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Mike Rumpf

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  1. Irgendwie wirken die Oscars in den letzten Jahren immer absurder. Die Auswahl der Nominierten und die Gewinner erscheinen mir oft ziemlich wahllos. Coda als bester Film? Ein Remake eines französischen Erfolgsfilms, welches sich fröhlich bei Caroline Links "Jenseits der Stille" bedient. Das ist ein netter Crowdpleaser, aber kaum mehr.
  2. Coco Chanel & Igor Stravinsky (Frankreich 2009, Regie: Jan Kounen) Über weite Strecken ist das Biopic über die Liebesaffaire zwischen der berühmten Mode-Designerin und Stravinsky (Mads Mikkelsen) traumhaft anzuschauen. Der Film beginnt mit der Uraufführung des "Sacre" in Paris, eine bemerkenswerte Ensemble-Szene mit Ballett-Aufführung, Orchester-Spiel, Eklat auf den Rängen und der spannungs-geladenen Situationen hinter dehn Kulissen. Auch sonst sonst ist Kounens Film, an Originalschauplätzen gedreht, edel ausgestattet mit erlesenen Kostümen. Die wort-karge Handlung fällt dem gegenüber ab. Es ist eben eine klassische Dreiecksgeschichte, die hier erzählt wird. So richtig weiß das Drehbuch auch nicht, wie es die Handlung zu einem Abschluss bringen soll. Der Film endet mit einer nicht uninteressanten, aber insgesamt doch etwas unmotiviert wirkenden Montage-Sequenz. Trotzdem sehr sehenswert, finde ich. Sehr gelungen ist auch die Integration von Stravinsky-Stücken mit der Filmmusik von Gabriel Yared.
  3. Invictus (USA 2009, Regie: Clint Eastwood) Eastwoods Manela-Biopic über dessen Präsidenzschaft und die Rugby-WM 1995, die Südafrika letztlich gewann, ist ein edles Stück Erbauungskino dessen Optimismus wider allen Hindernissen gerade in diesen Tagen sehr wohltuend ist. Morgan Freeman ist absolut großartig als Mandela. Die offenbar präzise nachempfundenen Rugby-Szenen sind virtuos getrickst und der Dreh an Original-Schauplätzen lässt den Film besonders stimmungsvoll wirken. Feines klassisches Erzählkino. Wenn gut gemacht, mag ich das. Und das ist hier definitiv der Fall.
  4. Sehe ich ähnlich. Natürlich hat das Ganze eher B-Movie-Charakter und ist am Ende wirklich arg überfrachtet. Aber eine solide spannende Action-Unterhaltung ist das für mich allemal.
  5. The Shape of Water (USA 2017, Guillermo del Toro) Das ist einer derjenigen Filme, bei denen ich mich ernsthaft frage, warum der so viele Preise gewonnen hat. Del Toro plündert sich hier für seine "Beauty and the Beast"-Variante fröhlich durrch die Filmgeschichte, mixt E.T., Die fabelhafte Welt der Amelie mit Der Schrecken vom Amazonas und eben The Beauty and the Beast. Der Plot um eine Reinigungskraft in einem geheimen Forschungslaborie, die sich in ein Amphibienwesen verliebt und es befreit, ist so plakativ und unterkomplex erzählt, dass es unfassbar öde ist. Hier kämpfen Vertreter amerikanischer Minderheiten gegen den alten weißen Mann. Michael Shannon spielt Richard Strickland, der das "Monster" am liebsten tot sähe - ein rassistischer sexistischer Sadist, der völlig überzeichnet wird. Desplats oscar-prämierte Filmmusik suhlt sich im Amelie-Kitsch und die stilisierten Bilder von Dan Laustsen tauchen alles in einen Grünfilter, der an Die Stadt der verlorenen Kinder erinnert. Gäbe es nicht ein paar Gewaltspitzen und Nacktszenen, wäre das ein reines Kindermärchen - wobei ich denen dann doch eher empfehlen würde, noch einmal Spielbergs E.T. zu schauen.
  6. Star Trek Discovery - Staffel 4 (Paramount) Discovery war ja schon in den vorangegangenen Staffeln sehr durchwachsen. Staffel 4 ist nun noch einmal ein deutlicher Ausreißer nach unten. Wie hier Diversity missverstanden wird, um seine Toleranz in möglichst gefühlsduseligen Szenen zu beweisen, habe ich als ziemlich verkrampft empfunden. Schlimmer wiegt aber, dass diese Szenen wenig zur Handlung oder der Entwicklung der Figuren beitragen. Dass nach der dritten Staffel nun noch einmal die Existenz der ganzen Galaxie auf dem Spiel steht und in einem arg vorhersehbaren Plot mündet (der ein bißchen an Arrival angelehnt ist), macht diese Staffel völlig zur mühsamen Angelegenheit. Es bleibt dabei, dass die Autoren einfach nicht wissen, was sie mit der Serie anfangen sollen und sich gefühlt von Staffel zu Staffel schleppen. Eigentlich schade, weil die Serie zumindest visuell immer wieder beeindruckt. BTW: In Staffel 4 hat David Cronenberg einige schöne Cameos. PS: Zwei Albernheiten in der Serie die völlig absurd wirken. 1. Obwohl die Discovery inzwischen technologisch weit fortgeschritten ist, schaffen es ständig Eindringlinge (auch aus den eigenen Reihen), die Sicherheitsmaßnahmen zu umgehen und sich z.B. auf die Brücke zu beamen. 2. Eigentich hat die Sternenflotte ja ein eher militärisches Rängesystem. Aber trotzdem kann ein Kadett mal evben zum ersten Offizier werden, darf ein Nicht-Mitglied auf der Brücke ein- und ausgehen. Und wenn sich jemand gegen Vorschriften widersetzt, hat das selten ernsthafte Konsequenzen. Solche Dinge gab es zum Teil auch in den Ur-Serien. Aber Discovery treibt das nun echt auf die Spitze.
  7. Inventing Anna (USA 2021, Netflix) Verfilmung der Lebengeschichte von Anna Sorkin, einer mittellosen russischen Socialite, die in den USA vor einigen viel Aufsehen erregte, indem sie sich erfolgreich als reiche Erbin ausgab und in der High Society für einige Zeit ein- und ausging, sich viel Geld erschlich, bevor dann der ganze Schwindel aufflog. Die Netflix-Serie verhandelt diese Trickbetrügerin erstaunlich differenziert, ohne einfache gut-böse-Schemata. Spannend ist auch der Blick auf die oberen Zehntausend, die so reich sind, dass es sich nicht mehr schickt, nach der Kredtitwürdigkeit des Gegenübers zu fragen, solange der Habitus von Aussehen, Benehmen und Kleidung stimmt. Inventing Anna erzählt damit letztendlich sehr viel über die Zeit, in der wier leben. Dabei hat das Drehbuch immer wieder kleine Wendungen im Gepäck, die der ohnehin schon unglaublichen Geschichte eine weitere Dimension verleihen. Absolut großartig ist Julia Garner in der Hauptrolle. Ich finde auch die Filmmusik von Kris Bowers (Bridgerton) in ihrer elektronischen Verspielheit als Sinnbild der Oberflächlichkeit sozialer Netzwerke und der dort produzierten Scheinbildern sehr passend.
  8. Die schönste Frau - La moglie più bella (Italien 1970, Damiano Damiani) Intensives Filmdrama (nach wahren Begebenheiten) um eine junge Frau in Sizilien (Ornella Muti in ihrem Filmdebüt), die von einem Mafiosi erst umworben, dann entführt und vergewaltigt wird. Damiani erzählt das als archaisches, unsentimentales Drama, dass kaum weiter vom italienischen Exploitationskino der 70er entfernt sein könnte. Dabei beeindruckt, wie sehr Damiani hier eine feministische Position einnimmt und damit seiner Zeit im Grunde ein gutes Stück voraus war. Morricones Filmmusik ist ähnlich stark. Herausragend etwa die Vertonung des Abendessens, bei dem Mafiosi und Eltern aufeinandertreffen. Eine Szene, die erst durch die kantige, fatalistische Musik ihr ganzes Bedrohungspotential entfaltet. Mir hat von Damiani ja auch schon L'isola di Arturo sehr gefallen. Was beide Filme auszeichnet ist, wie differenziert und subtil die Figuren und ihre Motivationen gezeichnet werden. Die schönste Frau gibt es in Deutschland auf BluRay mit ausführlicher Hintergrund-Doku. Kann ich nur empfehlen.
  9. Titane (F 2021, Julia Ducournau) Über den letzjährigen Gewinner der Golden Palme wurde ja schon viel geschrieben. Titane ist wahrlich ein wilder, radikaler und absurder Trip, von dem eine seltsame Faszinationskraft ausgeht. Der Plot dreht sich um Alexia, der man als Kind nach einem Verkehrsunfall eine Platte aus Titane in den Schädel gesetzt hat und die in der Folge einen Fetisch für Metall und Autos entwickelt. Das Trauma wirkt auch in ihr Erwachsenenleben nach. Aus einer Unfähigkeit zu Beziehung heraus entwickelt sie sich zur Serienmörderin... Zwischen Body Horror, Traum-Bewältigung, Gewalt-Rausch und Aussöhnung ist Titane über weite Strecken ein nihilistischer Film, der erst im letzten Drittel zu so etwas wie Hoffnung Anlass gibt. Der große Erfolg in Kritikerkreisen mag daran liegen, dass Ducournaus Film durch seine Unnahbarkeit und Genrewechsel viel Raum für tiefenpsychologische Projektionsflächen lässt. Doch das Ganze ist so sehr gegen den Strich gebürstet, dass ich mich schon ein wenig gefragt habe, was das alles eigentlich soll. Aber vielleicht wollte die Regisseurin auch nur die körperliche Verwandlung und Entfremdung von eigenen Körper während einer Schwangerschaft mit möglichst drastischer Symbolkraft bebildern. Filmisch gibt es viele Vorbilder. Da mag man an Polanskis Rosemarys Baby oder Cronenbergs Crash denken. Und vielleicht ist das letztlich auch der größte Einwand gegen Titane. Dass die Regisseurin hier vor allem geschickt rekombiniert, aber nicht zu einer wirklich rundum überzeugenden eigenen filmischen Vision findet. Sehenswert ist Titane aber dennoch, sofern man Lust auf Abseitiges hat.
  10. The lost Daughter (USA 2021, Maggie Gyllenhaal) Romanverfilmung eines Buches von Elena Ferrante (Meine geniale Freundin), die hier (vermutlich corona-bedingt) nach Griechenland verlegt wurde. Olivia Coleman spielt hier die einsame Leda in mittleren Jahren, die einen Strandurlaub auf einer Insel verbringt. Die Idylle wird jäh gestört, als eine Großfamilie einfällt und den Strand auf unangenehme Weise in Beschlag nimmt. Als die Tochter einer jungen Mutter verloren geht, fühlt sich Leda - selbst Mutter zweier Kinder - an die eigene Vergangenheit erinnert. Sie beginnt, mit den eigenen Lebensentscheidungen zu hadern. Was in dieser Kurzfassung vielleicht etwas seltsam klingt, ist ein beeindruckend subtiles Filmdrama, in dem Gyllenhaal virtuos mit Erzählelementen und Zeitebenen spielt. Großartig ist, wie sie in einzelnen Szenen immer wieder eine beklemmende Spannung aufbaut, den Zuschauer verunsichtert und die Situation dann auf unerwartete Weise auflöst. Die Filmmusik von Dickon Hincliffe unterstützt das auf hervorragende Weise (vielleicht aber nicht unbedingt eine Musik, die auch abseits der Bilder besonders gut funktioniert). Die Kamera-Arbeit von Hélène Louvart ist exzellent. Und die Schauspieler allen voran Olivia Coleman und Jessie Buckley sind oscar-verdächtig. Ein toller Film und sicher einer der besten des Jahrgangs. Warum der nicht für den besten Film nominiert bei den Oscars nominiert wurde, verstehe wer will.
  11. Being the Ricardos (USA 2021, Aaron Sorkin) Ich fand ja Sorkins The Trial of the Chicago 7 im Vorjahr eher durchscnittlich.Sein neuer Film ist reifer, profitiert aber auch davon, dass der limitierte Schauplatz (fast alles spielt in einem Fernsehstudio) hier viel mehr Sinn macht als beim Vorjahresfilm, der die Stimmung der späten 60er verfehlt, weil fast die gesamte Zeit im Gerichtssaal debattiert wird. Sorkin erzählt hier von der 50er Jahre Sitcom I love Lucy, die damals vor Live-Publikum aufgezeichnet wurde. Nicole Kidman und Javier Bardem spielen ein Schauspielerpaar, dass hinter der Kamera um gute Gags und Dialoge und immer wieder auch um die eigene Ehe ringt, wobei über Lucille zu allem Überflüss auch noch ein Kommunismus-Vorwurf als Damokles-Schwert hängt. Kondensiert auf die Produktion einer Episode begleitet der Film eine Woche im Leben der Beiden. Das ist wunderbar gespielt, mit starken Dialogen und einer berührend-melancholischen Musik von Daniel Pemberton versehen. Toller Film, der zugleich auch die Produktionsbedingungen im TV der 50er Jahre auf charmante Weise wieder auferstehen lässt.
  12. Ich bin Dein Mensch (D 2021, Maria Schrader) Das Vorzeigeland der Digitalisierung macht einen Film über künstliche Intelligenz: In Maria Schraders neuem Film bekommt eine Anthropologin einen menschen-ähnlichen Androiden nach Hause, der per Algorithmus als "perfekter Partner" programmiert ist. Nach drei Wochen soll das Experiment enden und sie ein Gutachten verfassen, ob die Roboter eine Zulassung bekommen sollen. Doch was macht das mit einem, wenn das Gegenüber Dinge sagt, nicht weil es sie meint, sondern weil sie einprogrammiert wurden. Kann die Illusion des perfekten Partners funktionieren oder ist es ein Selbstbetrug? Ich bin Dein Mensch verhandelt spannende Fragen. Doch damit man sie sinnvoll diskutieren kann, braucht ein Film ein überzeugendes Setting. Doch gerade das fehlt hier. Das Gegenwarts-Berlin steht im krassen Gegensatz zum hier gezeigten technischen Fortschritt in der KI oder der Hologramm-Technik. Der Rahmen des Experiments wirkt absurd unwissenschaftlich (kein Monitoring). Wie der Android sich mit Strom versorgt? Egal. Nun könnte man sagen: Ist halt ein philosophisches Filmmärchen um das Wesen der Liebe und kein Big Budget-SciFi. Doch das alles ist so bieder fernsehhaft gefilmt, so statisch gespielt und inhaltlich feige, um auch mal Abgründe auszuloten - dass es unfassbar öde ist. Um das mal an einem konkreten Beispiel festzumachen: Dass abschließende Gutachten (dass vom Einsatz der Androiden abrät) wird aus dem Off vorgelesen. "Show, don't tell" - möchte man zurufen... Eigentlich auch drollig, wie wenig man der Produktion vertraut hat: Premiere war für den deutschen Oscar-Beitrag direkt im Fernsehen. Wenn man Schraders berührende Netflix-Miniserie Unorthodox sieht, ahnt man dass hier auch die Produktionsbedingungen Schuld sein könnten und nicht die Regisseurin. Wie dieser zutiefst mittelmäßige Film aber dan noch den deutschen Filmpreis gewinnen konnte, während zum Beispiel der ungleich relevantere "Die Saat" leer ausging, wirft bei mir echt Fragen auf. Das Vorzeigeland der Digitalisierung macht einen Film über künstliche Intelligenz. Und genau so sieht er aus.
  13. Coda (USA 2021, Siân Heder) Coda ist ein Remake des französischen Films Verstehen Sie die Béliers? (2014) wobei der Schauplatz vom Bauernhof an die Küste verlegt wurde. Großes Vorbild beider Produktionen dürfte aber Caroline Links Jenseits der Stille (1996) sein, von dem der ein oder andere Gag dann doch entliehen ist. Aber nach 25 Jahren darf man eine Geschichte gerne noch einmal erzählen. Alles an Coda ist nett und charmant, im positiven wie im negativen Sinne. Einmal mehr geht es um eine junge Frau, deren Eltern gehörlos sind und die bei jeder Gelegenheit dolmetschen und aushelfen darf, aber eigene (musikalische) Ziele verfolgt. Die Klarinette aus Jenseits der Stille ist hier der Gesang. Sian Heder erzählt das alles unverkrampft, mit leichter Hand. Das ist schon sehr unterhaltsam, hübsch bebildert und gut gespielt. Emilia Jones (Locke & Key) ist eine kleine Entdeckung. Mehr als solides Arthouse-Wohlfühlkino ist das trotzdem nicht und sicher nicht einer der besten Filme des abgelaufenen Kinojahres.
  14. Sehr erwartbare Nominierungen, wobei ich noch eher mit French Dispatch und Spencer gerechnet hätte. Encanto war klar, Dune und The Power of the Dog waren klar. Hoffe auf einen Sieg für Greenwood.
  15. Laut Variety wird die Musik zum Spielberg-Film nächsten Monat aufgenommen. https://variety.com/2022/artisans/news/john-williams-turns-90-celebrating-1235172996/?fbclid=IwAR2eeh_5oExat2w7T37iinexALO7R481Os9EN3UMWcHMhsO2Z2DJG2jB0sM
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