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Markus Wippel

39/52 THE RED CANVAS by James Peterson

12 Beiträge in diesem Thema

One hit wonders in der Filmmusik sind mir eigentlich wenige bekannt. Der Amerikaner James Peterson ist leider so eine "Eintagsfliege". Nicht aufgrund von kreativer Erschöpfung sonder weil er schlicht und einfach nicht die Möglichkeit bekommt weitere Filme oder auch nur halbwegs ordentliche TV Produktionen zu vertonen. So bleibt sein relevantes Output auf eine relevante Filmmusik zu einem schrecklichen Martial Arts Film beschränkt. Trotzdem zeigt sich der gebürtige Californier für ein filmmusikalisches Weckereignis verantwortlich. Alle Jubeljahre kommt eine Filmmusik daher, in den letzten Jahren werden die Abstände leider signifikant größer, die einen vollkommen in ihren Bann zieht und kalt erwischt. Noch überraschender ist es natürlich wenn ein absoluter Newcomer, für einen wirklich letztklassigen Film die musikalischen hochwertigen Pfade eines Miklos Rozsa oder Jerry Goldsmith beschreitet. So geschehen im Jahr 2009 für den Film "THE RED CANVAS", der unter der Regie eines gewissen Kenneth Chamitoff mit einigen C-Klasse Schauspielern in den wichtigen Rollen (George Takei, John Savage, Ving Rhames) entstand.

Das absolut ungewöhnliche an diesem Streifen ist welche große Bedeutung und Freiraum der Filmmusik eingeräumt wird. Peterson der einen Bachelor of Arts in Musik von der UCLA hat  kam mehr oder weniger zufällig zu dem Engagement. Seine konzertante Filmmusiksuite "Moving Images Suite" die ebenfalls auf der CD enthalten ist, erinnerte seinen ehemaligen Collegecollegen Chamitoff (Drehbuch und Regie) an Peterson und so wurde er angeheuert. James Peterson, gelernter Blechbläser (und das hört man definitiv in der Filmmusik) hatte bis dahin nur Kurzfilme und Werbungen vertont. Die Filmmusik brachte ihm große Aufmerksamkeit in der Filmmusikbranche entgegen, er gewann auch einige Preise dafür (IFMCA, BSO Goldspirit...) - alleine die Früchte dieser großartigen, adrenalingefüllten und mutigen Arbeiten blieb ihm verwährt - sprich es gab keine weiteren relevanten Aufträge für Peterson.

“you must hear this! it’s been a while since i’ve met a composer whose talent is exploding to greatness, and just waiting to be discovered.  james peterson is he. listen and i know you will agree.” Christopher Young

Sein filmmusiklischen Vorbilder, so hat er mir erzählt, sind vor allem Golden Age Komponisten wie Rozsa, North und Herrmann aber natürlich auch Jerry Goldsmith und John Williams. Peterson hatte nur drei Wochen (hallo Mr. Giacchino) Zeit für die Musik an The Red Canvas.  Was macht diese Filmmusik für mich jetzt so besonders?

Erstens die ungestüme und im besten Sinne respektlose Herangehensweise des jungen Komponisten. Die Musik ist für großes Symphonieorchester komponiert mit einem erweiterten Blechbläseranteil (8 Hörner, 6 Posaunen, 4 Trompeten und dazu 2 Tubas)  und einer großen Streicherbesetzung (60 Stück) - die Perkussions stammen aus der sample librarie (hört man aber nicht). Aufgenommen wurde in Prag mit dem Prague FILMharmonic Orchestra unter dem Dirigat von Adam Klemens. Das zweite was diese Filmmusik, besonders heutzutage,  so außergewöhnlich macht ist der großartige, komplexe und doch leichtfüßige Umgang mit dem Klangkörper Orchester (hallo hallo Mr. Giacchino). Die zahlreichen Themen oder Motive (auch wenn es kein catchy Hauptthema gibt) werden leichtfüßig und virtuos ineinander verwoben, variiert und entwickelt. Die filmmusikalischen Vorbilder für diese Musik sind zahlreich, aber insbesondere Rozsa (vom Komponisten selbst genannt), Goldsmith, Goldenthal und auch Herrmann würde ich persönlich nennen. Trotzdem ist es eine absolut eigenständige Komposition, die und das ist mein einziger Kritikpunkt, für den schwachen Film etwas zu viel des guten ist. Aber als reine FilmMUSIK ist sie ein Ohrenschmaus.

Schon "Out of the Darkness" mit den düsteren Celli zu Beginn den frenetischen Streichern und den brutalen Blechfanfaren macht klar das es sich hier nicht um eine 08/15 Filmmusik zu einem Kampfsportfilm handelt - sondern es wird klar das hier ein Kerl am Werk ist der diesen filmischen Restposten ernst nimmt und wichtiger noch das musikalischen Rüstzeug hat ein interessantes Vertonungskonzept zu schaffen. Aber die Musik ist zum Glück nicht ein durchgehender Adrenalintrip - "Awaiting the News" ist ein besonders bitterschönes, dramatisches Streicherthema (hier höre ich persönlich ein bisschen Doyle raus) das ein Gefühl von zarter Hoffnung vermittelt. Das Thema taucht später noch in verschiedenen Variationen und Orchestrierungen auf (besonders nobel und klassisch klingend in "A Not so conjugal visit).

"Death and Resurrection I" klingt vor allem zu Beginn stark nach Goldenthal - wobei das Thema selbst Herrmannesque klingt. Auf jeden Fall ein großartiges Zwischenspiel zwischen Blechbläsern und Streichern. Der Jazzfan bringt zusätzlich mit "Jazz Cafe" ein warmes und nobel klingendes jazziges Motiv zu gehör.

Am deutlichsten ist Rozsa in dem kurzen Motiv "Johnny likes Extortion" zu hören - hier lugt deutlich Ben Hur durch - bewusst so gewählt den für ihn sind die Kämpfer wie Gladiatoren aus dem alten Rom.

Die zwei Hauptaction Motive sind in "Grease Monkey Brawl" und "Jungle Rumble" zu hören. Hierin liegt auch die herausragende Stärke dieser Filmmusik. Die Actionmusik ist so fein komponiert und großartig orchestriert mit treibenden Bläserakkorden (meine Güte die armen Blechbläser müssen Blut geschwitzt haben), enthemmten Streichern und dröhnenden Percussions . Ich habe ehrlich gesagt in den letzten 7 oder 8 Jahren keine Handvoll ähnlich gute Actionmusik gehört. Ich glaube nicht das diese Art der Filmmusik heutzutage bei einem großen Blockbuster möglich wäre - Peterson wäre sicher durch Giacchino ersetzt worden ;)

Das beste soll man sich ja immer für zum Schluß aufbewahren - und da Peterson trotz seines Unerfahrenheit ein Profi  ist, macht er das auch. Der standout cue "BALLET FOR BRAWLERS" beschließt die Filmmusik. Es ist schwer diese gigantische elfminütige filmmusikalische Offenbarung zu subsumieren - vielleicht so - müsste ich eine Top 10 Liste der besten Tracks der Filmmusikgeschichte erstellen, "Ballet for Brawlers" wäre ganz sicher dabei! Oder das größte Kompliment das ich ihm geben kann, ist das die Actionmusik absolutes Goldsmith Niveau hat. Eine zornige, enthemmte musikalische Achterbahnfahrt die ihres gleichen sucht. Das Stück beginnt langsam mit stampfenden Streicherakkorden und steigert sich fortwährend - bestehend aus den zwei Actionmotiven und den zwei dramatischen Themen die furios ineinander verwoben werden. Es gibt ständige Tempowechsel, musikalisch Brutalität, pochende Percussions,  komplexes und technisch höchst anspruchsvolle Musik für Blech. Zwischendurch verschnauft das Stück immer wieder mal kurz, holt Luft und bringt ruhigere dramatische Musik um sich später in nur noch frenetischen Passagen zu entladen. Wenn man glaubt eine weitere Steigerung ist kaum mehr möglich packt Peterson noch einen drauf. Genau wegen dieser Art von musikalischen Magie liebe ich die Filmmusik so sehr!

Diese Filmmusik sei jedem wärmstens ans Herzen gelegt. Ich kann mir nicht vorstellten das sie irgendeinen absolut kalt lässt - man spürt das sie vor Energie strotz und das ungemein viel Herzblut eines wirklich talentierten Musikers drinnen steckt. Und wenn in den letzten Tagen gefragt wurde wen man sich als Star Wars Komponist vorstellen könnte - James Peterson wäre meine Antwort. Aber heutzutage ist in der "Blockbuster" Filmmusik kein Platz für anspruchsvolle durchdachte Musik - und so sucht der arme Mr. Peterson weiterhin nach Jobangeboten, während andere durchschnittliche (Giacchino) und unterdurchschnittliche (da sag ich jetzt nix) alles vertonen dürfen was so daher kommt. Shame on you - Hollywood!!!!!

Bilder kommen morgen

 

 

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Ich habe ehrlich gesagt nie ganz verstanden, was die große Attraktion an der Musik sein soll. Gerade am oben geposteten "Ballet for Brawlers" zeigen sich überdeutlich die Schwächen gerade der Actionmusik: harmonisch steht es 10 Minuten auf der Stelle und entwickelt sich keinen Schritt weiter. Der Bombast ist ohrenbetäubend, grobschlächtig und undifferenziert, scheint eigentlich nur von der statischen Harmonik ablenken zu wollen. Goldenthal und Gordon sind auch bombastisch, aber eben tatsächlich fein, detailiert und nicht so grob-rumpelig wie Peterson. Dazu kommt eine fürchterlich muffelig-dumpfe Aufnahme, die das Ganze zusätzlich pampig klingen lässt.

Die lyrisch-romantischen Passagen sind m.E. die besten Teile der Musik ("Awaiting the News", zweiter Teil von "Death and Resurrection I", "Maria Cries"). Man merkt auch durchaus, dass Peterson Potenzial hat - aber von der Ultra-Kunstfertigkeit der anderen genannten Komponisten ist RED CANVAS schon einige Klassen entfernt, finde ich. Da könnte man auch zig andere Komponisten aus der Hauptsache-laut-und-groß-Fraktion als filmmusikalische Heilsbringer bejubeln.

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Ich finde die Tempowechsel ungemein reizvoll und gerade weil es nicht 11min Vollgas ist sondern das Innehalten und die lyrischen Passagen machen für mich den besonderen Reiz dieses speziellen Stücks aus. Das Stück ist natürlich over the top - is ja kein feingeistiger Film - falls du das nicht bemerkt haben solltest, insofern passt zum Teil auch der laute überbordende Ansatz. Ich finde es übrigens nicht grobschlächtig und undifferenziert - aber ich kenne mich ja auch nicht aus.

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Der dumpfe, verwaschene Klang stört dich auch nicht? Ein klarer und transparenter Mix wäre bei der Musik echt von Vorteil gewesen. Aber da hatte wohl jemand was an den Ohren - oder die Prager Location war damals noch nicht so gut ausgestattet.

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Peterson hat mir gesagt das er auch mit dem Klang sehr unzufrieden war - aber leider kein besseres Ergebnis möglich war.

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Ich wäre ja echt total am Boden, wenn meine erste Orchester-Filmmusik so schlecht gemixt und aufgenommen wäre. Trist! :mellow:

Hat er gesagt, woran es genau lag?

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Nein leider - ich hab dann auch nicht mehr genauer nachgefragt

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Schönes Review Markus, kenne weder Film noch Musik, werd ich mir jedoch definitiv holen. Wenn er dir so gut gefällt, dürfte es auch meinen Geschmack treffen, da liegen wir mit unseren Vorlieben nah beieinander. Kommt zudem wie ich aus der Blechbläserecke (8 Hörner...wow). 

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Sehr interessante Musik! Erinnert mich vom Stil her immer ein wenig an eine moderne Version von Miklos Rozsa! Durchaus ungewöhnlich. Muss ich mir demnächst mal wieder anhören...:dedektiv:

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Stimmt Peter haben ziemlich den ähnlichen Geschmack!!! Den Film kannst du wirklich vergessen, aber die Musik ist sehr fein (hat auch überall gute bis sehr gute Kritiken bekommen)

aber du kannst die Musik auf spotify anhören!

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Kann man - bei dem derzeitigen Preis von 1,95$ - bei der nächsten Screen-Archives Bestellung ja mal mit in den Warenkorb legen
http://www4.screenarchives.com/title_detail.cfm/ID/12973/THE-RED-CANVAS/
(ich hab' die allerdings schon)

Da gibt es übrigends noch jede Menge Titel zu diesem Preis in der Rubrik "Rare, Out od print..."

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