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Soundtrack Board

Der Charles-Ives-Gedächtnis-Spätsommer


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Schon lange wollte ich diesen Komponisten (einen meiner Lieblingskomponisten der modernen klassischen Musik, neben Schostakowitsch und Penderecki) hier im Board vorstellen - jetzt packe ich es endlich an. :)

Es geht um einen der bedeutendsten musikalischen Querköpfe des 20. Jahrhunderts und um einen der wichtigsten (wenn nicht gar um den wichtigsten) Komponisten der amerikanischen Musik: Charles Edward Ives (1874-1954).

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Ives wurde 1874 in Danbury, Connecticut als Sohn eines äußerst experimentierfreudigen Armee-Kapellmeisters geboren - sein Vater machte ihn schon in seiner Kindheit vertraut mit klassischer Musik, aber auch mit musikalischen Experimenten: so ließ Ives Sr. etwa zwei Blaskapellen durch die Stadt laufen, beide verschiedene Stücke in verschiedenen Tonarten spielend. Die Kapellen liefen aufeinander zu und entfernten sich wieder voneinander, wodurch ein ungewöhnlicher (räumlicher wie tonaler) Überlagerungseffekt entstand. Ebenfalls unternahm der Vater mit dem jungen Ives Experimente im bitonalen Gesang, also dem gemeinsamen Singen in zwei verschiedenen Tonarten.

All das prägte den jungen Ives immens: bereits in seinen frühen Kompositionen finden sich bitonale Elemente und weitere experimentelle Ansätze. Von besonderem Einfluss auf Ives waren auch die traditionelle Blaskapellen-Musik, die alten Kirchenhymnen, die Rag-Times und die Parademärsche aus dem amerikanischen Alltag, die Ives seit seiner Kindheit ständig in seinem Umfeld hörte. Diese amerikanischen „Alltags-Melodien“ tauchen in Form von Zitaten überall in Ives‘ Musik auf und werden mitunter hochgradig originell und experimentell verarbeitet.

Ab 1894 studierte Ives in Yale Komposition und wurde vertraut mit traditionellen Kompositionstechniken, den Werken Beethovens und Brahms' sowie der klassischen Sonatensatzform. Seine Erste Sinfonie (1897-1908) zeugt bereits von der handwerklichen Finesse des jungen Komponisten, lässt überdies aber auch schon (trotz Brahms-Nähe) individuelle Ansätze erkennen. Seine Zweite Sinfonie (1897-1909) ist dann geprägt von der Einarbeitung populärer amerikanischer Melodien, Volkslieder, Märsche und Hymnen - das wichtigste Charakteristikum von Ives‘ Musik, wie oben beschrieben. Die Struktur der Sinfonie verweist auf die Sinfonien europäischer Romantiker wie Brahms oder Dvorák, das musikalische Material jedoch (die zitierten Märsche, Hymnen, etc.) macht die Sinfonie durch und durch „amerikanisch“. Die erst 1951 von Leonard Bernstein uraufgeführte Sinfonie endet schließlich mit einem typischen Ives-Witz: der Abschluss des ansonsten absolut tonalen Werks ist ein schriller, atonaler Akkord der Blechbläser.

:) Das Video springt gleich zum Schluss des Satzes:

Nach seinem Studium beschloss Ives jedoch, einem traditionellen Beruf nachzugehen und ging in die Versicherungsbranche. Als Komponist arbeitete er fortan nur noch in seiner Freizeit. Vielleicht ist dies mit ein Grund dafür, warum seine Musik so außergewöhnlich originell und experimentell ist: da er nie darauf angewiesen war, mit seiner Musik Geld zu verdienen (in seiner Versicherungs-Agentur verdiente er gut genug), musste er sich folglich auch nie um die Befindlichkeiten des Publikums scheren. Das hatte jedoch auch zur Folge, dass seine Musik bis zu seinem Tod 1954 recht unpopulär blieb, und erst in den Jahren nach seinem Tod entsprechend gewürdigt wurde. Nach Ives' Tod bemühten sich zahlreiche Musiker, Komponisten und Dirigenten (u.a. Lou Harrison und Leonard Bernstein), der Musik Ives' posthum zu ihrem verdienten Ansehen zu verhelfen. Heute gelten seine Werke als wichtigste Wegbereiter einer eigenständigen amerikanischen Musikkultur und als bedeutende Vertreter des Modernismus, in denen Atonalität zum Teil noch vor Arnold Schönberg, und andere frühe Pionier-Leistungen zu entdecken sind. So gilt Ives u.a. auch als Vorreiter der Vierteltonmusik, in der die zwölf Halbtonschritte der chromatischen Tonleiter nochmal in Viertelton-Stufen aufgeteilt werden (was insgesamt 24 Töne pro Oktave macht). Schön zu hören ist dies in seinen "Three Quarter-Tone Pieces" für zwei Klaviere (1923/1924) - hier sind beide Klaviere so gestimmt, dass sie genau einen Viertelton auseinander liegen. Die daraus entstehenden Viertelton-Reibungen sind für unsere Ohren äußerst ungewöhnlich, man hat fast das Gefühl, "musikalisch seekrank" zu werden. Ein kleiner Eindruck, wie das Ganze klingt:

Zu seinen wichtigsten Orchesterwerken zählen neben seinen vier Sinfonien und der unvollendeten "Universe Symphony" v.a. sein Orchestral Set No. 1, "Three Places in New England" (1903-1914), sowie die beiden einsätzigen Orchesterwerke "Central Park in the Dark" und "The Unanswered Question" (beide 1906). Letztere wird sehr häufig in Filmen verwendet, etwa in Terrence Malicks THE THIN RED LINE oder in Tom Tykwers LOLA RENNT. Doch erst zu den "Three Places in New England": hier entwirft Ives in drei Sätzen expressive Tondichtungen, die Landschaften und Ereignisse der amerikanischen Geschichte reflektieren. Der zweite Satz, „Putnam´s Camp, Redding, Connecticut“ bezieht sich auf einen Soldatenaufstand, bei dessen Gedenkfeiern Ives als Kind teilnahm. Der Satz vermischt unzählige Zitate aus Märschen, Hymnen und Soldatenliedern, schichtet sie polyrhythmisch übereinander und steigert sie in ein atonales Chaos, das trotzdem extrem unterhaltsam und spannend anzuhören ist. Diese experimentelle Überlagerung verschiedenster Zitate, Stil-Elemente, Rhythmen und Motive gehört zu den typischsten Ives-Kompositionen überhaupt - mit der Analyse aller verschiedenen Schichten dieses Stücks ließe sich eine Uni-Abschlussarbeit füllen. Das folgende YouTube-Video hat eine tolle Animation, die zur Thematik des Stücks (Soldaten, Märsche) passt:

Auch der dritte Satz des Werks, „The Housatonic at Stockbridge“, ist hochinteressant, und darüber hinaus auch wunderschön. Inspiriert wurde Ives hier von einem Spaziergang, den er mit seiner Frau Harmony Twitchell im Sommer nach seiner Hochzeit unternommen hat: von der anderen Seite eines Flusses hörten die beiden die vom Wind herübergewehten Klänge der Erweckungshymnen eines Gottesdienstes. Über einem ruhigen, impressionistischen, polytonalen „Klangteppich“ der Streicher und Holzbläser erheben sich langsam die hymnischen Gesänge des Gottesdienst-Chors und steigern sich zu einer dissonanten Klimax, auf deren Höhepunkt der Chor schließlich abbricht, und die ruhigen Streicher-Klänge vom Anfang das Stück sanft ausklingen lassen. Ein wundersamer, faszinierender, magischer Satz, einer der größten Momente in der Musik des 20. Jahrhunderts:

„Central Park in the Dark“ und „The Unanswered Question“, beides einsätzige Werke von etwa 7 Minuten Länge, sind weitere Ives-Werke von enormer Bedeutung. „Central Park in the Dark“ beschreibt musikalisch eine Sommernacht im Central Park: über leisen, impressionistischen Streicher-Akkorden, die die nächtliche Natur darstellen, erklingen nach und nach immer mehr „Klangfetzen“ von populären Melodien, die aus Bars und Kneipen „herübergeweht“ werden: man kann sich förmlich vorstellen, wie man im Central Park sitzt und den Geräuschen des Nachtlebens lauscht. Ein Rag-Time aus einer Kneipe, eine gepfiffene Melodie eines Passanten, etc. ...

„The Unanswered Question“ ist eine philosophisch angehauchte Komposition, die, grob formuliert, die Frage nach dem Sinn des Lebens zum Thema hat. Auch hier haben wir als musikalisches „Fundament“ einen ruhigen, meditativen Streichersatz, über dem mehrere Male eine Solo-Trompete ein fragendes Motiv erklingen lässt (die Frage nach dem Sinn). Dissonante Holzbläser versuchen zu antworten bzw. eine Antwort auf die Frage zu finden, verstricken sich aber immer wieder in Dissonanzen und Widersprüche. Ein letztes Mal stellt die Trompete ihre (Sinn-)Frage, und es kommt keine Antwort mehr... nur der ruhige, immer gleich bleibende Streichersatz ist noch zu hören, der nun langsam verklingt. Steht der Streichersatz für Gott, der keine Antworten gibt?

„The Unanswered Question“ ist eines der schönsten und wohl auch zugänglichsten Stücke von Ives. Aufgrund ihres meditativen, vergeistigten Charakters wurde die Komposition, wie oben erwähnt, in vielen Filmen verwendet, bevorzugt in Sterbeszenen (LOLA RENNT, THE THIN RED LINE). Ebenfalls ließ sich David Shire in seiner Filmmusik zu ZODIAC von „The Unanswered Question“ inspirieren: auch Shire verwendet hier die Solo-Trompete, die immer wieder ein fragendes Motiv einwirft - eine Frage nach der wahren Identität des Zodiac-Killers; eine Frage, die ebenfalls (bis heute) unbeantwortet blieb.

Ein weiterer, wichtiger Teil von Ives‘ Schaffen sind seine insgesamt 114 Songs - Kunstlieder für Singstimme und Klavier, alle entstanden zwischen 1888 und 1921. Für mich zählen die Songs zu Ives persönlichsten, gehaltvollsten und interessantesten Kompositionen. Auf kleinstem Raum ballt Ives unglaublich viele Ideen: die meisten seiner Songs dauern nur rund eine Minute, stecken aber voller Witz, Experimentierfreude und hochinteressanter Ideen. Die kürzesten seiner Songs dauern nur rund 30 Sekunden, die längsten gerade mal 4 Minuten. Ich werde ab jetzt, den ganzen Spätsommer über, jede Woche einen Ives-Song in diesem Thread vorstellen - der „Charles-Ives-Gedächtnis-Spätsommer“ des Soundtrack-Boards.

:)

Ich hoffe, ich konnte ein bisschen Interesse wecken für diesen Komponisten, der einige der schönsten, aufregendsten und außergewöhnlichsten Werke des 20. Jahrhunderts zu verantworten hat. Ein Komponist, der die strenge Welt der klassischen Musik mit der Welt der Unterhaltungs- und Alltagsmusik (Volkslieder, Hymnen, Parademärsche, etc.) gekreuzt hat und so hochinteressante musikalische Collagen geschaffen hat. Und so schließe ich mit den Worten Arnold Schönbergs über Ives:

„There is a great man living in this country, a composer. [...] His name is Ives.“

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Ich bin ein Fan von Ives und finde es etwas irritierend, dass er immer etwas Geheim-Tipp geblieben ist. Für mich einer der ganz grossen amerikanischen Komponisten.

Sebastian, bei einer Herrmann-Recherche bin ich auf die Information gestossen (in den Untiefen des Internets), dass Herrmann nicht nur begeisterter Ives-Enthusiast war, sondern in der Frühzeit seiner Karriere als Radio-Dirigent und Musik-Direktor explizit Ives-Werke promotet hat. Stimmt das so?

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Sebastian, bei einer Herrmann-Recherche bin ich auf die Information gestossen (in den Untiefen des Internets), dass Herrmann nicht nur begeisterter Ives-Enthusiast war, sondern in der Frühzeit seiner Karriere als Radio-Dirigent und Musik-Direktor explizit Ives-Werke promotet hat. Stimmt das so?

Stimmt so, hatte ich vergessen zu erwähnen - Herrmann setzte sich sogar noch vor Leonard Bernstein für Ives ein, bereits noch zu Ives' Lebzeiten in den 1940er Jahren.

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Ich hoffe, ich konnte ein bisschen Interesse wecken für diesen Komponisten,...
Auf jeden Fall, Sebastian!

Was mir bis jetzt gefallen hat, sind vor allem die Überraschungen in den Stücken - hier ein Marsch, dann ein schriller Aufschrei der Bläser oder eben subtile Andeutungen. Gefällt mir sehr gut und weckt meine Lust auf mehr.

Ich höre momentan "Central Park in the dark" und bin sehr begeistert. Eine vollkommen getragene Stimmung, die sich wunderbar - weil eben auch nicht zu zart - in den Ragtime Passagen auflöst bzw. davon unterbrochen wird. Großes Hörerlebnis.

Vielen Dank dafür, ich bin außerdem sehr auf die Songs gespannt. Aber auch darüber hinaus, werde ich Augen und Ohren nach Ives offen halten. ;)

Interessanterweise passt Gehörte von ives wunderbar zu meiner Frank Zappa Laune, die ich gerade habe und dabei werde ich das Gefühl nicht los, dass Zappa Ives auch gehört haben muss. :rolleyes:

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Freut mich, dass dir die Musik gefällt. ;) Freitag startet dann meine wöchentliche Song-Vorstellung, jede Woche einen. Bei 114 Songs haben wir einiges vor uns... :rolleyes:

Ob Zappa Ives-Anhänger war, weiß ich nicht - auf jeden Fall war er Anhänger von Edgar Varèse. Ein weiterer Außenseiter und Querkopf der Musik des 20. Jahrhunderts, der auch mal mit einem eigenen Thread geehrt werden könnte.

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:applaus:Großartig, Sebastian!;)

Ives war vor drei Jahren auch für mich DIE Entdeckung (kann mich noch daran erinnern, das DECCA-Doppel-CD-Set mit seinen Symphonien und "Orchestral Sets" mal im "Klassik-Sammlungs"-Thread erwähnt habe). Ein brillanter Komponist.

Deinen Erläuterungen hinzufügen würde ich gerne noch weitere Inspirationsquellen zu seiner ersten Symphonie, von der besonders das Finale sehr nach Brahms klingt. Der erste Satz aber ist sehr stark an Schuberts Unvollendete angelehnt während der zweite Satz mit dem Englishhorn-Solo sehr zu der 9ten Dvoraks hinüber schielt. Der verspielte dritte Satz erinnert außerdem sehr an Mendelssohns Feenmusik.

Da Sebastian schon alles geschrieben hat würde ich steuere ich noch ein schönes Zitat Stravinskys bei:

"Ives verzehrt den Kuchen der Moderne bereits, bevor die anderen Komponisten überhaupt am Tisch Platz genommen haben."

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Ob Zappa Ives-Anhänger war, weiß ich nicht - auf jeden Fall war er Anhänger von Edgar Varèse. Ein weiterer Außenseiter und Querkopf der Musik des 20. Jahrhunderts, der auch mal mit einem eigenen Thread geehrt werden könnte.

Sehr schön, ich mag Querköpfe und finde es immer schön, wie man sich durch die Jahrhunderte und Künstler wühlen kann, die aufeinander Einfluss genommen haben.

Varése und Ives stehen jetzt definitiv auf meiner Liste, was sich auch passt, da ich ohnehin irgendwie mal vorhatte, ein wenig im amerikanischen Raum nach Komponisten zu schauen. Also abseits der Filmmusiker.

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Ich werde im Laufe der nächsten Zeit verschiedene Ives-CDs näher vorstellen und empfehlen - aber meine absolute Lieblings-Ives-Platte ist und bleibt diese hier:

Michael Tilson Thomas spielt mit der San Francisco Symphony und dem San Francisco Symphony Chorus verschiedenste Ives-Werke ein und präsentiert sie in einer bunten und abwechslungsreichen Zusammenstellung. Enthalten sind die "Three Places in New England", verschiedene Ives-Lieder in Original-Besetzug für Klavier und Singstimme, aber auch in Bearbeitungen für Orchester und Chor, und auch "The Unanswered Question" in einer besonders feinsinnigen, zurückhaltenden Interpretation. Ein großartiges Album, klanglich spitze und interpretatorisch auf höchstem Niveau. Eine meiner liebsten Klassik-CDs überhaupt!

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Da das Board vergangenen Freitag bzw. das ganze Wochenende nicht zu erreichen war, starte ich meine Einführung in die Ives-Songs am kommenden Freitag.

Würde mich übrigens auch über Meinungen und Eindrücke von anderen zu Ives' Musik freuen - bisher haben sich ja nur wieder die üblichen Verdächtigen geäußert... :)

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So, heute geht es dann mal los mit meiner Ives-Song-Reihe:

Den Anfang macht "The Side Show", ein sehr kurzer Song aus dem Jahr 1921, an dem beispielhaft zu sehen ist, wie miniaturhaft Ives in seinen Liedern gearbeitet hat. Doch trotz einer Länge von nur 35 Sekunden steckt in diesem kleinen Stückchen unglaublich viel musikalischer Witz und ironische Text-Ausdeutung.

http://www.youtube.com/watch?v=CIYnuYjgPlQ

Der Text, der vermutlich auf ein Traditional zurückgeht, beschreibt den leicht trotteligen Hotelbesitzer Mr. Riley ("Is that Mr. Riley, who keeps the hotel?"). Auf einer Trabrennbahn bekommt er sein Pferd nicht recht unter Kontrolle, dreht sich mit seinem Pferd unbeholfen im Kreis und weckt damit Erinnerungen an einen Russentanz ("... making poor Mr. Riley look a bit like a Russian dance.").

Ives deutet den Text musikalisch äußerst humorvoll aus: als Ausdruck des stolpernd-unbeholfenen Charakters von Mr. Riley verwendet Ives einen Walzer-Takt (3/4), den er immer wieder mit einem eingeschobenen 2/4-Takt "aushebelt". Durch diesen ständigen Wechsel zwischen 3/4- und 2/4-Takt bekommt die Musik einen ähnlich unsteten, tollpatschigen Charakter wie der im Text beschriebene Riley.

Unstet und "ungeschickt" wirkt auch die rhythmische Gestaltung der Singstimme: in den eingeschobenen 2/4-Takten wird die Melodie gestaucht, es häufen sich Achtel- und Sechzehntel-Noten, die der Melodie einen gehetzten, stotternden Charakter verleihen. Am auffälligsten ist dies an der Textstelle "...is the tune that accomp'nies..." und, vier Takte später, bei "...turns the merry-go-round". (Die fett markierten Silben und Wortteile sind entsprechend "stotternd" mit Sechzehntel- oder Achtelbewegungen vertont.)

Auch das Motiv des sich drehenden Pferdes, das mit Mr. Riley wie ein tanzender Russe aussieht, wird von Ives clever musikalisch umgesetzt: bei "...Russian dance..." verwendet Ives eine 5-nötige Dreh-Figur aus c, des und h, die die Drehung des Pferdes versinnbildlicht.

Wie ihr seht, steckt schon in diesem kleinen Song unglaublich viele Ideen und detailreicher musikalischer Witz - darüber hinaus lassen sich an diesem, wie auch an vielen anderen Ives-Songs Bezüge zum amerikanischen Alltagsleben herstellen. Kleine, witzige Alltags-Erlebnisse werden von Ives hochgradig originell und gehaltvoll umgesetzt, die kleinen "Side Shows" des Alltags zum Anlass für witzige Miniatur-Kompositionen genommen. Dieser Alltags-Bezug ist kennzeichnend für Ives' gesamtes Schaffen - inbesondere auch, was die Einarbeitung von "Alltagsmusik" (Märsche, Hymnen, Ragtimes, etc.) in seine Werke betrifft.

Nächste Woche geht es weiter mit dem Song "The Things our Fathers Loved" (1917). :)

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Vielen Dank für die Mühe, Sebastian! Ich hatte gestern meinen großen Ives-Abend mit den Decca-CDs und mache heute meinen Streicher-Nachmittag mit Stravinskys "Konzert in D", "Vaughan Williams "Partita" und "Concerto Grosso" sowie Rozas "Andante für Streichorchester". Das Lied werde ich entweder heute Abend oder im Laufe des morgigen Tages genießen. Kommen jetzt über 100 Ives-Songs von Dir analysiert? Wahnsinn! Lass Dich übrigens nicht entmutigen, wenn hier mal eine kleine Flaute ist, da anscheinend mehr Leute mitlesen als gedacht.

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Kommen jetzt über 100 Ives-Songs von Dir analysiert? Wahnsinn!

Nun, ob ich alle 112 Songs vorstelle, weiß ich noch nicht - aber die wichtigsten und schönsten mit Sicherheit, und das sind sicher um die 50. Wenn ich das wöchentlich mache, wird das kein Ives-Gedächtnis-Spätsommer, sondern ein Ives-Gedächtnis-Jahr. ;)

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  • 2 weeks later...

Etwas verspätet geht es nun weiter mit "The Things our Fathers Loved" aus dem Jahr 1917.

http://www.youtube.com/watch?v=IZAqLyIcSbk

In diesem Song wird Ives' Bezug zur (amerikanischen) Tradition und zum musikalischen Alltag deutlich: das lyrische Ich beschreibt zu Beginn einen "Ort in der Seele, der nur aus Melodien besteht, aus Melodien aus lange vergangenen Zeiten" ("I think there must be a place in the soul all made of tunes, of tunes of long ago") und bezieht sich hiermit auf die amerikanischen Traditionals, die Volkslieder, die Kirchenhymnen und die populären Marsch-Melodien, die Ives in seiner Kindheit überall gehört und in sich aufgenommen hat. Erinnerungen kommen hoch, und das lyrische Ich besingt akustische Eindrücke aus früheren Zeiten: eine spielende Orgel an einer Straßenecke ("I hear the organ on the Main Street corner"), oder Tante Sarah, die Gospels vor sich hin summt ("Aunt Sarah humming Gospels"). Spätestens jetzt ist klar, dass das lyrische Ich Charles Ives selbst ist bzw. er in diesem Song seine eigenen musikalischen Jugend-Erinnerungen ausdrückt.

Nachdem die Erinnerung an "Aunt Sarah" verklungen ist, schließt sich eine Folge von harmonisch freien, seltsam "schimmernden" Akkorden an, mit denen interessanterweise die Textstelle "Summer Evenings" vertont wird. Hier wird ein weiterer wichtiger Aspekt in Charles Ives' Musik deutlich: Natur-Eindrücke drückt Ives oft mit avancierten, anspruchsvollen musikalischen Mitteln aus, in diesem Falle mit harmonisch nicht mehr eindeutigen Wendungen und Akkorden, die Sinnbild für die wundersame Rätselhaftigkeit der Natur sein sollen.

Der zweite Teil des Songs (ab 1:02) ist schließlich geprägt von einer beschwingten, festlichen Melodie (vermutlich ein Zitat eines populären Traditionals), das lyrische Ich besingt dazu die alte Dorf-Kapelle und die zu Feiertagen festlich geschmückten Straßen. Der Charakter der Musik wird immer lebhafter, der Satz dissonanter. Die kindliche Aufregung über das festliche Treiben nimmt zu - zwar kennt das lyrische Ich nicht die Texte und Worte der damals gesungenen Lieder ("I know not what are the words..."), aber den enthusiastischen Erinnerungen tut dies keinen Abbruch, denn die Melodien und Volkslieder berühren die Seele und verbinden das Individuum mit der Tradition. Und genau diese Tradition (die alten Lieder, Hymnen und Traditionals) bedeutet für Ives Heimat - die Seele ist dort zu Hause, wo die alten Lieder und Melodien in der Luft liegen, die alten Lieder, die von den Dingen singen, "die unsere Väter liebten" ("But they sing in my soul of the things our Fathers loved."). Damit schließt der Song - interessanterweise wieder auf einem sehr offenen, harmonisch freien, "schimmernden" Akkord. Ist die Erinnerung an alte Zeiten also letztlich genau so rätselhaft wie die Natur (siehe zweiter Absatz)?

Am kommenden Wochenende geht es weiter mit "Charlie Rutlage" (1920), sowohl in der Originalfassung für Stimme und Klavier, als auch in einer Version für Stimme und Orchester. :)

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Auch vielen Dank wieder dafür.

Ich will zugeben, dass ich mit so manchem klassischen Gesang noch meine Hürden habe, aber ich mag es sehr, wenn eine analytische Seite hinzukommt und ich das vormals Sperrige durch die Hintertür betreten kann. In diesem Sinne gefällt es mir sehr gut. Bei THE THINGS OUR FATHERS LOVED gefällt mir der Einstieg in den zweiten heiteren Teil sehr gut, großes Kino, klein verpackt. Der Titel des Stückes an sich ist aber auch schon ganz nach meinem Geschmack.

Noch habe ich zwar so meine Probleme mit klassischen Songs, aber es ist schön, mal eine andere Seite daran kennenzulernen. Wobei mir jetzt schon scheint, dass Ives eh hier und da für Überraschungen gut ist.

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so ich hab mich die Woche auch mal durch den Thread durchgehört und muss ehrlich sagen, dass ich die Begeisterung für diese Musik nicht verstehen kann.. die Pianosachen wirken eigentlich wie geklimpere.. höre da nichts besonderes.

Die Musik sagt mir gar nicht zu... jedoch ich habs versucht, wie ich Sebastian versprochen habe, doch meine Meinung ist leider eher negativ. Tut mir leid.

Und ich bitte euch, diese Meinung zu respektieren.. ich will jetzt nichts hören wie "oh mein gott, wie kann dir das nicht gefallen".. denn ich werde auf Reaktionen hier nicht antworten... denn ich hab alles hierzu gesagt, was ich zu sagen habe...

Doch jede Musik hat seine Abnehmer.. wie ich in diesem Thread mitbekommen habe.. find ich toll :)

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Danke, Babis, für deinen Kommentar. Dass du mit dem klassischen Gesang auch bei den Songs Probleme hast, könnte darauf zurückzuführen sein, dass in meinen Beispielen eine deutsche Sopranistin singt und ihr Englisch leider recht gestelzt und gekünstelt wirkt. Wirkt einfach nicht so dolle. Ich hab eine CD mit Ives-Songs, gesungen von der amerikanischen Sopranistin Susan Graham (am Klavier: Pierre-Laurent Aimard) - das ist sprachlich um Längen schöner.

so ich hab mich die Woche auch mal durch den Thread durchgehört und muss ehrlich sagen, dass ich die Begeisterung für diese Musik nicht verstehen kann.. die Pianosachen wirken eigentlich wie geklimpere.. höre da nichts besonderes.

Die Musik sagt mir gar nicht zu... jedoch ich habs versucht, wie ich Sebastian versprochen habe, doch meine Meinung ist leider eher negativ. Tut mir leid.

Und ich bitte euch, diese Meinung zu respektieren.. ich will jetzt nichts hören wie "oh mein gott, wie kann dir das nicht gefallen".. denn ich werde auf Reaktionen hier nicht antworten... denn ich hab alles hierzu gesagt, was ich zu sagen habe...

Doch jede Musik hat seine Abnehmer.. wie ich in diesem Thread mitbekommen habe.. find ich toll :)

Auch danke für deinen Kommentar, Oli.

Welche Piano-Stücke meinst du denn, die für dich nur wie Geklimper wirken? Wenn es die "Quarter-Tone Pieces" im ersten Post sind, kann ich das noch verstehen, das ist wirklich schwierige Musik. Bei den Songs kann ich´s allerdings nicht so nachempfinden, denn die beiden bisher geposteten Songs sind wirklich sehr melodisch, insbesondere "The Side Show". Ich war eigentlich überzeugt, dass einige der Songs auch dir gefallen würden.

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Ich habe etwas Wichtiges vergessen:

Die "Quarter-Tone Pieces" und den Ausschnitt aus der 2. Sinfonie im ersten Post habe ich nur als Klangbeispiele angeführt. Mein Ziel ist es nicht, jemanden für so schwierige Musik wie die "Quarter-Tone Pieces" zu begeistern, mir geht in erster Linie um die Songs und vielleicht noch um die zugänglicheren Stücke in meinem ersten Post, "The Unanswered Question" und die beiden Sätze aus "Three Places in New England".

Also bitte NICHT mit den "Quarter-Tone Pieces" anfangen und sich damit gleich zu Beginn komplett abschrecken lassen!!! (Glaube nämlich, dass genau das bei Oli und Anne passiert ist.) ;)

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Ich muss sagen, dass gerade dieser nicht einfache Zugang zu Ives mir gerade sehr behagt. Beispielsweise habe ich vor kurzem ein wenig zu seinen Werken geyoutubed und bin dabei auf folgendes gestoßen:

http://www.youtube.com/watch?v=Btoq8pxXdZY&feature=BFa&list=PL353A0E9A6215184C&lf=results_video

Über die Qualität der Einspielung kann ich natürlich nichts sagen, aber ich habe schon das Gefühl, dass das Stück eben nicht einfach melodiös ist. Gerade das finde ich aber - ich hörte es letztens laut aufgedreht und in ohnehin einer gewissen Grundstimmung - sehr befriedigend für meinen Geist, weil es eben Grenzen sprengt, sich nicht einfach Harmonie hingibt. Mit zunehmendem Alter, Geschmack und Sichtweisen empfinde ich die einfache Harmonie oft als störend, als unwirklich. Da passt Ives - bis jetzt - für mich gut in meinen geistigen Kram.

Manchmal habe ich auch beim Hören ein Gefühl wie des Öfteren bei Paganini bekommen - ein wühlendes, in mich greifendes Gefühl. Schaurig, aber wohlig.

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Also bitte NICHT mit den "Quarter-Tone Pieces" anfangen und sich damit gleich zu Beginn komplett abschrecken lassen!!! (Glaube nämlich, dass genau das bei Oli und Anne passiert ist.) ;)

Dann schreibe diese Warnung doch in den Post, damit es nicht noch mehr Leuten so ergeht ;)

(kleiner Hinweis am Rande)

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Ich teile Babis' Einstellung zur 'reinen' Harmonie: Je mehr sich die Komponisten auf dem schmalen Grat zwischen tonalen und atonalen Elementen wandeln und harmonische Grenzen sprengen, wie es bei Mahler und Schönberg der Fall war, umso mehr kann mich in die erzeugte Atmosphäre hinein versetzen. Das ist mir bei Haydn oder Mozart (bis auf ganz wenige kleine Ausnahmen) absolut unmöglich. Schönberg hat das mal sehr schön zusammengefasst: Keine sterile Emotion, denn die gibt's beim Menschen auch nicht.

Bei Ives finde ich so faszinierend, dass er sich oft aus harmonisch völlig klarer Musik wie Hymnen, Märschen oder Kirchenliedern bedient, diese Musik jedoch in kreativer Verschleierung verfremdet. So wird der Marsch von einer Amateurkapelle verzerrt und die Kirchenmusik durch den Nebel verschleiert.

Hier möchte ich noch unbedingt auf das Finale des zweiten "Orchestral Sets" hinweisen: Ives stellt hier die Situation dar, als mehrere Menschen an einem Bahnhof von einem Unglück erfuhren und stimmten eine Hymne an. Nach und nach schlossen sich immer mehr Menschen dem Gesang an, bevor die Musik wieder verebbte und jeder seines Weges ging. Es ist einfach unglaublich, wie Ives es schafft, aus einer brodelnd-düsteren masikalischen Fläche erst einsame Melodiefetzen des Hymnus' aufblitzen lässt bevor die Melodie sich in einer immer mehr homophon verschmolzenen starken Säule emporwächst um nach und nach in sich zusammen zu fallen.

Ich finde, dass Ives ein sehr schnell zugänglicher Komponist der Moderne ist, weil seine Musik oftmals mit solchen kleinen Geschichten verbunden ist, die einen nachvollziehen lassen, warum er jetzt gerade die Grenzen des musikalisch Konversativen sprengt und daher bildete Ives (neben) Goldsmith in meiner Jugend meinen Einstieg in die neue Musik.

Oliver, Anne, schon einmal ein dickes Dankeschön für eure Beteiligung hier. Mich würde nur - fernab von "Oh Gott, wie kann das denn nicht gefallen" - interessieren, WAS genau euch nicht gefällt. Ist es die Art der Melodien, der Melodieführung? Findet ihr die Geschichten dahinter albern? Was genau mögt ihr an Ives' Musik nicht? Doch würde auch ich euch wie Sebastian bitten, dem guten Ives noch eine Chance mit "The Unanswered Questeion" zu geben, bevor ihr euer vorerst endgültiges Urteil fällt.

Sebastian, Durchhalten zahlt sich eben doch aus. Kaum ein Tag vergangen und schon wächst das Thema um 10 Beiträge! :)

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Oliver, Anne, schon einmal ein dickes Dankeschön für eure Beteiligung hier. Mich würde nur - fernab von "Oh Gott, wie kann das denn nicht gefallen" - interessieren, WAS genau euch nicht gefällt. Ist es die Art der Melodien, der Melodieführung? Findet ihr die Geschichten dahinter albern? Was genau mögt ihr an Ives' Musik nicht? Doch würde auch ich euch wie Sebastian bitten, dem guten Ives noch eine Chance mit "The Unanswered Questeion" zu geben, bevor ihr euer vorerst endgültiges Urteil fällt.

Verdammt gute Frage, die einer längeren Antwort bedarf. Möchte schließlich einen "Schnellschuss" ála "Näh.. is eh alles doof da!" abgeben.

Darum meine Bitte an dich: Gib mir etwas Zeit bis nächste Woche. Denn erst dann habe ich wieder Zeit, vor allem den Kopf mich nochmal ausführlich damit auseinander zu setzen :)

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