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Mephisto

Italienische Genre-Filmmusik der 50er-70er Jahre

Empfohlene Beiträge

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LE LEGIONI DI CLEOPATRA - Renzo Rosselini

Renzo Rossellini schrieb für DIE LEGIONEN DER CÄSAREN eine reiche und kunstfertig gearbeitete Partitur. Die Musik ist meisterhaft orchestriert und sehr abwechslungsreich. Nach den geheimnisvollen Klängen während des Vorspanns spannt der Komponist innerhalb weniger Stücke ein ganzes Portfolio an verschiedenen Idiomen auf. Neben robust-zeremoniellen Klängen für Blechbläser und Schlagzeug stechen zu Beginn besonders die schunkelnde Musik zum Kampf in der Taverne mit ihren weit gespannten Holzbläsertrillern oder die kaleidoskopartig instrumentierte Musik für den Zwerg. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Peplum-Musiken beginnt DIE LEGIONEN DER CÄSAREN nicht mit einer auftrumpfenden Ouvertüre, sondern einem verhaltenen Schlagzeugrhythmus, über den sich wenig später das Hauptthema legt. Dieses wird lediglich von einer Soloflöte über die dezente Begleitung des Orchesters intoniert, und weist mit einigen Orientalismen einen exotischen Einschlag auf. Aus seinen zahlreichen Ornamenten wird Rossellini bald eine verhuschte Figur für Flöten ableiten, die stets über sanft tremolierende Streicher dargeboten wird, und für Cleopatras zweite Identität der Tänzerin Berenice steht. In dieser Rolle kann die Königin sich unbemerkt im Volk bewegen. Als Sie von Curridio enttarnt wird, verstummt das kaum greifbare Flötenmotiv für immer.

Während das Hauptthema und einige andere melodische Komponenten der Musik immer leicht orientalisch gefärbt sind, offenbaren sich bei den prominentesten Themen Rossellinis Wurzeln in der italienischen Operntradition. Das wunderschöne cantabile Thema für Marianne erklingt leider nur zwei Mal, während das Thema für die unglückliche Liebe zwischen Marcus Antonius und Cleopatra erst im letzten Drittel der Musik eingeführt und zur Blüte gebracht wird. Marcus Antonius erhält selbst ein Motiv, das bei seiner Ankunft und bei den Schlachtvorbereitungen zu hören ist.

Natürlich dürfen auch diverse exotisch angehauchte Tanznummern nicht fehlen. Auch diese sind weitestgehend so zurückhaltend instrumentiert mit tappenden Schlagzeugrhythmen, Streicherpizziccati und solistischen Holzbläsern.

Ist die Musik in der ersten Hälfte überwiegend geheimnisvoll und exotisch, entfesselt der Komponist für die aktionsreichere zweite Hälfte des Films die ganze Kraft seines Orchesterapparats. Drängende Bewegungen der Streicher, durchzuckt von einzelnen Läufen der Holzbläser, kaskadenhafte, sich überlappende Linien oder sich festbeißende dissonante Akkorde der Blechbläser bilden eine angemessene Vertonung des Schlachtgetümmels. Auch die leidenschaftliche Version des Liebesthemas während Celopatras Wagenfahrt gehört zu den zahlreichen Höhepunkten der Partitur.

Die Veröffentlichung zu DIE LEGIONEN DER CÄSAREN war die erste CD-Veröffentlichung einer Rossellini-Komposition überhaupt, und es ist den Bemühungen des Labels Saimel und Forum-Kollege Stefan Schlegel zu verdanken, dass diese hörenswerte Partitur vollständig zugänglich ist. Leider hat der Zahn der Zeit an den Aufnahmen genagt, was insbesondere der größer orchestrierten zweiten Hälfte schadet. Dafür wirken die zurückhaltenden Passagen aus der ersten Hälfte in der etwas verhangenen Klangqualität fast noch mystischer und geheimnisvoller. Als Bonus gibt es noch zwei Demo-Versionen der zentralen Tanznummern mit dem Komponisten am Klavier! Wer sich nicht von etwas beeinträchtigter Klangqualität abschrecken lässt, erhält mit DIE LEGIONEN DER CÄSAREN eine absolut meisterhafte und abwechslungsreiche Partitur, die von dem Können des Komponisten zeugt, und hinsichtlich der Vertonung eines Ägypten-Historienfilms keine Wünsche offenlässt.

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vor 14 Stunden schrieb Mephisto:

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LE LEGIONI DI CLEOPATRA - Renzo Rosselini

Renzo Rossellini schrieb für DIE LEGIONEN DER CÄSAREN eine reiche und kunstfertig gearbeitete Partitur. Die Musik ist meisterhaft orchestriert und sehr abwechslungsreich. Nach den geheimnisvollen Klängen während des Vorspanns spannt der Komponist innerhalb weniger Stücke ein ganzes Portfolio an verschiedenen Idiomen auf. Neben robust-zeremoniellen Klängen für Blechbläser und Schlagzeug stechen zu Beginn besonders die schunkelnde Musik zum Kampf in der Taverne mit ihren weit gespannten Holzbläsertrillern oder die kaleidoskopartig instrumentierte Musik für den Zwerg. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Peplum-Musiken beginnt DIE LEGIONEN DER CÄSAREN nicht mit einer auftrumpfenden Ouvertüre, sondern einem verhaltenen Schlagzeugrhythmus, über den sich wenig später das Hauptthema legt. Dieses wird lediglich von einer Soloflöte über die dezente Begleitung des Orchesters intoniert, und weist mit einigen Orientalismen einen exotischen Einschlag auf. Aus seinen zahlreichen Ornamenten wird Rossellini bald eine verhuschte Figur für Flöten ableiten, die stets über sanft tremolierende Streicher dargeboten wird, und für Cleopatras zweite Identität der Tänzerin Berenice steht. In dieser Rolle kann die Königin sich unbemerkt im Volk bewegen. Als Sie von Curridio enttarnt wird, verstummt das kaum greifbare Flötenmotiv für immer.

 

Während das Hauptthema und einige andere melodische Komponenten der Musik immer leicht orientalisch gefärbt sind, offenbaren sich bei den prominentesten Themen Rossellinis Wurzeln in der italienischen Operntradition. Das wunderschöne cantabile Thema für Marianne erklingt leider nur zwei Mal, während das Thema für die unglückliche Liebe zwischen Marcus Antonius und Cleopatra erst im letzten Drittel der Musik eingeführt und zur Blüte gebracht wird. Marcus Antonius erhält selbst ein Motiv, das bei seiner Ankunft und bei den Schlachtvorbereitungen zu hören ist.

 

Natürlich dürfen auch diverse exotisch angehauchte Tanznummern nicht fehlen. Auch diese sind weitestgehend so zurückhaltend instrumentiert mit tappenden Schlagzeugrhythmen, Streicherpizziccati und solistischen Holzbläsern.

 

Ist die Musik in der ersten Hälfte überwiegend geheimnisvoll und exotisch, entfesselt der Komponist für die aktionsreichere zweite Hälfte des Films die ganze Kraft seines Orchesterapparats. Drängende Bewegungen der Streicher, durchzuckt von einzelnen Läufen der Holzbläser, kaskadenhafte, sich überlappende Linien oder sich festbeißende dissonante Akkorde der Blechbläser bilden eine angemessene Vertonung des Schlachtgetümmels. Auch die leidenschaftliche Version des Liebesthemas während Celopatras Wagenfahrt gehört zu den zahlreichen Höhepunkten der Partitur.

Die Veröffentlichung zu DIE LEGIONEN DER CÄSAREN war die erste Veröffentlichung einer Rossellini-Komposition überhaupt, und es ist den Bemühungen des Labels Saimel und Forum-Kollege Stefan Schlegel zu verdanken, dass diese hörenswerte Partitur vollständig zugänglich ist. Leider hat der Zahn der Zeit an den Aufnahmen genagt, was insbesondere der größer orchestrierten zweiten Hälfte schadet. Dafür wirken die zurückhaltenden Passagen aus der ersten Hälfte in der etwas verhangenen Klangqualität fast noch mystischer und geheimnisvoller. Als Bonus gibt es noch zwei Demo-Versionen der zentralen Tanznummern mit dem Komponisten am Klavier! Wer sich nicht von etwas beeinträchtigter Klangqualität abschrecken lässt, erhält mit DIE LEGIONEN DER CÄSAREN eine absolut meisterhafte und abwechslungsreiche Partitur, die von dem Können des Komponisten zeugt, und hinsichtlich der Vertonung eines Ägypten-Historienfilms keine Wünsche offenlässt.

 

Klingt ja richtig toll, vielen Dank für die ausführliche Vorstellung. Und schön zu sehen, dass man hier noch problemlos herankommt.

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In der Tat eine tolle Besprechung der CD von Mephisto, für die ich mich ebenfalls herzlich bedanke. Persönlich halte ich LE LEGIONI DI CLEOPATRA für einen der besten Peplum-Scores überhaupt und habe annähernd 30 Jahre auf eine Veröffentlichung der Musik gewartet, da ich ja wußte, daß CAM/Sugar noch die Originalbänder davon im Archiv haben. Als sich dann halt jahrelang auch nichts in der Peplum-Reihe bei Digitmovies tat, habe ich die Sache dann zusammen mit Juan Angel Saiz selbst in die Hand genommen, um nicht noch länger darauf warten zu müssen. Mir lag dieses Projekt schon sehr am Herzen, da zumindest auf CD Renzo Rossellini eben beschämend unterrepräsentiert war.

Es stimmt nicht ganz, daß es die erste Veröffentlichung einer Rossellini-Musik auf Tonträger gewesen ist, denn es gab in den 50ern und 60ern schon ein paar LPs wie etwa dengroßartigen und melodisch schwelgenden Score zu Roberto Rossellinis Stendhal-Verfilmung VANINA VANINI von 1961 - eine LP,  die ich ganz besonders schätze und niemals hergeben würde. Leider gibt es davon keine Bänder mehr, so daß es auch in Zukunft keine Veröffentlichung dieser Musik mehr geben wird. Dasselbe gilt auch für das Garibaldi-Epos VIVA L I´TALIA von 1960 - auch hier keine Bänder mehr bei CAM/Sugar von der Rossellini-Musik vorhanden, obwohl der Titel in ihrer Liste auftaucht. Das heißt, auch davon wird nichts mehr erscheinen und man kann sich glücklich schätzen, wenigstens die alten Platten zu haben.
Wir haben dann auf Saimel nach der CLEOPATRA -CD wirklich alles von Rossellini gebracht, was aus dem CAM/Sugar-Archiv noch möglich war - also MONTE CARLO STORY, DIFENDO IL MIO AMORE und IL MAGISTRATO. Wie die Sachen natürlich kommerziell gelaufen sind, das kann sich wohl jeder selbst ausmalen. Aber darum ging es Juan Angel und mir eben nicht.

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Das war wirklich ein lohnenswertes Projekt, auch, wenn man hier wieder die patinierte Klangqualität inkaufnehmen muss. Jedenfalls schätze ich die CD sehr und habe Euer Unternehmen gerne mit dem Text hier unterstützt. :) Weitere Peplum-Texte folgen...

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Am 31.3.2022 um 11:00 schrieb Osthunter:

Klingt ja richtig toll, vielen Dank für die ausführliche Vorstellung. Und schön zu sehen, dass man hier noch problemlos herankommt.

Gestern bestellt und heute schon da. Und ich muss euch recht geben: Rossellinis Musik ist faszinierend, sehr abwechslungsreich und sie wäre es wert, wenn mehr Leute darauf aufmerksam werden würden. Danke noch einmal für diesen Tipp!

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Das freut mich wirklich ungemein, dass Dir die Musik gefällt - und Stefan wahrscheinlich auch! Wenn Du solche Musik magst und Dir die etwas patinierte Klangqualität keine Probleme bereitet, empfehle ich Dir auch ULYSSE, die ist ebenfalls sehr filigran und abwechslungsreich gearbeitet. Mal schauen, ob ich heute noch eine weitere CD besprochen kriege.

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vor 4 Stunden schrieb Mephisto:

Das freut mich wirklich ungemein, dass Dir die Musik gefällt - und Stefan wahrscheinlich auch! Wenn Du solche Musik magst und Dir die etwas patinierte Klangqualität keine Probleme bereitet, empfehle ich Dir auch ULYSSE, die ist ebenfalls sehr filigran und abwechslungsreich gearbeitet. Mal schauen, ob ich heute noch eine weitere CD besprochen kriege.

Ja, sehr gerne. Dieses Forum dient mir vor allem ja auch als Inspirationsquelle zur Erweiterung meines doch relativ begrenzten und hauptsächlich auf amerikanische Komponisten beschränkten Horizonts. Aktuell habe ich einige Werke von Piero Piccioni für mich entdeckt, die mich ungeheuer faszinieren. Es ärgert mich auch, dass ich in den 00er Jahren so wenig Acht auf die Veröffentlichungen der europäischen bzw. italienischen Labels geachtet habe. Liegt tatsächlich daran, dass ich hauptsächlich mit amerikanischen Komponisten aufgewachsen bin und ich europäische Komponisten mehr oder weniger vernachlässigt habe. Daher sei an dieser Stelle auch noch einmal klargestellt: Ich lese solche Threads wie diesen sehr gerne und möchte euch für euer Bemühen ein Lob aussprechen, dass ihr solche Perlen vorstellt, auf die ich ohne euch nicht gestoßen wäre. 

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Ich weiß es sehr zu schätzen, dass Du das noch einmal hier schreibst, denn das motiviert, hier auch weiter zu posten. Insofern hoffe ich, dass die hier vorgestellten CDs auch bei einigen unserer stillen Mitleserinnen und -lesern Interesse wecken können.

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Mario Nascimbene – CARTAGINE IN FIAMME/SOLOMON UND SHEBA

Die berühmteste Musik von Mario Nascimbene dürfte wahrscheinlich seine orchestrale Vertonung des Kirk-Douglas-Vehikels VIKINGS sein, derer sich Tadlow vor einigen Jahren noch mit einer Neueinspielung angenommen hat. Nascimbene gehörte wahrscheinlich zu den experimentierfreudigsten Angehörigen seiner Zunft und konnte sich mit ungewöhnlichen Vertonungsansätzen in Italien einen Namen machen, bevor auch Hollywood auf ihn aufmerksam wurde, wo er mehrere Aufträge – insbesondere für Dramen und Historienfilme – erhielt. Im Gegensatz zu den italienischen Filmmusiken, in denen er häufig alltägliche Geräusche einband oder mit Möglichkeiten der elektronischen Musik experimentierte, orientierte er sich bei den amerikanischen Produktionen am konventionellen orchestralen Idiom – ohne sich im Epigonentum zu verlieren. Das Label Legend hat 2007 zwei Kompositionen von Nascimbene zu großen Monumentalfilmen auf CD gepresst: CARTAGINE IN FIAMME war eine der aufwendigsten italienischen Historienproduktionen, während SALOMON UND SHEBA einen opulenten Beitrag zum Hollywoodkino bildet.

Für beide Filme drosselte Nascimbene seinen experimentellen Geist und komponierte zwei hervorragende Abenteuermusik für Orchester und Chor. Dabei vermochte er ebenso dramatische Passagen zu komponieren wie mitreißende Kampfmusik, leidenschaftliche Liebesthemen und zurückhaltende Spannungspassagen. Die Titelmusik CARTAGINE IN FIAMME bedient alle Erwartungen an eine Golden-Age-Monumentalfilmmusik. Nascimbene türmt hier mit dem Chor und dem Orchester gewaltige Klangmassen auf. Ein fallendes Thema der Streicher, das von Chorvokalisen flankiert und massigen Blechbläsern gestützt wird, bildet hier das Zentrum. Im dritten Titel „Hiram on the Sails“ stellt der Komponist ein markantes Thema in den Hörnern vor, das das Cello sanft in der darauffolgenden Sequenz über sphärisch-tremolierende Streicher vorträgt. Nascimbene lässt seine Themen immer wieder in einem anderen Licht erscheinen. So erscheint auch das dramatische Thema aus dem Vorspann in „Dramatic Death“ im klagenden Englischhornsolo oder steigert sich zum Ende in „Wild Fight“ zu einem gewaltigen Marsch, der über einem hämmernden Paukenrhythmus erklingt. Besonders beeindruckend ist, dass es Nascimbene an einigen Stellen gelingt, die Themen miteinander zu verknüpfen und sie sogar parallel von unterschiedlichen Instrumentengruppen spielen zu lassen. In den Kampfszenen entfesselt Nascimbene die ganze Kraft seines Orchesters. Schroff hämmernde Streicher, stechende Blechfanfaren und schrille Holzbläser bieten eine hervorragende Vertonung des Schlachtengetümmels, an anderer Stelle bilden aufwendig geschichtete Schlagzeugrhythmen das Fundament für massive Figuren der Blechbläser. Insgesamt deckt der Komponist von heroischen-markanten Passagen, leidenschaftlichen Momente, actionreicher Schlachtenmusik und sanfter Liebesszenen das gesamte Spektrum einer klassischen Abenteuerfilmfilmmusik.

Auch in SALOMON UND SHEBA kleckert Nascimbene nicht, sondern klotzt. Auch hier setzt er gleich zu Beginn Chor und Orchester ein, allerdings ist die Musik weniger dramatisch als im Falle von CARTAGINE IN FIAMME, sondern vielmehr erhaben. Gemeinsam intonieren Chor und Bläser, von schweren Schlägen der Pauke und des Tamtams eine getragene Melodie, die später im Bläserarrangement, als Salomon den Tempel betritt. Anschließend intoniert der Chor über dem breiten Klangbett des Orchesters das Hauptthema, gestützt von den Violinen und von einer Bläserlinie durchzogen. Im Gegensatz zu CARTAGINE IN FIAMME, wo der Chor hauptsächlich im Vor- und Abspann zur Geltung kommt, setzt Nascimbene den Chor auch häufig im weiteren Verlauf der Musik ein. So schaffen sanfte Chorvokalisen in „Aftermath“ Einen bedeutenden Anteil nehmen in der Musik zu SALOMON UND SHEBA die Passagen für rituelle Tänze ein, für die der Komponist ein treibendes Schlagzeugostinato entwarf, dem der Einsatz einer Ratsche eine besondere Färbung verleiht. Über dieses rhythmische Fundament singt der Chor eine kreisende Melodielinie, während die Holzbläser das Liebesthema anstimmen. Sich abwärts schraubende Streicherfiguren ein markantes Thema der Blechbläser bilden das Material für einen weiteren Abschnitt der Tanzmusik, auf die Nascimbene interessanterweise auch während der Schlachtenmusiken zurückgreift. Dahinter kann natürlich ökonomisches Kalkül stecken, aber der Komponist verknüpft hier die wilden orgiastischen Tanzdarbietungen mit den „Todestänzen“ der Krieger auf dem Schlachtfeld.

Zwischen diesen monumentalen und dramatischen Passagen bilden sanft zurückhaltende Arrangements für Dialog- und Liebesszenen einen willkommenen Ruhepunkt. Wie auch bei CARTAGINE IN FIAMME lässt Nascimbene sein (Liebes-)thema von einem Soloinstrument über den Klangteppich der Streicher intonieren und anschließend dramatisch steigern. Ein besonders eindrucksvoller Moment bildet die auf dem Liebesthema basierende und über der Harfe vorgetragene Sopranvokalise in „Finale Part One“. Die zurückhaltenden Vertonungen für die Sterbeszenen von David und Abishag bereichern mit dem Fokus auf Holzbläser um eine weitere Facette.

Insgesamt sind auf diesem Album zwei hervorragende Abenteuermusiken von Mario Nascimbene vertreten, die sich hinter keiner Hollywoodmusik des Golden Age verstecken müssen – im Gegenteil! Eine von ihnen ist ja sogar eine waschechte Hollywood-Golden-Age-Musik. CARTAGINE IN FIAMME war bereits auf LP veröffentlicht und wurde in der Albenzusammenstellung veröffentlicht. Der Klang ist leider sehr hallig, aber ansonsten gibt es an der Aufnahme nichts auszusetzen. SALOMON UND SHEBA klingt für das Alter hervorragend klar und durchsichtig. Gegenüber der ursprünglichen LP-Veröffentlichung ist die Musik bei Legend sogar maßgeblich erweitert, was in diesem Falle durchaus eine Bereicherung darstellt. Vollständig dürften die Musiken jedoch beide nicht sein. Stattdessen bietet das Legend-Album zwei hervorragende Abenteuermusiken in bestmöglicher Präsentation.

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Carlo Rustichelli – IL GIGANTI DELLA TESSAGLIA

Zu dem in Deutschland unter dem Titel DAS SCHWERT DES ROTEN GIGANTEN verliehenen Peplum-Film IL GIGANTI DI TESSAGLIA komponierte der renommierte Carlo Rustichelli eine ansprechende Musik für Chor und Orchester. Dreh- und Angelpunkt der Partitur ist das stark pentatonisch gefärbte Hauptthema, das zum Vorspann über kraftvolle Schläge und Glockenklänge vom Orchester mit Unterstützung des Männerchores dargeboten wird. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Musik, wobei es häufig kraftvoll und archaisch in einer der Titelmusik ähnlichen Variante interpretiert oder beispielsweise solistisch vom Horn vor einer aufgespannten Klangfläche der Streicher intoniert wird. Dem Hauptthema ist ein lyrisches Liebesthema gegenübergestellt, für das wiederum der Frauenchor zuständig ist. Interessanterweise wird der Chor nie gemischt eingesetzt, sondern ist klar den beiden thematischen Elementen zugeordnet.

Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Peplum-Filmmusiken, in denen der Chor lediglich bei der Titelmusik und im Finale zum Einsatz kommt, spielt er bei DAS SCHWERT DES ROTEN GIGANTEN insgesamt eine tragende Rolle. Schon früh wird einem mit der aktionsreichen Sturm-Passage für Orchester und Chor eins der Juwelen dieser Partitur kredenzt, wobei insbesondere der Einsatz des Chores überraschend originell ist. Die stets auf „Ah“ gesungenen Vokalisen wechseln zwischen dramatisch über dem treibenden Spiel des Orchesters vorgetragenen Melodielinien und kraftvollen, stark glissandierenden Ausrufen. Fast hat man das Gefühl, die Sänger würden durch die Interpretation dieser Rufe Schnappatmung bekommen. Weitere Actionpassagen sind in der Musik recht rar gesät und basieren hauptsächlich auf einer ostinaten Bassfigur, die im Kampf gegen die Hexe als nervöse Schläge des Klaviers eingeführt wird. Darüber schichten sich in der Regel rhythmisch drängende, leicht dissonante Bläserakkorde. Der Chor schweigt hingegen in allen übrigen Actionpassagen.

Neben den beiden zentralen thematischen Elementen und dem Actionmaterial komponierte Rustichelli noch einige weitere Themen wie ein sehr lyrisches und stets weich orchestriertes Thema für die Seefahrt oder eine weitere sentimentale Melodie, die von der Solovioline vorgetragen wird. Gewöhnungsbedürftig – und hier ist DAS SCHWERT DES ROTEN GIGANTEN unter den Peplum-Musiken nicht allein – ist der häufige Einsatz der elektronischen Orgel, die nicht nur in vielen Tuttipassagen durchschimmert, sondern über weite Strecken als Soloinstrument eingesetzt wird. Dieser für mich stark in der Popmusik der 50er und 60er Jahre verhaftete Klang wirkt auf mich immer wie ein Fremdkörper im chorsinfonischen Kontext. Besonders in den ruhigen Passagen macht Rustichelli ausgiebig Gebrauch von diesem Instrument.

Im Rahmen seiner Peplum-Serie veröffentlichte das italienische Label Digitmovies die vollständige Musik mit rund 70 Minuten Laufzeit, die um zwei Bonustitel ergänzt wurden: Eine alternative des Finales, in dem der Chor später einsetzt als in der Filmversion sowie eine Stereoversion der Musik zum Kampf gegen Polyphemus. Rustichelli schichtet hier die Klangmassen des Orchesters und wabernde Orgeleffekte übereinander, die ursprünglich auf getrennten Spuren aufgenommen wurden. Die Stereoversion ermöglicht es somit, durch das Ausblenden des Orgel-Kanals die reine Orchesterkakophonie zu hören.

Das Album ist mittlerweile vergriffen und schwer zu bekommen. Ich kann es jedem empfehlen, der sich einmal mit chorsinfonischen Klängen für in der Antike angesiedelte Filme jenseits von Rózsa interessiert, denn Rustichelli hat hier eine sehr eigene Herangehensweise – insbesondere was den Choreinsatz angeht. Wer einfach mal in die Peplum-Musik hineinhören will und sich am Einsatz elektrischer Orgeln in diesem Kontext stört, der sollte sich nicht auf die etwas schwierige und eventuell kostspielige Suche begeben, sondern lieber anderen rein orchestralen oder chorsinfonischen Musik den Vorzug geben.

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So schwer zu bekommen ist I GIGANTI DELLA TESSAGLIA nun auch wieder nicht. Bei Discogs etwa werden mehrere Exemplare angeboten und sogar ein recht günstiges:
https://www.discogs.com/de/sell/release/1428023?ev=rb

Alle Tracks der CD sind längst auch auf Youtube gelandet, so daß sich jeder, der interessiert ist, ohnehin ein Bild von der Musik machen kann, die ich selbst für mit die beste und eindrucksvollste von Rustichelli im Peplum-Genre halte. Anders als Mephisto stört mich der Einsatz der elektrischen Orgel hier eigentlich nicht - ich bin das schon längst gewohnt bei italienischen Scores aus der Zeit und das gehört für mich deshalb auch irgendwie dazu. In der Beziehung bin ich daher längst nicht so empfindlich.

Die CD kam damals an 2008 vor allem durch mich zustande, da ich monatelang davor schon bei Claudio Fuiano gebittet und gebettelt hatte, sie mögen bei Digitmovies doch unbedingt diese Musik aus dem CAM-Archiv bergen und innerhalb der Peplum-Reihe bringen. Da  ich zu dem Zeitpunkt sowieso immer alle seine englischen Liner Notes für die Digitmovies-CDs ein wenig korrigiert hatte - sein Englisch war eben nicht gar so toll und da mußte man schon immer einiges umstellen und verändern, damit es einigermaßen leserlich war - hat er dann als kleines Dankeschön an mich die CD tatsächlich produziert und mich auch einen Teil der Liner Notes schreiben lassen. :)
Über dieses CD- "Geschenk" habe ich mich damals natürlich riesig gefreut.
Es hat sich dann neben den kompletten Masterbändern von GIGANTI im CAM-Archiv übrigens auch noch ein Album Master eingefunden, das Rustichelli selbst anscheinend Ende der 90er noch zusammengestellt hatte für eine geplante CD - erschienen ist diese Edition aber natürlich nie. Die Digitmovies-CD enthält dagegen  selbstverständlich den kompletten Score mit allen Tracks, die überhaupt vorhanden waren.

Ähnlich war es auch bei ANTINEA, wo ebenfalls ein von Rustichelli editiertes geplantes Album aufgefunden wurde - dieses wurde dann aber auch für die GDM-CD verwendet. Im Falle von GIGANTI wäre es selbstverständlich interessant gewesen, dieses Album Master auch mal zu hören. Aber dann hätte man eventuell noch eine zweite Disc anfügen müssen, was wieder mehr Kosten verursacht hätte.

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Ich habe eigentlich auch kein Problem mit den E-Orgeln, aber mich würde schon interessieren woher die Begeisterung der italienischen Komponisten jener Zeit für das Instrument kommt. In anderen Ländern hat es ja (zumindest in der Filmmusik) anscheinend nicht so eine Popularität erlangt.

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vor 4 Stunden schrieb Oliver79:

Ich habe eigentlich auch kein Problem mit den E-Orgeln, aber mich würde schon interessieren woher die Begeisterung der italienischen Komponisten jener Zeit für das Instrument kommt. In anderen Ländern hat es ja (zumindest in der Filmmusik) anscheinend nicht so eine Popularität erlangt.

Ein Grund könnte der sein, daß Abrbeitskräfte in Italien damals deutlich billiger waren und die Orgeln deshalb auch weitaus günstiger erworben werden konnten als in anderen europäischen Ländern. Beim bekanntesten Hersteller dieser Orgeln in Italien,  nämlich Farfisa, war dies so:
"The company was formed after three Italian accordion manufacturers combined to form a single company. They began to produce electronic instruments in the late 1950s, and combo organs were introduced in response to similar instruments such as the Vox Continental. The relatively inexpensive Italian labour allowed Farfisa to sell their products cheaper than the competition, which led to their commercial success."
https://en.wikipedia.org/wiki/Farfisa

Bei Rustichelli selbst kommt eine besondere Vorliebe für das Orgel-Instrument an sich hinzu, da er bereits von KInd an begeistert Orgel gespielt hatte. Bei den Filmmusiken hat das Musikbudget dann wohl eh nicht immer für eine richtige Orgel ausgereicht -  und dann hat man sich eben mit einer elektrischen begnügt, die eh im Aufnahmestudio (wie etwa bei Fonolux) ab Ende der 50er bereits zum festen Inventar zählte.

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Es ist natürlich großartig, dass dieser Schatz vollständig gehoben werden konnte. Hast Du denn noch eine Aufstellung zum Albumschnitt, @Stefan Schlegel? Mich würde mal interessieren, was Rustichelli selber gern veröffentlicht haben wollte.

Discogs habe ich manchmal nicht auf dem Schirm, ich habe die CD noch vor einiger Zeit über Ebay ergattern können, aber keiner der "üblichen Verdächtigen" hatte die noch. Das mit der Orgel ist natürlich reine Geschmackssache und ich hoffe, das auch deutlich gemacht zu haben. Insgesamt finde ich die Musik abwechslungsreicher als ANNIBALE, aber ich denke, Rustichelli wird nicht mein Lieblings-Peplum-Komponist. Umso begeisterter bin ich da von seinen Westernmusiken.

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Nein, selbst hatte ich die Aufstellung vom Albumschnitt gar nie von Claudio erhalten. Ich weiß aber, daß er mir das an 2007 mitgeteilt hatte als er die kompletten Bänder von CAM erhielt. Er war selbst überrascht darüber und offensichtlich konnte man aus den beiliegenden Blättern deutlich ersehen, daß Rustichelli Ende der 90er da nochmals drüber gegangen ist. Es hat sich dann deshalb irgendwie erledigt, weil Claudio eh den komplettten Score auf CD bringen wolllte.

Beim viel später veröffentlichten ANTINEA lief es dann anders ab: Da bekam ich Rustichellis 45-minütige Albumfassung in der Tat schon einige Wochen vor der CD-Veröffentlichung von Claudio zugeschickt. Der Albumschnitt von GIGANTI ist dagegen dann irgendwie in Vergessenheit geraten. Mir ist es erst gestern wieder eingefallen als Du die CD hier vorgestellt hast.

Ich mag die meisten Peplum-Musiken von Rustichelli schon sehr gern und könnte jetzt nicht sagen, daß mir seine Western-Scores unbedingt lieber wären. Vor allem sind seine Western qualitativ doch auch sehr unterschiedlich: So gehen etwa sein BUFFALO BILL, GRANDE NOTTE DI RINGO oder BASTARDO VAMAS A MATAR kaum über ein Durchschnittslevel hinaus. Lang nicht alles ist da auf dem Niveau von UN MINUTE PER PREGARE oder L´UOMO, L´ORGOGLIO, LA VENDETTA.
Wirklich lohnenswert wäre allerdings noch die Westernmusik zu OGNUNO PER SE (DAS GOLD VON SAM COOPER) von 1968 (der Western ist mit Van Heflin und Klaus Kinski) - davon habe ich seit vielen Jahren wenigstens ein Bootleg auf einer CDR. Leider gibt es bislang immer noch keine offizielle Veröffentlichung dieser Musik, da die Originalbänder verloren sind und eben nur diese Kopie überlebt hat, die wohl von einer Kassette gezogen wurde und daher auch klangliche Defizite vorweist. Claudio hatte vor Jahren auch mal vor, den in der Fassung noch zu  bringen, aber das Projekt ist doch wieder in der Versenkung verschwunden.

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Von Rustichellis Westernmusik kenne ich bisher nur UN MINUTE PER PREGARE, L´UOMO, L´ORGOGLIO, LA VENDETTA und ANDA, MUCHACHO, SPARA! und die bereiten mir große Freude, wobei UN MINUTE PER PREGARE ja ein ziemliches Klassik-Pastiche ist. Anscheinend sollte ich es auch bei dieser feinen Auswahl belassen :) ANTINEA kommt natürlich auch noch...

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vor 3 Stunden schrieb Mephisto:

Von Rustichellis Westernmusik kenne ich bisher nur UN MINUTE PER PREGARE, L´UOMO, L´ORGOGLIO, LA VENDETTA und ANDA, MUCHACHO, SPARA! und die bereiten mir große Freude, wobei UN MINUTE PER PREGARE ja ein ziemliches Klassik-Pastiche ist. Anscheinend sollte ich es auch bei dieser feinen Auswahl belassen :) ANTINEA kommt natürlich auch noch...

UCCIDI O MUORI von Rustichelli kennst Du doch auch, denn den hast Du hier ja auch mal besprochen, oder? ANDA, MUCHACHO, SPARA! dagegen ist nicht von Rustichelli, sondern von Bruno Nicolai.
Allgemein halte ich es eh für schwierig, einen so vielseitigen Output wie bei Rustichelli - mit insgesamt mehr als 300 Scores von 1947 bis Mitte 80er - nur auf zwei Genres zu reduzieren, denn der typische Stil von ihm ist ja immer zu hören, auch im Komödienfach. Das ist genauso wie wenn ich mir halt von einem US-Komponisten wie Elmer Bernstein oder John Williams nur die paar von ihnen vertonten Western rauspicke und die meisten anderen Scores dann ignoriere. :)
Durchaus hörenswert - zumindest in den alten LP-Fassungen - sind von Rustichelli im übrigen auch noch die Musiken zu den frühen Terence Hill/Bud Spencer-Western DIO PERDONA... IO NO (1967), I QUATTRO DELL´AVE MARIA (1968) und LA COLLINA DELGI STIVALI (1969). Alles noch keine wirklichen Klamauk-Western, sondern eher ernstere Western, die dann bei uns später durch deutsche Zweitsynchronisationen in den 70ern nach dem Erfolg von DIE RECHTE UND DIE LINKE HAND DES TEUFELS und VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLUJAH mehr auf Geblödel umgetrimmt wurden. Im Prinzip war das eine Trilogie von Regisseur Giuseppe Colizzi,. in der Hill/Spencer dieselben befreundeten Charaktere Cat Stevens und Hutch Bessy verkörperten. Die Filme sind ja  an sich auch hier in Deutschland äußerst populär und bekannt, tauchen auch immer wieder im Fernsehen auf - daher wunderts mich, daß Du diese drei anscheinend überhaupt nicht kennst. Für alle drei Filme hat Rustichelli jeweils ganz markante epische Hauptthemen komponiert - jedes Mal auch mit Chor dabei, wobei das harsche "Dies Irae" bei DIO PERDONA natürlich sehr eigenwillig ist. Zumindest diese ins Ohr gehenden Themen sollte man mal gehört haben, wenn man sich schon mit Italo-WesternMusik beschäftigt. Hier mal alle drei auf Youtube:

 

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vor 19 Stunden schrieb Stefan Schlegel:

Ein Grund könnte der sein, daß Abrbeitskräfte in Italien damals deutlich billiger waren und die Orgeln deshalb auch weitaus günstiger erworben werden konnten als in anderen europäischen Ländern. Beim bekanntesten Hersteller dieser Orgeln in Italien,  nämlich Farfisa, war dies so:
"The company was formed after three Italian accordion manufacturers combined to form a single company. They began to produce electronic instruments in the late 1950s, and combo organs were introduced in response to similar instruments such as the Vox Continental. The relatively inexpensive Italian labour allowed Farfisa to sell their products cheaper than the competition, which led to their commercial success."
https://en.wikipedia.org/wiki/Farfisa

Bei Rustichelli selbst kommt eine besondere Vorliebe für das Orgel-Instrument an sich hinzu, da er bereits von KInd an begeistert Orgel gespielt hatte. Bei den Filmmusiken hat das Musikbudget dann wohl eh nicht immer für eine richtige Orgel ausgereicht -  und dann hat man sich eben mit einer elektrischen begnügt, die eh im Aufnahmestudio (wie etwa bei Fonolux) ab Ende der 50er bereits zum festen Inventar zählte.

Ah, super! Vielen Dank für die Antwort.

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@Stefan Schlegel, die Italowesternmusiken waren für mich ein guter Einstieg und ich bin einfach Fan dieses Genres und des Genrekinos allgemein. Ich habe tatsächlich auch vor - mittlerweile 15 Jahren - meinen FSM-Bestand recht "strategisch" über Komponisten und Genres gedeckt. Also tatsächlich von Bernstein erstmal die Western- und von Rózsa erstmal die Historienmusiken. Das hat sich mittlerweile auch stark geändert und ich kann verstehen, dass Du da anders herangegangen bist. Damals habe ich Musik auch noch viel mehr als Befeuerung meines Kopfkinos gehört und da lag es dann nahe, sich bestimmten Genres zu widmen. Jeder und jede hat da wahrscheinlich einen anderen "Einstiegspunkt" und daher finde ich auch, ist es wertvoll, verschiedene Anreize zu haben. Das motiviert mich ja vor allem, diese Beiträge hier zu verfassen - und natürlich, weil mich interessiert, wie ich bestimmte Musiken vor einigen Jahren wahrgenommen habe und das hier auch eine Art "persönliche Dokumentation" ist. Ich bin allerdings nie der Spencer/Hill-Begeisterung erlegen, sodass mich auch jetzt die neuen Veröffentlichungen kaum tangieren, aber ich danke sehr für die Empfehlungen!

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vor 2 Stunden schrieb Mephisto:

@Stefan SchlegelIch bin allerdings nie der Spencer/Hill-Begeisterung erlegen, sodass mich auch jetzt die neuen Veröffentlichungen kaum tangieren, aber ich danke sehr für die Empfehlungen!

Nicht daß da eventuell ein falscher Eindruck entsteht, weil ich hier im Board einiges zu den Spencer/Hill-CDs von Beat gepostet hatte: Ich selbst bin nie und nimmer Spencer/Hill-Fan gewesen. Es ist nur so, daß man in meiner Generation als Jugendlicher in den frühen 70ern damals die Filme einfach automatisch mitbekommen hat und man fast gar nicht dran vorbeikam. Wirklich gefallen haben mir die wenigsten, aber sie haben für volle Kinosäle gesorgt. Bei uns im Kino war es die ganzen 70er und frühen 80er so - ein neuer Hill/Spencer und alle 315 Plätze für die Sonntagnachmittagsvorstellung waren regelmäßig ausverkauft. Das war einfach unglaublich wie das Publikum darauf abgefahren ist.. Kann man sich heute kaum mehr vorstellen.
Mit den späteren De Angelis-Musiken zu den Spencer/Hill-Filmen konnte ich im Gegensatz etwa zu Angus Gunn und anderen hier nie was anfangen - als KInd mit mit 12 vielleicht  noch mit "Flying Through the Air", das wars dann aber auch. De Angellis habe ich daher auch gar nie auf LP oder CD gesammelt.
Die drei oben von mir erwähnten Rustichellis haben mit den späteren De Angelis-Musiken zu den Klamaukfilmen sowieso rein gar nichts zu tun. Als Film schätze ich von diesen dreien am meisten HÜGEL DER BLUTIGEN STIEFEL - aber wirklich nur in der Erstsynchronisation von 1970, die zweite künstlich auf lustig getrimmte mit diesem Schnodderdeutsch hat dann vieles kaputt gemacht. Der Western kam bei seiner Erstaufführung an 1970 auch bei der deutschen Filmkritik recht gut an und es wurden gerade die klassenkämpferischen Züge und der Brechtsche Lehrstück-Charakter dieses "linken" Italo-Westerns hervorgehoben: Der Wanderzirkus als verstecktes Agitprop-Theater, in dem mittels Clownerie und Pantomime politische Aufklärung betrieben wird. Der Film ist wirklich einfallsreich und schmissig inszeniert, macht gehörig Spaß. Die anderen beiden Western fallen dagegen ein bißchen ab, wobei aber VIER FÜR EIN AVE MARIA auch nicht ganz so übel ist.
Als die drei Western in Deutschland herauskamen, waren sie entweder ab 16 oder sogar ab 18 freigegeben. Das heißt, damals durfte ich die Hauptfilme im Kino noch gar nicht sehen, sondern nur immer die Trailer. Aber im Trailer von GOTT VERGIBT... WIR BEIDE NIE und von HÜGEL DER BLUTIGEN STIEFEL ist mir die Filmmusik mit den jeweiligen Hauptthemen schon zu dem frühen Zeitpunkt richtiggehend aufgefallen und dann irgendwie auch hängen geblieben. Richtig zu Rustichelli geführt haben mich dann allerdings hauptsächlich einige ältere italienische Filme in Originalfassung so ab Mitte der 70er, die wir damals auch im Kino gespielt hatten und die man sonst in Deutschland gar nicht zu Gesicht bekam. Da waren einige für mich sehr prägende Erlebnisse dabei - und keinesfalls auf ein Genre beschränkt.
Mir ist übrigens noch ein Rustichelli-Titel eingefallen, den ich Dir empfehlen könnte, weil es eigentlich auch ein halber Western ist. Zu dem  würde ich Dir fast noch mehr raten als zu den drei Scores oben - nämlich ZANNA BIANCA ALLA RISCOSSA (WOLFSBLUT GREIFT EIN) von 1974. Gibts als Saimel-CD und erschien in den frühen 80ern schon als Beat-LP - ich habe beide Ausgaben. Das ist eine sehr schöne stimmungsvolle Musik, die ich immer wieder gerne auflege. Man hört zwar, daß das Orchester eher klein ist, da wohl kein allzu großes Budget zur Verfügung stand, aber Rustichelli holt schon alles raus, was ght. Teilweise aufwühlende, leidenschaftliche Dramatik voller Tragik als ob die orchestralen Teile einer Puccini-Oper zu vertonen wären. Daneben ein schwungvolles Hauptthema und nostalgische Abschnite, die ebenfalls zu gefallen wissen.  Denke schon, daß Dir das zu einem Gutteil zusagen könnte. Rustichelli hat auch die ersten beiden Wolfsblut-Filme Anfang der 70er vertont gehabt, davon ist aber leider nie was erschienen und die Originalbänder gibt es beim Musikverlag nicht mehr. Da würde ich ansonsten auch sofort zugreifen, wenn davon je was käme.

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Angelo Francesco Lavagnino – L’ASSEDIO DI SIRACUSA

In ARCHIMEDES, DER LÖWE VON SYRACUS schildert HERKULES-Regisseur Pietro Francisci die Belagerung von Syrakus während des zweiten punischen Krieges, die mit Sieg der Römer endete. Der mit relativ geringem Budget produzierte Film orientiert sich dabei sehr frei an den geschichtlichen Überlieferungen und wartet zum Schluss immerhin mit einer Seeschlacht auf.

Die Filmmusik ARCHIMEDES, DER LÖWE VON SYRACUS stammt von Angelo Francesco Lavagnino, der zu diesem Projekt eine überdurchschnittliche Partitur vorlegte. Nach dem grummelnden Prolog, der fast ausschließlich vom Schlagzeug bestritten wird, bricht die Titelmusik in ihrer ganzen Kraft herein. Die wuchtigen Klangmassen des Orchesters über stoischen Schlägen der Pauke erinnern ein wenig an DIE LETZTEN TAGE VON POMPEJI, aber dann bricht sich das eigentliche Hauptthema Bahn, das zu den schönsten Einfällen des Komponisten gezählt werden kann. Von den Violinen vorgetragen und dem Chor verstärkt, lässt sich jede Note unverkennbar als einen Lavagnino-Einfall identifizieren: Lyrisch, fast rauschhaft romantisch breitet sich die Melodie aus, die das erste Drittel der Musik dominieren wird. Sie erfüllt alle Kriterien eines Liebesthemas und findet als solches auch ausgiebig Verwendung im weiteren Verlauf des Films, bis es vorerst mit Dianas Verhaftung verstummt und erst wieder aufblühen kann, wenn sie im letzten Drittel ihr Gedächtnis wiedererlangt. Im mittleren Drittel kommt dafür das Seitenthema zur Geltung, das sich mit demjenigen aus LA GRANDE OLIMPIADE immerhin die ersten fünf Noten teilt. Während das Liebesthema oft von den Violinen vorgetragen wird, erklingt das Seitenthema häufig solistisch, und läuft dem eingängigen Hauptthema im zweiten Drittel der Musik schnell den Rang ab. Zart als Holzbläsersolo oder in solistischen Streichern arrangiert, schöpft der Komponist die Möglichkeiten seines nicht minder poetischen Einfalls voll aus.

Genrebedingt gibt es auch einige zeremonielle Abschnitte für Blechbläser und Pauken, die aber äußerst rar gesät sind und zusätzlich all die Kraft und Noblesse besitzen, die ähnlich gelagerten Passagen in IM ZEICHEN ROMS abgingen. Auch einige exotisch anmutende Tanznummern dürfen ebenso wenig fehlen wie leichte „antike“ Klänge für Flöte, Harfe und Zimbeln, aber auch diese diegetischen Passagen sind wohl dosiert. Der Fokus liegt im ersten Drittel ganz auf dem rauschhaften Hauptthema, während das Mittelstück der Partitur weitaus intimer gestaltet ist. 

Im letzten Drittel halten dann einige Spannungs- und Actionpassagen Einzug, die in ihrer Wirkung nicht ganz an die vorangegangenen Passagen heranreichen. Zu den Höhepunkten gehört auf alle Fälle die dramatische Darbietung des Haupt- bzw. Liebesthemas während Clios Flucht. Die Vertonung der finalen Seeschlacht bleibt allerdings ein wenig durchwachsen. Zu lange reichen die Blechbläser untereinander signalhafte Rufmotive hin und her oder durchschimmern einige Harfenglissandi nervöse Streichertremoli. In einer Passage (Track 23) greift Lavagnino sogar auf die sich auftürmenden und drängenden Blechbläser aus DIE LETZTEN TAGE VON POMPEJI zurück. Zum Ende hin vermag die Musik aber auch in ihren Actionpassagen mitzureißen, wenn Lavagnino beispielsweise massive, klagend abfallende Streicherlinien gegen das kraftvolle Spiel der Blechbläser schichtet.

Insgesamt schuf Lavagnino eine betont lyrische Partitur, die erstmals in vollständiger Form als Teil 14 der Peplum-Serie von Digitmovies mit stolzen 73 Minuten Laufzeit zugänglich gemacht wurde. Leider hört man den Aufnahmen ihr Alter deutlich an. Das Schlagwerk bleibt häufig dumpf, während die Streicher schnell schrill werden. Wer aber die Patina überhört, der bekommt eine fast erstklassige Musik präsentiert, deren Hauptthema noch lange im Ohr bleiben wird.

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Roberto Nicolosi – AGI MURAD IL DIAVOLO BIANCO/GLI INVASORI

Das italienische Label Digitmovies hat sich über Dekaden um die italienische Filmmusik bemüht gemacht und zahlreiche Serien zu unterschiedlichen Themengebieten veröffentlicht. Die vorliegende Doppel-CD bildet den vierten Beitrag zu einer Album-Reihe mit Musik aus Filmen von Mario Bava.

Diese nach übergeordneten Themen (Genre, Regisseur…) zusammengefassten Reihen ermöglichen einem auch direkte Vergleiche zu ziehen beziehungsweise Musiken kennen zu lernen, die man so nie auf dem Schirm hatte. Im Falle dieser Mario-Bava-Ausgabe finden sich insgesamt drei Filmmusiken aus der Feder zweier Komponisten: Angelos Francesco Lavagnino und Robert Nicolosi. Hier prallen zwei konträre Klangwelten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Lavagninos breiten und lyrischen Klängen steht die viel nüchternere und klare Musiksprache Nicolosis, der für Bava zwei Historienfilme vertonte.

Nicolosis Musik zu AGI MURAD IL DIAVOLO BIANCO ist für mittelgroßes Orchester komponiert und enthält diverse Themen und Passagen. Das schlichte Hauptthema ist rein für Streicher in einem sehr klaren Satz arrangiert und mutet ein wenig osteuropäisch-folkloristisch an. Für diverse heroische Momenten und Kampfszenen entwarf Nicolosi ein sehr spitzes, signalhaftes Trompetenmotiv, das stets über einer marschartigen Begleitung des Orchesters erklingt. Zu den stimmungsvollsten Elementen der Musik zählt das Liebesthema, das viel weniger schmachtend daherkommt als es üblicherweise in der orchestralen Filmmusik dieser Zeit gestaltet war. Fast kühl legt sich eine kantabile Linie der Solovioline über nüchterne Akkordbrechungen der Harfe, umspielt von einer fallenden Flötelinie. Zuguterletzt komponierte Nicolosi auch noch eine feurige, osteuropäisch anmutende Tanznummer, bevor das Hauptthema im gleichen Arrangement der Titelmusik die Komposition beschließt.

Die Filmmsuik zu AGI MURAD IL DIAVOLO BIANCO ist insgesamt nicht schlecht, aber sie zerfällt doch zu sehr in ihre Einzelteile. So gibt es zahlreiche, in sich geschlossene Passagen mit dem Marschthema, zwei längere Titel, die aus dem Liebesthema bestehen, die diegetisch angelegte Tanznummer etc. Aber all diese Elementen werden kaum miteinander verwoben, nie kommt es zu einer motivischen Arbeit oder längeren, ausgestalteten musikalischen Bögen. Insofern kann man die hier vollständig vertretene Musik zu AGI MURAD IL DIAVOLO BIANCO auf drei repräsentative Titel herunterbrechen. Diese haben für sich dann auch einen Reiz, aber in Gänze wird die Musik doch etwas zu repetitiv.

Bei seiner Musik zu ESTER EIL RE zeigt sich Angelo Francesco Lavagnino von seiner besten Seite – sprich: der schwelgerisch-lyrischen. Das Hauptthema wird zu beginn zwar kurz als kräftige Fanfare etabliert, aber schon bald übernehmen die Streicher und führen das Thema in einem breiten elegischen Bogen aus. Die nachfolgende Musik ist durchgehend von zarten Klängen geprägt, wobei den hohen Holzbläsern eine herausragende Stellung zukommt. Für das silbrige Timbre der Flöte komponierte Lavagnino zahlreiche Soli mit schwirrenden Läufen, eingebettet in sanfte Streicherklänge und teilweise mit klingenden Zimbeln verfeinern. Ein für zwei Flöten gesetztes modales Thema bereichert die Musik um eine exotisch anmutende Facette, während der Oboe ein nachdenklich fragendes Thema zugeordnet wird. Auch die Klarinette vermag mit mehreren Paraphrasen über das Hauptthema zu glänzen.

Besondere Erwähnung verdient auch die orientalisch anmutende Tanzmusik mit einer tiefen und leidenschaftlich anmutenden Frauenvokalise. Erst zum Ende hin gleitet die Musik streckenweise in einige bedrohlich anmutende Passagen, aber zu aktionsreichen Ausbrüchen kommt es nie. Das Blech schweigt überwiegend, nur kurz lassen sich vereinzelte Hornrufe ausfindig machen und erst zum Triumphmarsch für das Finale lässt Lavagnino wieder das ganze Blech erschallen, bevor die schwelgerischen Streicher die Musik beschließen.

Insgesamt schuf Angelo Francesco Lavagnino zu ESTER E IL RE eine wundervolle lyrische Partitur, von der immerhin 40 Minuten auf der ersten CD enthalten sind. Leider haben die Aufnahmen nicht vollständig die Zeiten überdauert, sodass mehrere Passagen fehlen. Auch der Klang ist streckenweise sehr dumpf und verhallt. Dennoch lässt sich in jeder Sekunde dieser gefühlvollen Musik Lavagninos Meisterschaft erspüren.

Den verhältnismäßig größten Anteil nimmt Nicolosis auf der zweiten CD enthaltene Musik zu GLI INVASORI, der italienischen Antwort auf THE VIKINGS ein, in der zwei Söhne eines Wikingerkönigs in feindlichem Land getrennt werden und sich 20 später als Feinde gegenüberstehen.

Gegenüber der in ihre Einzelstücke zerfallenen Musik zu AGI MURAD IL DIAVOLO BIANCO ist die Musik zu GLI INVASORI weitaus ausgefeilter. Die Partitur ist für mittelgroßes Symphonieorchester gesetzt und zeichnet sich durch einen linearen, leicht modernistischen Stil aus. Nicolosi bewegt sich immer wieder außerhalb der dur-moll-tonalen Grenzen, wobei er dennoch mit sehr prägnanten und wieder erkennbaren Themen arbeitet.

Als Hauptthema fungiert ein von Quartsprüngen geprägtes Signal-Motiv, das häufig im Horn erklingt, aber auch linear in den Orchesterklang gewoben ist.

Ihm gegenüber steht ein zackiges Marschthema, das vom häufig gedämpften Blech über die gleichmäßigen Schläge der Pauke, verstärkt von den Streichern und der kleinen Trommel, intoniert wird.

Erst in der Mitte des Films führt der Komponist für die englischen Ritter ein sehr nobel klingendes, vollständig tonales Thema ein, das im akkordischen Satz von den Blechbläsern präsentiert wird und später warm in den Streichern erklingt, bevor es auch den Zweikampf der beiden Brüder in nervös zitternden Streichertexturen begleitet.

Wie ein Fremdkörper wirkt dagegen das fast schnulzige Liebesthema, das auch klanglich aus dem Rahmen fällt. Vom Soloklavier in satten Akkorden über einen sanften Streicherteppich vorgetragen, könnte es so auch zu einem italienischen oder französischen Liebesdrama erklingen. Wenn es jedoch als Bläser- oder Streichersolo innerhalb einer ruhigen Passage erklingt, fügt es sich aber problemlos in die Musik ein.

In den zahlreichen Actionpassagen arbeitet Nicolosi häufig mit einem sehr durchsichtigen Orchestersatz. Kleine Trommel und dicht beieinander liegende, leicht dissonante Streicher bilden das rhythmische Fundament für markige Hornmelodien. Während die Musik bei den Kampfszenen oftmals sehr robust gestaltet ist, dominiert in den leiseren Abschnitten eine filigrane und harmonisch komplexe Linienführung. Auch das zagaft tastende, modal anmutende Flötensolo, das Nicolosi beim Tod des Wikingerkönigs über gläserne Töne der Harfe einführt, entbehren vollkommen der sonst so typischen Rührseligkeit damaliger Filmmusikkonventionen. Auch klanglich instrumentatorisch überrascht die Musik mit einigen originellen Einfällen, wenn sich zum Beispiel beim Tod des einen Bruders ein klagendes Englischhornsolo lediglich über den spröden Klang eines Cembalos und der gezupften Kontrabässe mit einem Nachschlag des Virbaphons legt.

Nicolosis Musik zu GLI INVASORI ist ohne Frage hörenswert. Man braucht vielleicht ein bisschen Eingewöhnungszeit, aber dann erweist sich die mehr als solide gearbeitete Partitur der anderen Nicolosi-Musik auf diesem Album absolut überlegen. Der Klang ist gemessen am Alter der Aufnahmen hervorragend und insgesamt bin ich Digitmovies dankbar, diese Musik nun zugänglich gemacht zu haben. GLI INVASORI ist eine solide B-Film(-)Musik. Nicht mehr, aber vor allem auch nicht weniger!

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vor 8 Stunden schrieb Mephisto:

Besondere Erwähnung verdient auch die orientalisch anmutende Tanzmusik mit einer tiefen und leidenschaftlich anmutenden Frauenvokalise. Insgesamt schuf Angelo Francesco Lavagnino zu ESTER E IL RE eine wundervolle lyrische Partitur, von der immerhin 40 Minuten auf der ersten CD enthalten sind. Leider haben die Aufnahmen nicht vollständig die Zeiten überdauert, sodass mehrere Passagen fehlen. Auch der Klang ist streckenweise sehr dumpf und verhallt.

Die Tanzmusik mit der Frauenvokalise wurde von Nicolosi komponiert, nicht von Lavagnino. Sie wurde witzigerweise an 1965 für eine nächtliche Partyszene in Federico Fellinis JULIA UND DIE GEISTER nochmals eingesetzt.
Möglich, daß die Tanzszene erst später noch bei ESTER E I LRE eingefügt wurde und Lavagnino zu dem Zeitpunkt dann nicht mehr zur Verfügung stand. Auch bei ein paar wenigen anderen M-Nummern von ESTER E IL RE hat Nicolosi wohl noch ein bißchen was hinzugefügt - ich würde mal sagen, so 90% des gesamten Scores stammt von Lavagnino und der Rest von Nicolosi.
Im CAM-Archiv haben rund 25 Minuten der ESTER-Musik gefehlt als Digitmovies die Musik veröffentlichen wollte. Eventuell ist da ein Band mal verloren gegangen - ähnlich wie bei Lavagninos I FRATELLI CORSI von 1961, den Kronos vor wenigen Jahren gebracht hat.
Daegegen befinden sich die Bandkopien mit der kompletten Musik - und sogar in Stereo, während CAM die Musik nur noch in Mono abgespeichert hatte - im Lavagnino-Privatarchiv. Ich habe die drei Bänder selbst gesehen als ich dort war und auch ein Foto davon - das Stereo kann man auf den Deckblättern der Bandschachteln auch ganz deutlich lesen - ähnlich wie bei LA GRANDE OLIMPIADE. Die Digitmovies-CD kam allerdings zu einem Zeitpunkt heraus als ich den Kontakt zu den Lavagnino-Schwestern noch nicht hatte und auch selbst noch nicht in Gavi gewesen war. Wir hätten wirklich sehr gerne auch den kompletten Score in Stereo auf Alhambra gemacht in den letzten paar Jahren, aber es ist dann daran gescheitert, daß Sugar ganz lange nicht einwilligte, diese Privatbänder zu verwenden. Sie hätten dann wohl schlußendlich nachgegeben als eine der Lavagnino-Schwestern mit ihnen darüber noch verhandelt hatte, aber dann kam eben dieser Deal mit Decca/UMG dazwischen und inzwischen bekommt man über Sugar gar nichts mehr lizenziert. Zumindest nicht von uns aus hier in Deutschland. Auch die Musik zum Ava Gardner/DIrk Bogarde-Melodram LA SPOSA BELLA von 1960 stand noch zur Disposition und hätte man eigentlich für das Saimel-Label in Stereo machen können (die alte sehr rare und streng limitierte CAM-Club-CD von 1991 war auch hier nur in Mono!), aber auch hier gab es natürlich genau dasselbe Problem

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Danke für die Info bezüglich Nicolosis Anteil. Das mit der verhinderten Komplettveröffentlichung ist eine wahre Schande! Das ist eine so fantastische Musik, die dringend veröffentlicht werden muss!!

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