher sofort – das geht mir nur noch bei Alfred Newman so. Zusätzlich hat er ein wunderbares dramatisches Musikverständnis und ein großartiges Timing.

Das alles und vieles mehr das wahrscheinlich eher unterbewusst bei mir abläuft macht ihn für mich so einzigartig und persönlich wichtig.

Für mich ist Patrick Doyle wie ein Familienmitglied er begleitet mich seit über 20 Jahren, ich sauge alles auf was es von ihm zu hören oder zu wissen gibt. Seine Musik läuft nahezu täglich irgendwo – er ist ein ständiger Lebensbegleiter und dafür gebührt ihm mein unendlicher Dank – ich durfte den kleinen Schotten auch schon zweimal kennenlernen. Er ist eine Naturgewalt an Freundlichkeit, Offenheit und Humor!

 

Die Fußstapfen in die Patrick Doyle mit seiner ersten Filmarbeit springen musste waren riesig – Sir Williams Walton hatte die großartige Musik zu Laurence Oliviers Version von Henry V aus dem Jahr 1944 beigesteuert. Zudem war es die Vertonung eines ungemein beliebten Shakespeare Stückes und ich kann es mir kaum Vorstellung wie schwer es sein muss mit den Worten Shakespeare musikalisch/emotional mitzuhalten. Doyle wählte dabei eine Mischung aus mittelalterlicher Tonsprache und moderner klassischer Musik und schafft damit einen kraftvolle, einprägsame Ergänzung zur atemberaubend schönen Sprache William Shakespeares. Dabei schafft er es alle Facetten des Dramas auszuloten und adäquat musikalisch zu begleiten. Sind es die wenigen romantischen Szenen mit Emma Thompson oder die große Schlachtpalette von Agincourt oder auch die Selbstzweifel von Henry vor der Schlacht wird eindrucksvoll musikalisch umgesetzt.

 

Im Zentrum der Musik steht das großartige „Non Nobis Domine“ das für mich nach wie vor das größte Chorthema der Filmmusikgeschichte und den größten Wurf in Doyles Karriere darstellt. Der Hymnus steht in bester englische Tradition von Chorwerken etwa von Gustav Holst oder Edward Elgar. Eine filigrane, zurückhaltende und zugleich ungemein noble Komposition die den cinemathographischen und emotionalen Höhepunkt des Filmes hervorragend trägt. Patrick Doyle komponierte das Stück angelehnt an eine Textpassage im Stück (Non nobis Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam) bereits vor Drehbeginn nach ausführlicher Beschreibung der Szene von Ken Branagh. Dank der genauen Beschreibung des Regisseurs benötigte Doyle für die Komposition des Stück gerade mal fünf Minuten. In der Szene nach der Schlacht von Agincourt in der ein toter junger Soldat (Christian Bale) von Kenneth Branagh auf den Schultern über das Schlachtfeld getragen wird kommt ohne gesprochenes Wort aus und ist eindrucksvoll ohne Schnitt gefilmt. Doyle selbst intoniert zu Beginn der Szene den Hymnus der sich immer mehr steigert und mit vollem Chor und Orchestereinsatz endet. Ähnlich wie bei Morricone und Leone wurde die Musik über Lautsprecher während des Filmens wiedergegeben um die emotionale Intensität der Szene zu steigern. Die Szene schafft es jedesmal einen Gänsehautmoment bei mir zu erzeugen.

 

Ein weiterer Höhepunkt der Filmmusik ist die berühmte St. Crispin´s Day Ansprache bzw. die Schlacht von Agincourt. Das 14minütige Stück ist wie eine kleine eigene Symphonie in der alle Emotionen eindrucksvoll bedient werden - eine echte emotionale Achterbahnfahrt. Das Stück beginnt mit rastlosem Schlagwerk (inkl. Bodhran einer irische Rahmentrommel) das die deutliche Übermacht der französischen Streitmacht widerspiegeln soll. Danach kommt wohl die berühmteste Anfeuerungssprache der Literaturgeschichte - St. Crispin´s Day Speech lässt etwa ähnliche Versuche einer Ansprache wie bei Braveheart oder bei Herr der Ringe wie eine Latrinenparole erscheinen. Doyle musikalische Pendant zur Ansprache ist eine erhebendes Motiv das zum Teil auf dem "Non nobis Domine" Thema basiert. Das B Motiv zu dieser erhebenden Szene bereitete Doyle großes Kopfzerbrechen und viel ihm mitten in der Nacht während dem Pinkeln ein :) 

Danach folgt großartige Actionmusik mit tollen Wechsel der Tempi, mal laut mal leise, teilweise aggressiv teilweise zurückhaltend eine wirkliche Achterbahnfahrt, die zwar nicht ganz die musikalische Qualität eines William Walton erreicht aber trotzdem ungemein beeindruckend bleibt inbesondere für eine Erstlingswerk! Besonders toll ist auch das Spotting der Musik.

 

Großartig ist auch das minimalistische "Upon the King". Ein sechs Noten Motiv das nur geringfügig variiert wird, dabei aber musikalisch immens verdichtet wird und einen ungemeinen hypnotischen Effekt hat - erinnert fast ein wenig an minimal music eines Philip Glass. Dieses Motiv spiegelt den Selbstzweifel, die Angst und gleichzeitig die tollkühne Überzeugung Henrys wider. Ein absoluter musikalischer Höhepunkt in Doyles Schaffen.

 

Wie fasse ich es am besten zusammen - ein große, aufrichtige, tief empfundene Komposition eines ungemein talentierten Komponisten. Musik wie Film sind unbedingt hörens bzw. sehenswert. Eine der wichtigsten Soundtracks in meiner gesamten Sammlung - mit dieser Musik verbinde ich so viele emotionale Erinnerungen wie mit kaum einer anderen Filmmusik. Vielleicht der Soundtrack meines Lebens - neben Papillon

 

Ich danke dir Sir Patrick :)

 

 

 

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Stimmt - aber da gäbe es noch einige andere Sachen zur Entstehungsgeschichte der Musik zu erzählen. Simon Rattle war zu der Zeit Chefdirigent des CBSO (City of Birmingham S. O.) und bekannt mit einem Filmfotografen am Set von Henry V - und so kam die Verbindung zustande wenn ich mich richtig erinnere - er hat sich ja auch im Booklet verewigt.

Horner Streicher erkenne ich nicht immer - Doyle schon ;)

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