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Stefan Schlegel

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Leistungen von Stefan Schlegel

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  1. Na ja, Jasmine ist halt auch wieder so ein typisch semi-legales Label, das sich die Public Domain-Situation älterer Musiken vor 1964 hier in Europa zunutze macht. Jürgen, wir kennen doch beide das europäische Leistungsschutzrecht zur Genüge. Deshalb bringen die selbstverständlich auch lauter Titel, die vor 1964 veröffentlicht wurden wie etwa die uralten Williams-Jazz-Alben oder DIAMOND HEAD. Das sind dann eben die üblichen LP-Rips. Auch bei dem Hitchcock-Album sieht man, daß nach PSYCHO mit dem Datum 1960 nichts mehr dabei ist. Und die haben dafür halt nun zumeist die Main Titles direkt von den alten Filmen runtergenommen, bei so was wie NORTH BY NORTHWEST oder VERTIGO dagegen sicher ein wenig was von bereits existierenden CDs. Das geht alles völlig problemlos ab ohne irgendwelche großartigen Lizenzierungen, weil kein Hahn mehr danach kräht, und ist genau dasselbe, was z.B. Disques Cinémusique seit ein paar Jahren mit all ihren vielen meist nach Schauspielern angeordneten digitalen Soundtrack-Samplern machen. An irgendwelche Originalbänder braucht man hier gar nicht erst denken.
  2. Die Mauceri-CD habe ich selbst nicht und kann daher nicht viel dazu sagen. Bei diesen Collection Cinezik-Auszügen von Youtube oben ist ein leichtes Durcheinander entstanden. Das Stück aus STRANGERS ON A TRAIN gehört zu I CONFESS und umgekehrt. Ist natürlich schon auf Youtube falsch so bezeichnet worden. Außerdem muß man hinzufügen, daß das I CONFESS-Liebesthema nicht von der Originalaufnahme stammt, sondern genauso wie der DIAL M FOR MURDER-Track eine Cover-Version darstellt, die Mitte der 50er für den Tiomkin-Sampler "Movie Themes from Hollywood" aufgenommen wurde. Bezeichnenderweise fehlt in dem Stück daher auch die für den Score so prägnante Solo-Vokalise, wodurch sofort erkennbar ist, daß es sich nicht um das Original handelt. Einige der Stücke auf der LP sind sehr auf den Unterhaltungsmusikstil der damaligen Zeit umarrangiert worden - bei DIAL M etwa merkt man das ganz besonders -, bei I CONFESS hingegen ist es noch einigermaßen akzeptabel. Das hier ist die LP und immer wieder wird davon eben das 3-minütige I CONFESS-Liebesthema abgezogen. Im Prinzip ist das auch alles, was vom Score je auf Tonträger veröffentlicht wurde:
  3. Ja klar, es gab ja bereits mehrfach kürzere Suiten von STRANGERS. Auch schon auf diesem Silva-Sampler von 1995: https://www.discogs.com/de/master/1027173-The-City-Of-Prague-Philharmonic-To-Catch-A-Thief-A-History-Of-Hitchcock-II?srsltid=AYCX9vLpS397QRifnlITCC3UmU_3iScttl66y0MIN-1D9YpLC9rvTLI2 STRANGERS ON A TRAIN ist natürlich auch meiner Meinung nach die einduetig stärkere Musik als der insgesamt zu funktional ausgerichtete DIAL M FOR MURDER. Insofern durchaus einen Kauf wert. Daß von SHADOW OF A DOUBT eine komplette CD kommt, das glaube ich jedoch eher nicht, denn beim Großteil der Musik handelt es sich um Adaptionen von Franz Lehars Walzer-Thema aus "Die lustige Witwe" und was Tiomkin selbst noch alles dazu komponiert hat, geht nicht über etwas unausgegorenes Mittelmaß hinaus. Wäre z.B. etwas, von dem man eine kurze Suite noch an STRANGERS anhängen könnte. Viel mehr gibt der sehr frühe Score von 1942 meines Erachtens substantiell nicht her.
  4. Die einen brauchen Kickstarter, um so was heutzutage zu produzieren, die anderen haben - wie in diesem Fall eben wieder die Tiomkin-Erben - tatsächlich genügend Geld, um so was sogar selbst zu stemmen. Schier unglaublich. Eine exzellent eingespielte 16-minütige Suite von STRANGERS ON A TRAIN mit dem Utah Symphony Orchestra unter Charles Ketcham gab es ja bereits 1985 auf Varèse. Hat meines Erachtens den Score auch ganz gut abgedeckt und enorm Spaß bereitet. Insofern ist die jetzige Komplettveröffentlichung zwar ganz interessant, aber gewünscht hätte ich mir doch viel eher I CONFESS, von dem es nach wie vor so gut wie gar nichts auf CD gibt. Da jetzt die beiden anderen Hitchcock-Tiomkins aus den 50ern erstaunlicherweise komplett neu aufgenommen wurden, besteht vielleicht in Zukunft doch noch eine Chance darauf - denn auf I CONFESS warte ich jetzt nun wirklich seit bald 50 Jahren. War ja damals Anfang der 80er sogar noch geplant für einen LP-Sampler. Wenn man sich das Cue Sheet von STRANGERS ON A TRAIN so ansieht, dann kommt man auf ca. 40 Minuten Originalmusik. Da ist noch einiges andere an Source Music dabei, was aber alles nicht von Tiomkin ist. Ich nehme daher nicht an, daß das jetzt auch alles noch mit eingespielt wurde: https://dimitritiomkin.com/18786/strangers-on-a-train-cue-sheet/
  5. Das kann man so eindeutig eigentlich nicht sagen. Lerouge bringt halt seit mehreren Jahren auf Universal France so gut wie alle älteren Einzeltitel nur noch digital heraus - vielleicht mal ab und an noch eine LP - und produziert im Prinzip nur noch große Komponisten-Boxen auf CD wie jetzt gerade die zu Francis Lai. Das ist von daher schon eine völlig andere Veröffentlichungspolitik als bei Music Box. Und auf Fragen französischer Sammler auf der "Ecoutez le Cinéma-Facebook-Seite nach einer etwaigen CD wird gar nicht mehr erst eingegangen. Aber dadurch, daß sich Lerouge eben LA PEAU DOUCE geschnappt hat, ist der Score natürlich für ein anderes Label momentan wohl gar nicht machbar.
  6. Von UNE BELLE FILLE COMME MOI hätten mir eigentlich die zwei Highlight-Tracks völlig ausgereicht, die auf diesem Delerue/Truffaut-Sampler an 2004 bereits oben waren: https://www.discogs.com/de/release/1108013-Georges-Delerue-Le-Cinéma-De-François-Truffaut?srsltid=AYCX9vL0PuR5vdIlptVbtcR_Hr4Hcqjmt3q7_dMVg58SbzU25oLZT1VH Den Rest fand ich zum autonomen Hören schon seit den frühen 80ern eher wenig geeignet. Musikalisch vielleicht ein wenig vergleichbar mit dem letzten Delerue/Truffaut-Score VIVEMENT DIMANCHE von 1983, der auf Tonträger auch nicht wirklich funktioniert hat. Von LA NUIT AMÉRICAINE gabs auf demselben Sampler immerhin schon an die 11 Minuten. Jedoch sind knapp 30 Minuten denn doch mehr als das, was im Film auftaucht, wo immer wieder Teile des "Grand Choral"-Tracks erklingen. Von daher zumindest eine ganz interessante Veröffentlichung - vor allem wenn man den Film sehr schätzt. Den kompletten Rombi L´AFFAIRE MARIE-CLAIRE gibts übrigens auch schon auf Youtube zu hören. Das Hauptthema ist wirklich sehr gelungen, für mich das beste, was ich von Rombi seit langem gehört habe. Da kann man auch ein wenig wabernde Elektronik im Mittelteil noch verkraften. Aber allein das hinreißende, zum Teil schmachtende lange Finalstück verleitet mich schon fast zum Kauf der CD. Etwas Morricone à la Francaise ist da natürlich auch mit drin:
  7. Wenn ich das so lese, meint man ja geradezu, all die Musiken auf dieser jetzigen LLL-CD hätte es noch nie zuvor gegeben. Dabei ist das alles doch bloß ein um drei Scores - und gleich auch noch um eine ganze CD- abgespecktes Reissue der Intrada Doppel-CD "Double Indemnity: Film Noir at Paramount" von 2015. Was soll also das Besondere an der jetzigen Veröffentlichung sein? Als Golden Age-Interessierter hat man sich das normalerweise schon vor rund 10 Jahren zugelegt: https://www.discogs.com/release/8372614-Miklós-Rózsa-Hugo-Friedhofer-Franz-Waxman-Gail-Kubik-Leith-Stevens-Heinz-Eric-Roemheld-Victor-Youn?srsltid=AfmBOopgtT4flWbBwWWuJ5y9BKB1dVcqQJXrGxVLI8ojutVZe6Hjp32V
  8. Natürlich versucht Nolan, mit dem Stoff anders umzugehen, aber es läuft bei ihm dadurch leider auf eine ziemlich groteske Beliebigkeit raus. Und außerdem ist doch die Irrfahrt bereits in der Vorlage höchst sinnbildhaft angelegt, also kann ich doch nicht sagen das sei gar jetzt was Neues. Der Witz beim Ganzen ist ja, daß Nolan die bekannten Stationen übernommen, aber in ein paar Fällen filmisch sogar richtiggehend vergeigt hat. Er hat ein oder zwei Stationen weggelassen, aber alles andere schlicht übernommen. Und teilweise so haarsträubend, daß es keinen Sinn mehr ergibt. Circe als altes Hexchen in einer Hütte statt in einem großen Palast ist einfach nur noch albern. Weder werden deren noch Kalypsos Verführungskünste - Charlize Theron völlig verschenkt und platt als vermeintliche "Drogen"-Geberin und doch nur wegen Star-Appeal überhaupt in den Film reingepflanzt - in irgendeiner Art und Weise verdeutlicht. Das läuft alles nur völlig ins Leere und wird somit ziemlich sinnlos. Nolan hakt die Stationen zum großen Teil fast schon desinteressiert ab und gleichzeitig fällt ihm aber kaum irgendwas Neues dazu ein. Viel eher läßt er wichtige Informationen noch weg, die an sich fürs bessere Verständnis nötig wären, um ja nicht noch die Götter irgendwie mit reinnehmen zu müssen - das heißt, er kürzt zusammen ohne irgendeinen Mehrwert zu schaffen. Folglich im Prinzip daher für niemand ein Gewinn. Überhaupt fragt man sich doch: Warum übernimmt er denn überhaupt so viele Elemente aus der Vorlage, verortet die Handlung sogar noch in der Bronzezeit und quetscht dann da noch seine penetrante Kriegstrauma-Botschaft rein, die innerhalb dieses historischen Kontexts auf die Art und Weise keinen Sinn mehr macht. Entweder hätte er sich also einen anderen Stoff suchen sollen oder wenigstens so konsequent sein müssen, das Ganze z.B. eh gleich in die US-Gegenwart zu verlegen, wo dann auch das Multi-Kulti/Diversitäts-Getue weitaus besser gepaßt hätte als zu einer klar verorteten historischen Epoche. Stattdessen hat er sich weder für das Eine noch für das Andere entschieden, sich mehr schlecht als recht durchzulavieren versucht und damit ein recht zusammenhangloses Chaos angerichtet. Wie hatte es Fritz Lang, der die Odyssee in Godards VERACHTUNG hätte inszenieren sollen, bereits formuliert: "Ich halte es für töricht, die Figur des Odysseus zu verändern. Er ist kein moderner Neurotiker. Er war ein einfacher, kluger und mutiger Mann." Und noch was zu Deiner obigen Frage, Mike, in welchem Historienfilm Kostüme, Bauten, Dekors etc. authentisch seien. Kann ich Dir ganz einfach beantworten. Nimm Dir mal Anthony Manns THE FALL OF THE ROMAN EMPIRE von 1964 vor. Genau der Monumentalfilm gilt allgemein als "die authentischste filmische Rekonstruktion des kaiserlichen Rom." Ich empfehle dazu die Lektüre des Buchs "Ancient World in the Cinema" von Jon Solomon, wo Du Dir die nötigen Infos darüber einholen kannst. Nur mal ein kurzes Zitat daraus: "While the exterior sets are magnificent, the interiors are elegant and even more authentic, with their delicate acanthus columns and hanging garlands, the walls have soft, pastel-colored frescos in between, deeply-coffered sculpted ceilings above, and richly colorful mosaic floors below." Und was haben wir heute dagegen: Wie schon oben gesagt halt nur noch recht bedeutungslose Beliebigkeit!
  9. Ich gehe mit Dir darin einig, daß das letzte Drittel dann wenigstens einigermaßen spannend wird nach der emotionslosen Kälte, die zuvor fast durch die Bank vorherrschend war. Abgesehen jedoch von diesem Gemetzel im Finale, das so miserabel choreographiert ist und aus irgendeinem billigen Kung Fu-Film hätte stammen können. Bei dieser Eine gegen Alle-Sequenz ziehts einem ja nun wirklich die Schuhe aus. Und wer soll diese urplötzliche Gelenkigkeit einem Matt Damon abnehmen, der zuvor derart bieder, lahm und tranig daherkam? Zudem wollte er doch nie mehr ein Blutvergießen wie in Troja begehen, weil er völlig traumatisiert war vom Krieg. Von daher ist die Metzelei der Freier der größte Schwachsinn überhaupt und macht alles, was zuvor so alles an Weisheiten geäußert wurde, wieder komplett zunichte. Und das im Anschluß dann noch am Ende mit einer kitschigen Schiffahrt irgendwohin nach Westen auszugleichen (im Original mit der Aussage "Our age of bronze is collapsing"), ist ja wohl an Naivität kaum mehr zu überbieten. Klar kann man klassische Stoffe neu interpretieren, dann muß man aber auch das nötige Format dafür haben und es muß stimmig und glaubwürdig aussehen. Und genau da hängt es bei dem Nolan-Epos für mich an allen Ecken und Enden. Der Film strahlt weder irgendeine Sinnlichkeit oder Leidenschaft aus, der vor Elan strotzende und listenreiche homersche Odysseus ist so stinklangweilig wie ihn Damon abgibt eigentlich gar nicht mehr zu erkennen. Hinzu kommt, daß Damon in der Rolle auch total unglaubwürdig wirkt - das ist einfach nur leeres Gefasel, was aus seinem Mund kommt,das man ihm überhaupt nicht abnehmen kann. Weiterhin sind die Farben von Anfang an gründlich desaturiert, von dem ständigen Grau in Grau hat man spätestens nach einer Viertelstunde die Nase voll, Figuren wirken teilweise völlig deplaziert - wenn gar ein Inder sagen muß "Wir sind alle Griechen", wie soll man den Film dann noch wirklich ernst nehmen -, eine schwarze Helena wirft einen wie vieles ganz aus dem Film raus, dann passen meist anachronistische Kostüme, Dekors und Bauten überhaupt nicht zum antiken Griechenland, von der größtenteils banalen Musik ganz zu schweigen. Teilweise meint man sogar, Sturmtruppen aus STAR WARS würden plötzlich im Wald auftauchen oder Agamemnon wäre als Batman verkleidet. Wo sind wir denn da eigentlich? Irgendwo hörts doch auch mal auf bei derartigen Kindereien. Oder diese hirnrissige Idee, das trojanische Pferd auf den Hinterhufen aufrecht stehend zu konstruieren, so daß die Griechen im unteren Teil am Strand aufgrund des eindringenden Wassers dann zum Teil ertrinken. Sorry, aber wie lächerlich gehts denn überhaupt noch. Man fragt sich somit des öfteren, was der ganze Humbug eigentlich soll. Es sind nur wenige Szenen, wo Nolan inszenatorisch ein bißchen was auf die Beine bringt, aber das ist mir bei solch einem 3-stündigen Werk eindeutig zu wenig.
  10. Dafür sind schon verschiedene Faktoren verantwortlich, wobei man bezüglich der Besucherzahlen ziemlich differenzieren muß. Entweder hat man als Kino das Publikum dafür oder nicht - wir z.B. in unserem Ort eher nicht und bei uns lief er vorletzte Woche auch nur ziemlich schwach. War teilweise wirklich zum Schießen vom Publikum her. Es sind schon die Multiplexe in den größeren Städten, wo es besuchermäßig richtig abgeht und von daher ist es halt doch hauptsächlich das jüngere Publikum so zwischen 16 und 30, das hier angesprochen wird und erscheint. Ältere dagegen nur vereinzelt wie ich das so erlebt habe. Und zudem muß man eben hierzulande auch dieses ziemlich starke Stadt-Land-Gefälle berücksichtigen. Der Hype um den Film war außerdem gewaltig und das hat sehr viel ausgemacht, so daß es quer durch alle Medien zu einem "Must See"-Erlebnis hochgeschaukelt wurde. Dann hat Nolan inzwischen eine ganz große Fangemeinde, die das natürlich ohnehin wieder abfeiert. Zudem die populären Stars, die viele bereits aus den üblichen US-Blockbustern kennen - beispielsweise spielen Tom Holland und Zendaya ja auch im neuen SPIDERMAN die Hauptrollen und da gehts geschäftlich sogar noch mehr ab. Allein das zieht also auch schon eine ganze Menge an Zuschauern in die Kinos. Und was man ja ständig hört ist, daß gerade der Sound neben der Bildgewalt - wobei für mich letzteres kaum vorhanden war und ich da aus älteren Epen ganz anderes gewohnt bin - bei dem Film die Zuschauer so begeistert. Die physische Wucht des äußerst basslastigen Sound Designs überwältigt anscheinend ganz offensichtlich die Massen und wirkt wie ein Rausch. Anders kann man das alles kaum erklären. Die Dialoge sind natürlich dann auch ein bißchen zu leise, wenn man den Lautstärkepegel nicht etwas höher dreht als sonst üblich im Kino. Das ist also Absicht. Bei mir hier im Kino wars noch halbwegs zu überstehen, es waren aber vor allem zwei, drei Sequenzen, wo ich mir auch schier die Ohren zuhalten mußte angesichts des repetitiven Gewummers und Getrötes. Aber ich kann mir schon vorstellen und habe es selbst auch schon erlebt, wie in anderen Kinos, die eben überwiegend auf ein jüngeres Publikum abzielen, die Lautstärke von vornherein bei so was viel zu weit aufgedreht wird. Und so würde ich selbst nun gerade den Film bestimmt nicht durchhalten.
  11. "Die Mühen haben sich gelohnt. The Odyssey ist ein archaisch anmutendes Historiendrama, das sich den Konventionen des Abenteuerkinos zwar nicht völlig verweigert, Homers Dichtung aber in einen neuen Kontext stellt, bei dem die einzelnen Etappen der Reise über die offensichtliche Action hinaus stets allegorisch zu lesen sind. Wenn Odysseus etwa auf der Flucht in seiner Hybris ohne Not noch einen letzten Pfeil auf den Zyklopen Polyphem abschießt, beschwört dies erst sein eigentliches Schicksal herauf. Diese vermeidbare Eskalation führt zu vielen weiteren Toten und weil Polyphem der Sohn von Poseidon ist, löst erst dessen Zorn die eigentliche Irrfahrt aus." Mike, was Du da oben schreibst zur Polyphem-Szene, ergibt doch so gut wie gar keinen Sinn. Was soll denn das für ein "neuer Kontext" sein? Wenn man die Homer-Vorlage oder die früheren Verfilmungen, etwa die mit Kirk Douglas, kennt, kann man doch so was nicht hinschreiben. Viel eher hat Nolan diese ganze Polyphem-Sequenz verkorkst, weil er mehrere wichtige Fakten wegläßt und dafür diesen letzten, absolut unlogischen Pfeilschuß hinzufügt. Das ist wie ganz Vieles in diesem recht öden Filmwerk einfach nur lächerlich. Schon allein durch die Blendung des Zyklopen ist doch völlig klar, daß Odysseus Schuld auf sich lädt. Und die eigentliche Hybris entsteht sowohl bei Homer wie in den früheren Verfilmungen dadurch, daß Odysseus in seinem hochgradigen Übermut bei der Abfahrt seinen wahren Namen enthüllt (das vorherige "Niemand"-Wortspiel entfällt bei Nolan übrigens leider auch noch) und daraufhin Polyphem seinen Vater Poseidon bittet, Odysseus entweder umkommen zu lassen oder zumindest seinen Heimweg übermäßig zu erschweren. Da Nolan hingegen verrückterweise weitestgehend auf Götter und Mythisches zu verzichten versucht, kommt er hier in das Dilemma, den Zorn Poseidons und das Verwandtschaftsverhältnis Polyphem/Poseidon erst mal über Umwege in Ansätzen dem Zuschauer erklären zu müssen. Polyphem selbst ist hier nämlich stumm und nur einer von Odysseus´ Mannschaft will offenbar bei der Blendung das Wort "Poseidon" gehört haben - der Zuschauer hingegen hört es eigentlich gar nicht. Nur deshalb kommen sie dann überhaupt auf den Gedanken, der Gott könnte eventuell was mit Polyphem zu tun haben und nun erzürnt sein. Das ist gegenüber dem Original schon ziemlich weit hergeholt. Alle für die Begegnung mit dem Zyklopen wesentlichen längst bekannten Elemente (Polyphem spricht, Niemand-Wortspiel, die Blendung löst natürlich bereits die Anrufung Poseidons aus, Odysseus prahlt mit seinen Heldentaten und enthüllt auch noch seinen wahren Namen) fehlen völlig, so daß ein ziemlich unnötiger Krampf dabei rauskommt. Neu hingegen ist es nun wirklich nicht, daß Odysseus durch den Zorn Poseidons eine zehnjährige Irrfahrt erleiden muß. Das war noch nie anders seit es die Odysseus-Sage gibt. Nur hat die ganze Szene bislang keiner so dümmlich aufzulösen versucht wie Nolan. Und es gibt noch so einige weitere Dummheiten in diesem Film, der die antike Vorlage und auch den Odysseus-Charakter viel zu sehr verdreht, um überhaupt noch einigermaßen stimmig zu wirken. Wenn es schon die ganze Zeit um Kriegstraumata und dazuhin auch noch um den Vergleich mit imperialistischen Angriffskriegen der Gegenwart gehen soll, warum sich dann einen Stoff aussuchen, der das alles von der ganzen Konzeption her im Prinzip gar nicht hergibt.
  12. Meine DAVID COPPERFIELD-LP habe ich an 2002 von Arnold, als er für einen Tag in Düsseldorf weilte, signieren lassen. Leider war sein Gesundheitszustand damals bereits so schlecht, daß er gar nicht mehr richtig schreiben konnnte und ihm sein Assistent dabei noch die Hand führen mußte. Heraus kam dann ein ziemlich unleserliches Gekritzel auf meinem Plattencover. Das war insgesamt ein ziemlich skurriler Abend. Von GREAT EXPECTATIONS habe ich auch die LP seit vielen, vielen Jahren. Ist ein schöner romantischer Jarre, leider nie so richtig bekannt geworden wie anderes von ihm. Lohnt sich schon, wenn man seine typische Handschrift mag.
  13. Doch, es lag leider schon überwiegend an Legrand selbst, daß da solch ein krasser Langweiler dabei rauskam. Am besten in seiner Autobiographie nachzulesen, die in Frankreich bereits 2013 unter dem Titel "Rien n`est grave dans les aigus" erschien (dann wohl noch um ein paar Kapitel ergänzt letztes Jahr auch auf Englisch mit dem Titel "A Life in Music and Film"). Legrand kritisiert darin selbst enorm, was er damals so für den Bond-Film abgeliefert hatte. Als Grund gibt er an, daß er durch die aufwendige monatelange Arbeit am Barbra Streisand-Musical YENTL davor - übrigens eh eine seiner besten Filmmusiken - musikalisch innerlich so ausgepowert war, daß ihm fast nichts mehr einfiel und er eigentlich eine Pause von ein paar Monaten nötig gehabt hätte, was er im Anschluß auch machen wollte. Dann kam ihm aber urplötzlich Sean Connery ins Gehege, der ihn unbedingt auch für den Bond haben wollte und nicht locker ließ. Im Nachhinein - so zu lesen im Buch - meinte Legrand, daß er den Auftrag nicht hätte annehmen sollen, da er erstens nicht genügend inspiriert war und ihm zweitens nur ein Zeitraum von einem Monat für die gesamte Komposition zur Verfügung stand. Zitat aus dem Buch: "Das Problem war nicht der Film, sondern mein innerer Zustand, meine Fähigkeiten und meine Lust zu dem Zeitpunkt als mich Connery angeheuert hatte."
  14. Meine persönlichen Barry-Favoriten wären: - THE LAST VALLEY (1970) - SOMEWHERE IN TIME (1980) - DANCES WITH WOLVES (1992) - OUT OF AFRICA (1985) - MARY, QUEEN OF SCOTS (1971) - THE LION IN WINTER (1968) - HANOVER STREET (1979) - BODY HEAT (1981) - WALKABOUT (1970) - THE WHISPERERS (1967) - KING RAT (1965) - ROBIN AND MARIAN (1976) - DEADFALL (1968) - FRANCES (1982) - HIGH ROAD TO CHINA (1983)
  15. Was Barrys letzte Schaffensphase in den 90ern angeht, gehe ich mit Dir durchaus konform. Die meisten seiner Scores nach DANCES WITH WOLVES wurden dann leider immer eintöniger und schleppender, was aber für seine besseren Arbeiten aus den Jahrzehnten davor eben so doch nicht zutrifft.
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