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Der Perfektionist - Filmmusik von Only Sound

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Hallöchen zusammen!

 

Mein Kollege und ich durften die Filmmusik für den Kurzfilm "Der Perfektionist" schreiben. Nach der Premiere gestern Abend, veröffentlichen wir heute offiziell den Soundtrack. Der Kurzfilm wird dann ab Mitte August online verfügbar sein.

 

Wir sind gespannt auf euer Feedback.

 

Viel Spaß beim Hören :)

 

Der Perfektionist - Soundtrack

 

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Bin jetzt endlich mal dazu gekommen, mich mit Film und Musik auseinanderzusetzen. Daher hier meine recht frischen, aber vielleicht auch vagen Eindrücke.

 

Schmunzeln musste ich bereits bei dem ersten Stück. Hier habt ihr ja sympathischerweise versucht, jegliche Zimmerismen zu vermeiden durch den Einsatz der Solooboe und die bewusst chromatische Melodieführung. Ich finde schade, dass ihr da im Verlauf des Films nichts mehr draus macht, insbesondere bei der Szene auf der theleologischen Fakultät der HU hätte man vielleicht darauf zurückgreifen können. Das Stück impliziert zu Beginn unterschiedliche Assoziationen (jedenfalls bei mir) von Kälte bis zu Einsamkeit und lässt sich nicht klar einordnen, was ich für die Eröffnung des Films sehr gelungen halte.

Ich habe aber den Eindruck, dass die Versuche, aus den üblichen harmonischen Bahnen auszubrechen, etwas in den Kinderschuhen steckengeblieben sind. Vielleicht wäre da eine differenziertere Harmonisierung in der Streicherbegleitung hilfreich, um dem Stück noch mehr Kontur zu verleihen.

Auch, dass die Musik so schnell abbricht, finde ich schade. Das Eintreten der beiden Polizisten hätte man durchaus vertonen können und die Musik erst zu Beginn des Gesprächs ausklingen lassen. Auf "bedrohliches Polizistenmaterial" hätte man dann ebenfalls bei der Schlussszene zurückgreifen können.

 

Dann zum "Gangster-Rumba"(, den ich jetzt spaßeshalber mal so nennen möchte): Ihr schmeißt da relativ viele unterschiedliche lokale Stereotypen durcheinander. Das Cimbalom ist ein Instrument, das klassischerweise in der Ostmitteleuropäischen Volksmusik eingesetzt wird, der tänzerische Rhythmus und die prominent eingesetzt Gitarre sind eher spanische Idiome. Möchte man überinterpretieren, könnte man sagen, dass hier viele nationale Folkloreklischees aufeinanderprallen, um den transkulturellen Schmelztiegel einer urbanen Ghettokultur musikalisch zu charakterisieren. Ich rechne als Rezipient die Musik aber eher dem Protagonisten zu. Hier nimmt die Musik die Charakterisierung eines sorglosen, leichtfüßigen Charakters vor, lässt aber die kriminelle und brutale Seite unter den Tisch fallen. Typische "italienische" Mafiaklänge kommen interessanterweise gar nicht vor. Ist das Absicht oder kann es sein, dass ihr mit dem Cimbalom die für italienische Musik typische Mandoline gemeint habt?

 

Die Streicherklänge bei der Erschießungsszene sind ja hauptsächlich atmosphärischer Natur, jedenfalls konnte ich sie keinem anderen Material aus der Musik zuordnen. Hier hätte ich einen Vorschlag für eine kleine kompositorische Spielerei: Thematisiert wird "Perfektion". Man könnte hier nun ein musikalisches Element nehmen, das mit Perfektion in Verbindung gebracht wird, z.B. einen schulmäßigen Choralsatz - in diesen aber Fehler einbauen (Septimen nach unten auflösen, Sekunden nach oben etc.) und nach der Exekution, wenn die Perfektion erreicht ist, diese Satzfehler in einer Wiederholung korrigieren.

 

Der Film zeichnet sich durch die meiner Ansicht nach überambitionierte Stilisation aus, die vielen Kurzfilmen zueigen ist. Elaborierte Kamerafahrten, Zeitlupenspielereien etc. und Symbolik wie der Verzehr der Pizza in Nahaufnahme. Dagegen habe ich nichts einzuwenden, problematisch wird es allerdings, wenn diese Ambition allzu deutlich in den Dialogen hörbar wird. Das ganze Gespräch um Perfektion ist ziemlich aufgeblasen und Sätze wie "Sehen Sie, durch Ihre Umstrukturierung haben Sie einen gewissen Anteil an Mehreinnahmen, den Sie mit uns hätten teilen müssen." wirken in dem Kontext des Films einfach nicht. In diesen Fällen ist weniger meistens mehr.

 

So viel dazu von mir :)

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... insbesondere bei der Szene auf der theleologischen Fakultät der HU...

Knapp daneben - aber nahe dran. ;) Ist auf dem Nachbargebäude, gehört zufällig meiner Firma. ;)

 

Danke auch für deine Kritik zum Film. Als Regisseur des Films kann ich deine Kritik durchaus nachvollziehen. Natürlich ist man selbst immer ein wenig perfektionistisch veranlagt (höhö). Der Film entstand mit einem Kollegen zusammen, es stecken viele kleine Details und Ideen drin und natürlich ist man immer schnell dabei, bei Kurzfilmen zu viel in zu wenig Zeit zu wollen. Aber hey, man lernt mit jedem Projekt dazu. Ich bin zufrieden, habe aber wieder einiges gelernt. Grade durch solche Kritik können wir Sachen mitnehmen und sie vielleicht nächstes Mal besser machen. Also nochmals Danke. ;)

 

(Musikalisch überlasse ich den Machern die Bühne. Dazu sag ich nichts mehr. Ich persönlich bin sehr zufrieden mit der Musik. :P)

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Danke für deine ausführliche Kritik Gerrit! Schön, dass sich jemand die Zeit nimmt, um die Musik etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

 

 

 

Schmunzeln musste ich bereits bei dem ersten Stück. Hier habt ihr ja sympathischerweise versucht, jegliche Zimmerismen zu vermeiden durch den Einsatz der Solooboe und die bewusst chromatische Melodieführung. Ich finde schade, dass ihr da im Verlauf des Films nichts mehr draus macht, insbesondere bei der Szene auf der theleologischen Fakultät der HU hätte man vielleicht darauf zurückgreifen können. Das Stück impliziert zu Beginn unterschiedliche Assoziationen (jedenfalls bei mir) von Kälte bis zu Einsamkeit und lässt sich nicht klar einordnen, was ich für die Eröffnung des Films sehr gelungen halte.

Ich habe aber den Eindruck, dass die Versuche, aus den üblichen harmonischen Bahnen auszubrechen, etwas in den Kinderschuhen steckengeblieben sind. Vielleicht wäre da eine differenziertere Harmonisierung in der Streicherbegleitung hilfreich, um dem Stück noch mehr Kontur zu verleihen.

Auch, dass die Musik so schnell abbricht, finde ich schade. Das Eintreten der beiden Polizisten hätte man durchaus vertonen können und die Musik erst zu Beginn des Gesprächs ausklingen lassen. Auf "bedrohliches Polizistenmaterial" hätte man dann ebenfalls bei der Schlussszene zurückgreifen können.

 

 

Es ist schön zu lesen, dass du beim Intro genau die Empfindungen hattest, die wir beabsichtigt haben. Die Musik sollte hier etwas nebulös klingen, Ungewissheit ausstrahlen und schlecht zu greifen sein. Das der Cue-Out so früh kommt, hast du dem Regisseur zu verdanken. Wobei wir die Entscheidung natürlich auch mitgetragen haben. Warum wir diesen Musikstil nicht noch weiter aufgegriffen haben hat einen ganz einfachen Grund: Wir haben den Anfang zum Schluss des Projektes geschrieben, da noch nicht wirklich feststand, ob wir den überhaupt vertonen sollen.

 

Aber noch eine Frage: Welche Solooboe? ;)

 

 

Dann zum "Gangster-Rumba"(, den ich jetzt spaßeshalber mal so nennen möchte): Ihr schmeißt da relativ viele unterschiedliche lokale Stereotypen durcheinander. Das Cimbalom ist ein Instrument, das klassischerweise in der Ostmitteleuropäischen Volksmusik eingesetzt wird, der tänzerische Rhythmus und die prominent eingesetzt Gitarre sind eher spanische Idiome. Möchte man überinterpretieren, könnte man sagen, dass hier viele nationale Folkloreklischees aufeinanderprallen, um den transkulturellen Schmelztiegel einer urbanen Ghettokultur musikalisch zu charakterisieren. Ich rechne als Rezipient die Musik aber eher dem Protagonisten zu. Hier nimmt die Musik die Charakterisierung eines sorglosen, leichtfüßigen Charakters vor, lässt aber die kriminelle und brutale Seite unter den Tisch fallen. Typische "italienische" Mafiaklänge kommen interessanterweise gar nicht vor. Ist das Absicht oder kann es sein, dass ihr mit dem Cimbalom die für italienische Musik typische Mandoline gemeint habt?

 

Gangster-Rumba! Was für ein geiler Titel!

Du hast vollkommen recht - wir mischen hier sehr viele musikalische Nationalitäten. Der ursprüngliche Plan war, möglichst viele Mafiaklischees zu verwenden. Es ist am Ende dann sehr spanisch geworden. Aber wir haben auch versucht die russische Mafia zu streifen. Ein Beispiel dafür ist der russische Chor am Ende. Hört man eigentlich, dass da nur zwei Leute singen?

Wir haben gar nicht wirklich streng darauf geachtet, dass gewisse Instrumente (wie das Cimbalom) gar nicht mafiös vorbelastet sind. Ein Marimba hat ja eigentlich auch nichts in einer klassischen Mafiamusik zu suchen oder? Es ging uns dabei eher um die Klangfarbe. Es war also keine logische Entscheidung, sondern eine aus dem Bauch heraus. Wir haben zum Beispiel auch ein paar kleine Westernanspielungen in der Trompete drin. Die machen ja handlungstechnisch gar keinen Sinn. Sie sind einfach da, weil wir es witzig und geil fanden :D.

Den Hauptteil der Musik haben wir mit einem gewissen Augenzwinkern geschrieben. Das erklärt auch, warum wir die "blutige" Seite des Hauptcharakters nicht deutlich gemacht haben. Für uns stand bei ihm einfach seine arrogante, schnippische und egozentrische Art im Vordergrund. Der gesamte Film hat für uns etwas Ironisches. Das haben wir versucht in dem Motiv des Hauptcharakters und auch in dem des Antagonisten auszudrücken.

 

Die fehlende Mandoline hat auch ganz praktische Gründe - wir hatten kein geeignetes Sample :D.

 

 

Die Streicherklänge bei der Erschießungsszene sind ja hauptsächlich atmosphärischer Natur, jedenfalls konnte ich sie keinem anderen Material aus der Musik zuordnen. Hier hätte ich einen Vorschlag für eine kleine kompositorische Spielerei: Thematisiert wird "Perfektion". Man könnte hier nun ein musikalisches Element nehmen, das mit Perfektion in Verbindung gebracht wird, z.B. einen schulmäßigen Choralsatz - in diesen aber Fehler einbauen (Septimen nach unten auflösen, Sekunden nach oben etc.) und nach der Exekution, wenn die Perfektion erreicht ist, diese Satzfehler in einer Wiederholung korrigieren.

 

Cool Idee! Ist für Teil 2 vorgemerkt. Wir wollten hier einfach nur die Szene dramatisch untermalen, um sie mit der für den Hauptcharakter typischen Leichtfüßigkeit "aufzulösen".

Insgesamt haben wir einfach auch sehr viel ausprobiert. Dafür sind solche Projekte ja immer eine gute Chance.

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Finden sich noch ein paar geschulte Filmmusikohren für Feedback? Ich lege zwar sehr viel Wert auf Mephistos Einschätzung, aber sie ist bisher leider die einzige. Für uns Nachwuchskomponisten ist Kritik sehr wichtig. Ich würde mich freuen wenn sich noch ein paar Hörer und Kritiker finden würden :)

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