Frédéric Chopin - Balladen
Die Balladen gehören zu meinen Allzeitfavoriten in Chopins Schaffen, denn nirgends hat dieser Klavierspezialist sein ganzen kompositorisches Können so kompakt in einer einzigen Komposition untergebracht. Die vier Balladen wurden zwischen 1835 und 1848 veröffentlicht und sollen von den Gedichten des befreundeteten Dichters Mickiewicz inspiriert worden sein. Besonders die erste und die dritte Ballade sind dramaturgisch wundervoll gestaltet, so ziehen sich die jeweiligen Themen in immer wieder anderen Gewand durch die ganze Komposition und verknüpfen die mal furiosen und mal verspielten Zwischenpassagen, bevor ein äußerst virtuoses Finale die beiden Werke jeweils beschließt.
In der zweiten Ballade wirken die lyrischen Passagen und die äußerst virtuosen Zwischenteile eher blockhaft von einandergetrennt und nicht verwoben. Das Finale scheint mir von allen Balladen das schnellste, virtuoseste, furioseste überhaupt zu sein.
Die vierte Ballade scheint hat einen eher ruhigen Charakter was besonders an dem Thema liegt, das fast meditativ das immergleich scheinende Tonmaterial wiederholt, doch nach einigen Anläufen gelang es mir, auch dieses Stück sehr schätzen zu lernen.
Chopins gesamtes Gefühl für wundervolle Themen, technische Brillanz, kompositorische Konsequenz und überbordende Fülle kreativer Einfälle sowie seine teils für diese Zeit gewagte Harmonik spiegelt sich in diesen vier Werken wider wie in kaum einem Anderen.
Idil Birets Einspielungen für Naxos sind wieder einmal fantastisch gelungen. Die sehr differenzierte Interpretation ist genau so wichtig wie das hin und wieder recht "trockene" Spiel, was der vierten Ballade und der überbordenen zweiten Ballade sehr gut tut. In der ersten Ballade allerdings hätte etwas weniger "kantiges" Spiel einen zuträglicheren Effekt und in der dritten Ballade hätte ich mir einige dynamische Ausbrüche mehr gewünscht. Einige äußerst vollgriffige Passagen klingen trotzdem etwas kraftlos, obwohl sie ff gespielt werden sollten.
Alleine schon das Foto Zimermans auf dem Cover lässt schließen, wie der polnische Pianist diese vier Stücke Chopins spielt: verträumt, sehnsuchtsvoll, tief emotional - was den Stücken aber nur bedingt gerecht wird. Trotz klarer Tempoangaben verschleppt Zimerman nämlich ständig die Tempi, die Musik soll vielleicht durch das langsame Spiel besonders emotional wirken, aber das tut dem Fluss der Kompositionen absolut nicht gut. Stattdessen werden viele Passagen zu langweilig, zögerlich und zaghaft. Zusätzlich störend sind die ständigen Atemgeräusche und das teils deutlich hörbare Mitsummen, sodass der Rezipient vielleicht die Anteilnahme des Pianisten spüren soll, aber daran habe zumindest ich kein Interesse. Höchstens zweite, wenn nicht sogar dritte Wahl.
Pollinis Aufnahmen scheinen das vollkommene Gegenteil der Interpretationen Zimermans zu seinen. So haben sämtliche Aufnahmen Feuer und Kraft. Hin und wieder wirkt das Spiel jedoch ein bisschen zu hart und in den schnellen Passagen verschwimmt die Musik teilweise durch den heftigen Pedalgebrauch, der die Musik bei diesen wahnwitzigen Tempi zusätzlich verschwimmt.
Chopins Balladen sind halt kein Paganini. Hier geht's um erster Linie tatsächlich um die Musik, die Komposition und nicht das virtuose Können.
Murray Peharias Aufnahmen sind sehr glatt, aber dennoch technisch brillant und lyrisch. Von den vier genannten Alben mag ich diese Interpretationen am Liebsten, da Perahia den sanglichen Charakter einer Ballade gut trifft und die jeweiligen anzustrebenden Stimmungen perfekt umsetzt.