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Geschrieben
vor 3 Stunden schrieb Mistermaffay:

Intetessant, dass du bspw HOUSE OF GUCCI von Scott als Positivbeispiel aufführst. 
Ich sehe eher BLADE RUNNER und ALIEN als die wenigen wirklich sehr starken Ridley Scott Filme. 

Ja, das ist halt die Position des Kanons.* Ich finde ALIEN auch gut, und er ist bei mir auch sehr weit oben im Scott-Ranking (trotz Vergewaltigung von Goldsmiths Musikkonzept) - aber HOUSE OF GUCCI finde ich noch deutlich spannender. Einer der interessantesten, wildesten, verrücktesten Scott-Filme überhaupt, und er zeigt exemplarisch, wie sich Scott im Alterswerk Spaß und Groteske gönnt - ähnlich wie in THE DOG STARS, über den ich auch hier geschrieben hatte. 

(* Der von Filmkritik und -wissenschaft etablierte Kanon - also das, was als besonders wichtig, "qualitativ" oder filmhistorisch bedeutend gilt - wird in den cinephilen Kreisen, in denen ich mich bewege, meist hinterfragt. Im Kanon herrschen ja oft althergebrachte, konservative Positionen vor, die z.B. Genrekino als minderwertig definieren oder an der überholten Autorentheorie festhalten. Neuere cinephile Strömungen brechen diese kanonischen Sichtweisen auf Filmgeschichte mehr und mehr auf. In Bezug auf Hollywoodkino kommen dann z.B. Fragen auf wie: ist ein Regisseur wie Anthony Mann nicht genauso bedeutend für das Western-Genre wie der kanonisierte John Ford? Reflektieren Larry Cohens Horrorfilme der 80er nicht genauso geistreich-kritisch über die amerikanische Gesellschaft wie die Melodramen Douglas Sirks? Ist ein Regisseur wie Peter Hyams, der lange als reiner Handwerker galt, nicht doch ein verkannter Meister und wichtiger Noir-Stilist seiner Zeit? Oder eben auch: sind Filme mit prägnanter Filmmusik nicht nur das Werk eines Regisseurs, sondern - im Sinne einer erweiterten Autorentheorie - auch des Filmkomponisten? :) Letztgenannter Punkt zeigt ja, dass ein Anzweifeln kanonischer Positionen auch unserer eigenen filmmusikkulturellen Subkultur zugute kommen kann.)

vor 4 Stunden schrieb Mistermaffay:

Du sprichst immer wieder von der Ästhetik der Filme. Aber ist das nicht ein hochgradig subjektives Kriterium? 
Wir können uns gewiss in der Musik auf recht objektiv messbare Qualitätsmerkmale verständigen (bspw wie geht der Komponist mit Themen wie Kontrapunkt etc. um). 
Aber beim Film ist die Ästhetik m.E. stark vom persönlichen Geschmack abhängig. Was für den einen trist und monochrom ist, ist für den anderen genau die richtige Herangehensweise (bspw DUNE). 

Neben Kanonkritik ist auch die Analogfilmkultur prägend für neuere cinephile Strömungen. Sprich: das ästhetische Ideal ist der Look der Analogfilm-Ära. Das schließt auch warme, analoge Farbgebungen mit ein. 

Der Trend heutzutage geht jedoch - auch dank Nolan und Villeneuve - in Richtung Entsättigung. Sogar der Look älterer Filme wird bei Restaurierungen und Remasterings verfälscht, indem entsättigt und vergrauschleiert wird - eine ganze Generation von Filmemachern und Filmrestauratoren denkt mittlerweile monochrom. Diesem Trend stellen sich viele Cinephile konsequent entgegen. 

Zur Veranschaulichung hier ein Vergleich der alten Bluray von SHOWGIRLS (Paul Verhoeven, 1995) und der neuen Restaurierung von Capelight aus dem Jahr 2020:  

sgrr.thumb.jpg.f0319bf9f707bf7f2e2e96f70a8ca952.jpg

Die farbintensive alte Bluray (oben) kommt dem Look zeitgenössischer 35mm-Positivkopien recht nahe - so, wie man den Film damals im Kino gesehen hat. Die "Trend"-Restaurierung von Capelight hingegen (unten) tilgt die Farben, damit es in die heutige "Grau-in-Grau-Ästhetik" passt. Das alles ist das Ergebnis eines ästhetischen Brainwashings, das wir in erster Linie Regisseuren wie David Fincher, Christopher Nolan und Denis Villeneuve zu verdanken haben. 

Natürlich ist es am Ende subjektiv, was einem persönlich besser gefällt. Objektiv feststellbar ist allerdings der Trend an sich - ein Trend, der sogar das Filmerbe der Vergangenheit verfälscht. 

  • Like 4
Geschrieben

Dieses "grau in grau" fällt mir auch seit einigen Jahren auf. Und das bezieht sich nicht nur auf Kinofilme. Ich schaue ja durchaus gerne auch mal nen Krimi im ÖRR. Die sehen alle gleich trist aus. Dazu dann oft ne depressive Handlung und die düsteren depressiven Score Klangteppiche geben dem ganzen den Rest. Da erinnere ich mich dann immer gerne an CSI Miami beginnend ab Staffel 3. Der Look war so bunt und farbintensiv, da musste man beim Schauen ne Sonnenbrille aufsetzen so grell war das. So eine farbenfrohe gute Laune Atmosphäre vermisse ich. Von Ridley Scott mag ich Black Rain sehr gerne. Toller atmosphärischer Look ohne zu stylish zu sein. 

  • Like 2
Geschrieben
vor 22 Minuten schrieb Lars Potreck:

Dieses "grau in grau" fällt mir auch seit einigen Jahren auf. Und das bezieht sich nicht nur auf Kinofilme. Ich schaue ja durchaus gerne auch mal nen Krimi im ÖRR. Die sehen alle gleich trist aus. Dazu dann oft ne depressive Handlung und die düsteren depressiven Score Klangteppiche geben dem ganzen den Rest. 

Ja - angefangen hat das irgendwo bei Finchers SE7EN (toller Film natürlich, keine Frage!), ging weiter mit der Düster-Farbstichigkeit von PANIC ROOM, und erreichte seinen Höhepunkt bei Nolans DARK KNIGHT-Filmen. Letztere haben dann auch die "existenzialistische Düster-Erzählung" etabliert. Fertig war der neue Trend, der bis heute alles kaputt macht. 

Geschrieben
vor 5 Minuten schrieb Sebastian Schwittay:

Ja - angefangen hat das irgendwo bei Finchers SE7EN (toller Film natürlich, keine Frage!), ging weiter mit der Düster-Farbstichigkeit von PANIC ROOM, und erreichte seinen Höhepunkt bei Nolans DARK KNIGHT-Filmen. Letztere haben dann auch die "existenzialistische Düster-Erzählung" etabliert. Fertig war der neue Trend, der bis heute alles kaputt macht. 

Wobei sowas auch immer noch durch die Scores verstärkt wird. Nolan Filme klingen wie sie aussehen. Kühl und steril. Was auch durchaus atmosphärisch ist, aber für mich zu keiner Sekunde emotional mitreißend ist. Die Dune Filme sehen zumindest teuer und wertig aus. Und zusammen mit den Scores wird auch hier eine prägnante Atmosphäre aufgebaut. Aber emotional mitreißen tut mich auch hier nix. Zimmers Liebes Thema find ich aber stark. 

Geschrieben

Okay es wurde sich nun lange über die optische „Tristesse“ von Nolan’s Filmen (oder Villeneuve etc.) ausgelassen. 
Das ist optisch (und objektiv) nachvollziehbar, ja.  Aber ein Film macht doch sooo viel mehr aus als die Farbsättigung - was zur Hölle 😅… 

Regiearbeit, Schauspiel, Drehbuch, Kameraarbeit, etc etc etc.

Und in diesen (wichtigeren) Punkten gewinnen Meisterregisseure wie Nolan und Villeneuve deutlich. 
Da ist es mir dann herzlich egal ob man einen Grauschleier hat oder nicht 😅 

Geschrieben
vor 30 Minuten schrieb Mistermaffay:

Okay es wurde sich nun lange über die optische „Tristesse“ von Nolan’s Filmen (oder Villeneuve etc.) ausgelassen. 
Das ist optisch (und objektiv) nachvollziehbar, ja.  Aber ein Film macht doch sooo viel mehr aus als die Farbsättigung - was zur Hölle 😅… 

Regiearbeit, Schauspiel, Drehbuch, Kameraarbeit, etc etc etc.

Und in diesen (wichtigeren) Punkten gewinnen Meisterregisseure wie Nolan und Villeneuve deutlich. 
Da ist es mir dann herzlich egal ob man einen Grauschleier hat oder nicht 😅 

Allerdings! Villeneuve arbeitet bei Dune auch mit Kontrasten. Die frühen Szenen im ersten Film auf dem Wasserplaneten Caladan oder natürlich der auch von der Kritik gelobte Kniff, die Heimatwelt der Harkonnen mit einer Schwarzen Sonne darzustellen (was im Buch nicht vorkommt und was Lynch anders gelöst hat) stehen in deutlichem Kontrast zu den prallen Farben, mit denen der Wüstenplanet dargestellt wird. Überhaupt ist das World Building von Villeneuve exzellent. 

  • Like 1
Geschrieben
vor 2 Stunden schrieb Mistermaffay:

Aber ein Film macht doch sooo viel mehr aus als die Farbsättigung - was zur Hölle 😅… 

Keine Frage. Aber gerade Nolan hat mit seiner DARK KNIGHT-Trilogie ja auch narrative Trends gesetzt: die Tendenz zur Übererzählung; dass alles epische Breite haben und möglichst über 3 Filme à 150 Minuten auserzählt werden muss; und das alles mit einer existenzialistisch-freudlosen Schwere, dass man sich vorkommt, als säße man in einer Bibliothek vor einem antiken 10-Kilo-Wälzer. 

Es sind also nicht nur die Farben. ;) Aber: du hast gefragt. Und ich habe dir ausführlich geantwortet. 

  • Like 1
Geschrieben
vor 3 Stunden schrieb Mistermaffay:

Okay es wurde sich nun lange über die optische „Tristesse“ von Nolan’s Filmen (oder Villeneuve etc.) ausgelassen. 
Das ist optisch (und objektiv) nachvollziehbar, ja.  Aber ein Film macht doch sooo viel mehr aus als die Farbsättigung - was zur Hölle 😅… 

Regiearbeit, Schauspiel, Drehbuch, Kameraarbeit, etc etc etc.

Und in diesen (wichtigeren) Punkten gewinnen Meisterregisseure wie Nolan und Villeneuve deutlich. 
Da ist es mir dann herzlich egal ob man einen Grauschleier hat oder nicht 😅 

Nolan gewinnt bei mir hier gar nix. Was er kann ist Stars vor die Linse zu bekommen und seinen Drehbüchern zumindest den Anschein von Originalität zu verpassen. Am Ende sind sie aber nur überkonstruiert. Emotionalität und Gefühl kann er meiner Meinung nach gar nicht vermitteln. Egal um welchen Film es sich dabei handelt. Was auch an seinem bevorzugten Scorestil liegt. Große Bilder und ohrenbetäubender Sound, aber nichts davon berührt mich. In vereinzelten Szenen haben es dann die Schauspieler rausgerissen. Aber Fakt ist, er hat einen prägnanten Stil und man weiß, was einen bei einem Nolan Film erwartet. Letztlich wie bei Michael Bay. Jeder auf seine Art ein "Meisterregisseur". Von Villeneuve mag ich Sicario sehr gerne.

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