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Da wir noch gar keinen eigenen Thread zu diesem faszinierenden und extrem einflussreichen Komponisten des 20. Jahrhunderts haben, hole ich das jetzt mal nach. :) Olivier Messiaen (1908-1992) zählt zwar schon seit Jahren zu meinen Lieblingskomponisten des 20. Jahrhunderts, aber die derzeitige Krisensituation hat mich mal wieder in die Arme des Franzosen und seiner wundersam-spirituellen Musik getrieben, die in ihrer eigenwilligen Schönheit viel Trost und Zuversicht spenden kann. 

 

Wo fängt man an? Messiaens Musik ist schwer mit Worten zu beschreiben, aber so extrem unverwechselbar und sofort wiedererkennbar wie kaum ein anderer Stil eines großen klassischen Komponisten der letzten 150 Jahre. Zur Einführung lasse ich vielleicht den Dirigenten Paavo Järvi zu Wort kommen - in einem kurzen Promo-Video für eine tolle CD, die er Ende letzten Jahres mit dem Züricher Tonhalle-Orchester aufgenommen hat, mit vier frühen Orchesterwerken Messiaens aus den 30er Jahren: 

 

Allen seinen Werken gemeinsam - von den 20er Jahren bis Anfang der 90er Jahre - ist eine tiefe Spiritualität, die sich aus Messiaens Naturverbundenheit und seinem Pantheismus speist. Fast alle Werke haben religiöse Bezüge bzw. vertonen Motive der katholischen Glaubenswelt: von der Auferstehung und Verklärung Jesu, über biblische Motive wie die Offenbarung des Johannes, bishin zur Porträtierung von Heiligenfiguren wie Franz von Assisi. Die Zugänge zu diesen Themen sind aber nicht trocken-theologisch und auch alles andere als traditionell, sondern von einer unglaublichen musikalischen (und philosophischen) Poesie und Opulenz geprägt. Messiaens Musik schillert prachtvoll in allen erdenklichen Farben (er selbst war Synästhetiker, d.h. er verband Klänge und Harmonien mit Farben), und seine Werke wirken auch deutlich impressionistischer und "jenseitiger" als die Musik vieler seiner Zeitgenossen. Ein vollkommen eigener und unverwechselbarer Klang, der etwas Magisch-Verzaubertes an sich hat - und durchaus auch etwas Bildhaftes, fast Filmisches. 

Das Hauptthema seiner Musik ist die Transzendenz, die im christlichen Glauben, aber auch in der Natur liegt. Vögel waren für ihn göttliche Wesen, die eine Brücke zwischen irdischer Welt und himmlischem Jenseits bilden, und deswegen eine besondere thematische Stellung in seinen Werken einnehmen. Messiaen war passionierter Vogelkundler, und hat die Gesänge zahlreicher Spezies annäherungsweise in Musik notiert und in seine Werke miteinfließen lassen. In vielen Werken ab den 1940er Jahren sind solche "Vogelstimmen" im musikalischen Satz verarbeitet, vor allem im Klavier, aber auch in den Holzbläsern. Messiaen schrieb in den 50er Jahren Werke wie "Oiseaux exotiques" für Klavier, Bläser und Schlagzeug, welches die Gesänge exotischer Vögel verarbeitet, sowie einen ganzen "Catalogue d'oiseaux" für Klavier (1958) - ein dreizehnsätziges Werk, wo jeder Satz einen Vogel, und die französische Region, in der er heimisch ist, porträtiert. Ganz im Sinne seiner pantheistischen Weltsicht, nach der sich Gott überall in der Natur manifestiert, werden hier auch die Geographie, das Klima, die Düfte und die Atmosphäre der Landstriche mitvertont. Absolute Naturmusik, wenn man so will. 

Wichtig für Messiaen war auch seine lange Tätigkeit als Kirchenorganist. Durch alle Phasen seines Schaffens hindurch hat Messiaen für Orgel solo komponiert, und viele seiner Werke (v.a. in den 30er und 40er Jahren) haben choral-ähnliche, an die Orgel-Registratur angelehnte Sätze bzw. lassen sich als transzendente "Gesänge" deuten. Eins der schönsten Beispiele ist der erste Satz des frühen Orchesterwerks "L'ascension" (1932-33) - ein wunderschöner Bläserchoral, der sofort Messiaens eigenwillige modale Harmonik (dazu in den nächsten Tagen mehr!) erkennen lässt. 

Mit diesem herrlichen Klangbeispiel möchte ich diese Einführung auch schon abschließen - mit Aussicht auf weitere Empfehlungen in den kommenden Tagen und Wochen. :)

 

 

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Danke erstmal hierfür und die schöne Einführung in sein Werk. Auch das Video und das erste Klangbeispiel finde ich sehr gut gewählt. Dieses Magisch-Verzauberte zieht mich auch direkt in seinen Bann und weckt natürlich direkt die Lust auf mehr. Deswegen bin ich schon sehr auf deine weiteren Ausführungen gespannt. :)

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Am 26.3.2020 um 08:15 schrieb TheRealNeo:

Danke erstmal hierfür und die schöne Einführung in sein Werk. Auch das Video und das erste Klangbeispiel finde ich sehr gut gewählt. Dieses Magisch-Verzauberte zieht mich auch direkt in seinen Bann und weckt natürlich direkt die Lust auf mehr. Deswegen bin ich schon sehr auf deine weiteren Ausführungen gespannt. :)

Danke, freut mich, wenn die Stücke schon mal Anklang fanden. :)

Ich mache gleich mal weiter mit "L'Ascension", dem Orchesterwerk von 1932 (siehe zweites Video oben): Messiaen hat das Werk ein Jahr später auch als Orgelfassung arrangiert, wie er es bei einigen seiner Werke getan hat. Gerade den ersten Satz finde ich auch in der Version für Orgel unfassbar schön - ich finde, dass die Harmonien hier sogar fast noch schöner herauskommen als im Bläserchoral der Orchesterfassung. Außerdem erinnert mich der Satz in dieser Form stark an Francis Seyrigs Filmmusik zu LETZTES JAHR IN MARIENBAD (1961), den vielleicht einige hier kennen werden (Seyrig war übrigens auch Schüler von Messiaen). 

Harmonisch hat mich schon lange kein Stück mehr so in seinen Bann gezogen wie dieser Satz... und er zeigt, was für ein riesiges Ausdrucks- und Klangfarbenpotenzial in der Satzform des Chorals liegt. 

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Für Filmmusik-Fans interessant ist auch der dritte Satz von "L'Ascension": beim letzten Abschnitt des Satzes hat man fast Arnold Schwarzenegger vorm inneren Auge, wie er vom Predator durch den Dschungel gehetzt wird (ab 4:55): 

 

Der Grund: Messiaen benutzt hier die gleiche Form von Tonleiter wie Silvestri (durchgehend) in seinem PREDATOR-Score. Die oktatonische bzw. verminderte Tonleiter, in der der Abstand zwischen zwei Tönen immer abwechselnd ein Halbton und ein Ganzton ist. Diese Tonleiter ist auch als zweiter Messiaen-Modus bekannt (Messiaen hat die Tonleitern, die er in seinen Werken benutzt hat, 1944 in seinem Buch "Technique de mon langage musical" systematisiert). 

Insgesamt hat Messiaen 7 dieser "Modi" definiert. Sie kennzeichnen sich durch die besondere Abfolge von Tonabständen (Intervallen), die eben nicht denen von Dur oder moll entsprechen, und es gibt weniger Möglichkeiten der Transposition (die Töne sind z.B. dieselben, wenn man die Leiter auf C, Es oder B startet - andere Töne wären es, wenn man sie z.B. auf F startet). Diese Tonleitern tauchen schon bei Liszt, Debussy und Bartók auf; Messiaen war allerdings der erste, der sie systematisiert und konsequent zur harmonischen Gestaltung seiner Werke benutzt hat. 

Die oktatonische Halbton-Ganzton-Leiter dürfte der populärste Messiaen-Modus sein, und wird im Jazz, wie auch in der Filmmusik verwendet. Neben Silvestri benutzen ihn auch Christopher Gordon (DAYBREAKERS) und Jonny Greenwood (INHERENT VICE) regelmäßig. 

Die Leiter im Beispiel oben startet übrigens auf B - in PREDATOR fängt Silvestri häufiger auf E oder G an, also in einer transponierten Form. 

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Am 3.4.2020 um 09:29 schrieb TheRealNeo:

Zur Filmmusik kam aber er selbst nie? Weil er auch nicht wollte oder ergab sich nie?

Nein, Filmmusik hat er nie geschrieben. Er war Zeit seines Lebens eigentlich durchgehend in E-Musik-Kreisen unterwegs, und dort auch extrem einflussreich. Er war ja einer der wichtigsten Kompositionslehrer Europas, hat Generationen von Komponisten ausgebildet, und hatte riesigen Einfluss auf die Herausbildung der Avantgarde nach dem zweiten Weltkrieg. Für Arbeit in anderen Medien hatte er wohl schlicht keine Kapazitäten mehr frei - ob er grundsätzlich Interesse dran hatte, weiß ich nicht. Mir sind jedenfalls keine Äußerungen dazu bekannt. 

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Ich muß zugeben, ihn noch nie bewußt gehört zu haben. Wo wären denn außerdem noch Einflüsse von ihm in der Filmmusik zu finden? In dem zweiten verlinkten Stück mußte ich an manchen Stellen an Rosenthals Titelthema von ISLAND OF DR. MOREAU denken. Ist aber wahrscheinlich komplett falsch, nur eine spontane Assoziation.

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Messiaen war Alain Resnais' erste Wahl für Letztes Jahr in Marienbad, aber er hat höflich abgelehnt.

Zitat

My first choice was Olivier Messiaen. I shot the film in the shadow of Messiaen, who very kindly refused saying that he could not write with precise timings, that he could not do a ballet never mind music for a film.

Die Musik komponierte letztendlich Francis Seyrig, Schüler von Messiaen und Bruder der Hauptdarstellerin Delphine Seyrig.

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vor 18 Stunden schrieb Angus Gunn:

Wo wären denn außerdem noch Einflüsse von ihm in der Filmmusik zu finden?

Vor allem natürlich dort, wo Filmkomponisten mit modalen Harmonien gearbeitet haben (sofern es nicht gerade auf Themenkomplexe wie "Mittelalter" und somit eher klischierte Verwendungsformen von Modalität bezogen ist, oder auf die Kirchentonarten, die eigentlich nichts mit Messiaen zu tun haben). Zu nennen ist natürlich vor allem Goldsmith: das Alien- bzw. Alienplaneten-Motiv aus ALIEN ist schon klar im Geiste Messiaens, es entspricht sogar einem seiner sieben Modi - mir ist leider entfallen, welchem genau, ich glaube es ist der sechste...

Ansonsten ist Jonny Greenwood einer der bekanntesten Filmkomponisten, bei dem der Messiaen-Einfluss besonders deutlich wird. Greenwood schreibt ja fast ständig modal (vor allem im Modus 2, siehe oben), seine Musik zu THERE WILL BE BLOOD ist außerdem stark von Messiaens "Quatour pour la fin du temps" beeinflusst (nicht nur harmonisch, sondern auch allgemein in der Ästhetik, siehe z.B. der Track "Eat Him By His Own Light"), und nach eigener Aussage ist die Turangalîla-Sinfonie eins seiner klassischen Lieblingswerke. Das Ondes Martenot benutzt er auch oft, wobei das natürlich - wie auch bei Elmer Bernstein - nur eine oberflächliche Gemeinsamkeit ist. 

vor 2 Stunden schrieb Oliver79:

Messiaen war Alain Resnais' erste Wahl für Letztes Jahr in Marienbad, aber er hat höflich abgelehnt.

Sehr gut, danke für das Zitat! Darf ich fragen, wo du das gefunden hast?

vor 1 Stunde schrieb TheRealNeo:

Wobei ein Alain Resnais bestimmt auch keinen Score mit 'precise timings' erwartet hätte.

Zumindest bei MARIENBAD sicher nicht, nein. :)

Letztendlich hat die Seyrig-Musik aber auch starken Messiaen-Einfluss - ich hatte oben ja schon gewisse Ähnlichkeiten zwischen Seyrig und der Orgelfassung des ersten Satzes aus "L'Ascension" unterstellt. ;) 

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