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Mephisto

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  1. Habe ich gesehen und anschließend das Fazit "ich brauche weder neue Musketiere noch einen neuen Grafen von Montechristo" gezogen. Musikalisch fand ich alle drei Filme öde. Wie gesagt, Die drei Musketiere haben sich so weit vom Roman entfernt, dass man sich ganz davon hätte lösen sollen, um eine interessante Geschichte um einen falsch verdächtigten Soldaten und einer rachsüchtigen Edelfrau zu produzieren - aber dann wären zumindest in Frankreich weniger Leute ins Kino gegangen. Hier hat's eh kaum jemanden interessiert. Und Der Graf von Monte Christo war von den Bildern her fantastisch, lief aber sehr schnell komplett aus dem Ruder. Der Witz des Romans ist ja, dass sich der Graf unterschiedlich an den drei Widersachern rächt - und ihnen jeweils das nimmt, was ihnen am liebsten ist. In der Neuverfilmung geht dieser Aspekt komplett unter, stattdessen gibt's noch eine Lesbennummer. Das ist auch völlig okay, aber hat einfach so wenig mit dem Roman zu tun, dass ich mir gerne einen Historienfilm anschaue, der sich mit den Sitten und Normen der höheren Gesellschaft des postnapoleonischen Zeitalters auseinandersetzt und gute Intrigen hat - ohne dass ich das mit einem meiner absoluten Lieblingsbücher abgleiche(n muss). Und wenn man dem Zeitgeist entsprechen will: Dumas hat eine Mantel-und-Degen-Geschichte geschrieben, die Rassismus, Kolonialismus und Sklaverei thematisiert: Georges (Dumas selbst war als Enkel einer schwarzen Sklavin und eines französischen Adligen rassistischen Vorurteilen ausgesetzt). Meines Wissens nach noch gar nicht verfilmt...
  2. Würde ich so gar nicht sagen. ROBIN HOOD ist musikalisch weitaus archaischer und auch "rockiger" (die tiefe drängende Figur unter dem Hornruf im "Main Title" könnte auch ein hervorragendes Gitarren-Riff abgeben), während die MUSKETIERE weitaus "barocker" und verspielter daherkommen. Ich habe das Album vor ein paar Wochen mal wieder gehört und hatte eine riesige Freude daran. Den Film finde ich gar nicht mal so schlecht. Dumas hat mit dem Grafen von Montechristo eins meiner absoluten Lieblingsbücher geschrieben und auch die Musketiere habe ich gern gelesen. Dumas wollte in seinem Gesamtwerk ja die jüngere Geschichte Frankreichs komplett beschreiben. Dabei decken die Musketiere die Herrschaft von Ludwig XIII. bis Ludwig XIV. ab. Es ist absolut unmöglich, alle Figuren und Ereignisse in einen Film zu packen - am besten hat das ohne Frage Richard Lester mit seinem Zweiteiler geschafft (den nachgeschobenen 3. Teil habe ich, glaube ich, noch gar nicht gesehen) - auch die Besetzung ist absolut hervorragend und auf den Punkt! Der neue Zweiteiler aus Frankreich nimmt sich viel Freiheiten, was in Ordnung ist, weil man die Geschichte eh schon kennt. Ganz ehrlich, ich brauche weder neue Musketiere noch einen neuen Grafen von Montechristo. Es wäre schön, wenn es mal wieder "freie" Historienfilme gäbe und nicht immer neue Verfilmungen der gleichen Stoffe, die sich durch ihren immensen Umfang nicht adäquat verfilmen lassen. Ich denke mal, dass es hauptsächlich darum geht, mit den berühmten Titeln eine entsprechende Zugkraft zu erzeugen. Insofern mag ich den 90er-Musketier-Film recht gerne. Es ist letzten Endes eine unterhaltsame Aneinanderreihung von Actionszenen, die aber durchaus beeindruckend sind und entsprechend ihrer Zeit noch schön "handgemacht" umgesetzt wurden. Peter Hyams' The Musketeer setzte mit den Hong-Kong-mäßigen Kampfszenen noch einen drauf. Schon skurril, dass innerhalb von zehn Jahren damals sogar zwei Verfilmungen des Stoffes erschienen. Und dann 2010 wieder einer...
  3. Weiter ging es hiermit - steht ja immerhin in der Tradition von Bernstein Meine Einschätzung hat sich im Vergleich zum Höreindruck von vor 10 Jahren nicht groß verändert. Es ist schon gekonnt, wie Zahir seine beiden Themen - das für Otto und das Liebesthema - geschickt variiert. Es kommt natürlich trotzdem viel Stückwerk bei heraus (ist dem Film geschuldet). Aber mir kommt es so vor, als würde ich die beiden Themen noch aus einem anderen Kontext kennen. Hat jemand, der die CD hat oder sich an die Musik erinnern kann, eine Idee?
  4. Elmer Bernstein - THE MAGNIFICENT SEVEN So macht es doch Spaß, den musikalischen Sonntag zu eröffnen! Heute mit der als "Definitive Recording" vermarkteten Neueinspielung unter Bernstein selbst. Ich bin übrigens durch die Forensuche auf diesen Thread gestoßen:
  5. DRAGONWYCK gibt es auch von Twilight Time als Blu-Ray mit isolierter Musikspur. Der Film ist nämlich durchaus sehenswert!
  6. Ein wirkliches schönes Stück - vor allem die "kündende" Fanfare nach dem Marschryhthmus. Man spürt Deine Liebe zu den etwas verschrobeneren und nicht so glatten New-Hollywood-Fanfaren, deren Noblesse von einer "körnigen" Patina überlagert ist. Ich denke da z. B. an Johnny Mandels abgelehnte SEVEN-UPS-Musik. Gibt es die Hoffnung auf eine live-Aufführung?
  7. Ich warte noch, freue mich aber schon sehr auf das Set, weil mich GLADIATOR als Film und Musik durchaus geprägt hat. die Musik kenne ich wirklich gut, denn das originale Album war schon gut bestückt, aber ich freue mich nun auch auf die Komplettvariante.
  8. Ja, das wunderte mich auch, dass SUGARLAND mit drauf ist, zumal sich Williams ja ewig gegen eine Veröffentlichung gesträubt hat. Auch THE COWBOYS und CLOSE ENCOUNTERS sind jetzt in der Langfassung wieder verfügbar. Insgesamt ist das schon sehr erfreulich, ich "brauche" es halt nicht.
  9. Ich auch, bei den Konzertwerken habe ich noch diverse Lücken. Wenn ich mir die Titelliste der ersten Box anschaue, scheint mir, dass ich das alles schon als gesonderte Ausgaben, teilweise als "Deluxe"-Editionen habe. Leute "wie wir" können da wahrscheinlich passen.
  10. PEARL HARBOR auch - da war ja anscheinend die ganze Schlachtenmusik noch nicht im Kasten, als die das Album zur Veröffentlichung vorbereiten mussten. Ich finde es schon gut, dass Zimmer die Aufmerksamkeit der Labels bekommt, denn DROP ZONE, THE PEACEMAKER, THE ROCK (mit alternativen Fassungen), BROKEN ARROW, BACKDRAFT und GLADIATOR waren ja alles Dauerbrenner in den Bootleg-Kreisen - häufig, weil es die Sachen gar nicht offiziell gab (THELMA & LOUISE war ja auch so ein Fall) oder die Alben mit diesen ultralangen Suiten nicht so gut wirkten, wie Zimmer sich das vielleicht versprach. Da gab es, glaube ich, in einer FSM-Ausgabe mal ein Interview mit Zimmer, in dem ihm der Interviewer vorgeworfen hat, dass die Suiten keine wirklich musikalische Spannung aufbauen. Mir fehlten tatsächlich einige Zimmer-Klassiker, bis die erweiterten Veröffentlichungen kamen, BACKDRAFT war auch so ein Fall und ich bin gespannt, den jetzt mal kennenzulernen. CRIMSON TIDE ist auch so ein Kandidat. Und was ich auch noch haben möchte, ist THE LAST SAMURAI, vielleicht mein liebster Zimmer. Und ja, ich weiß, dass es das alles "irgendwo" herunterzuladen gibt, aber eine offizielle Veröffentlichung ist doch immer schöner.
  11. Hat jemand mittlerweile das Album erhalten und kann sagen, ob am Ende von "The Battle" nun wirklich nur Streicher zu hören sind oder gibt es auch wieder Gerrards Gesang dazu?
  12. Wünscht man sich da fast, Arnold hätte den Film vertont? Echt interessant, dass dem mit CUTTHROAT ISLAND und THE PATRIOT zwei Projekte mit großartigen Voraussetzungen für die Musik durch die Lappen gegangen sind. Aber bei CUTTHROAT ISLAND haben wir ja trotzdem eine tolle Partitur bekommen. Ich denke, dieser pastorale Americana-Stil war eben, was man für den Film haben wollte und das hat Williams in Hülle und Fülle geliefert, ob man davon jetzt die Recording Sessions braucht, ist eine andere Frage, aber ich habe das alte Album noch nicht und werde wahrscheinlich bei der Intrada zuschlagen. Den Film habe ich erst vor Kurzem mal wieder gesehen, weil ich Lust auf einen pathetischen Historienschinken hatte. Es ist halt genau das, was es sein will: Ein nationalistischer pathetischer Historienschinken. Mich nervte aber, dass die Dramaturgie so dermaßen billig ist und das Publikum gar nicht darum herumkommt, wie es manipuliert werden soll was die Schwarzweißmalerei angeht. Aber es war schön, mal wieder ein Schlachtenepos ohne CGI-Zutaten zu sehen.
  13. Die alte Doppel-CD habe ich spottbillig beim Colosseum-Ausverkauf geschossen - mit zig anderen. Das ist mittlerweile 13 Jahre her. Die Serie habe ich noch nie gesehen, mal sehen, ob der Dulcimer das wert ist...
  14. Da ich kein absolutes Gehör habe, ist mir da nichts aufgefallen - zumal ich die Varèse nicht mehr gehört habe, seitdem ich die Intrada-Doppel-CD gehört habe. Aber ich finde, dass es vollkommen legitim ist, das Album "in print" zu halten, ist wirklich ein Meilenstein des Actionkinos, der Actionfilmmusik und in Goldsmiths Karriere. Aber ich denke, ich werde hier (erstmal) passen.
  15. Schade, dass man nur die Musik-und-Effektspur genommen hat. Wahrscheinlich, um Zeit und Arbeit zu sparen, denn die Aufnahmen müssten ja noch existieren, oder?
  16. Na endlich, ich hatte zum 20-jährigen schon mit so einem Set gerechnet. Der Film hat mich damals wirklich stark beeindruckt und die Musik habe ich gern gehört. Der mystische Anfang, die Gitarre für Maximus' spanische Herkunft, die damals noch originellen Klagegesänge, die wirklich brutalen Actionpassagen - das hat mir in Teenagerzeit schon viel Freude bereitet. Außerdem finde ich, hat sich Zimmer sehr schöne Themen einfallen lassen. Mir sind vor ein paar Jahren mal die "recording sessions" in die Hände gefallen und da fiel mir auf, wie synthetisch die Musik zum Teil doch klingt. Ich hoffe mal, dass wir in "The Battle" nun endlich die Streichercoda ohne Gerrards Gesang bekommen. Das war nämlich bei den Sessions immer noch wie auf dem Album und eben nicht wie im Film.
  17. Laut Zitat von Horner war der Chor noch gar nicht in der Version der Testfassung enthalten. "And Gabriel hadn't even put the choir on." Also meine Meinung steht hier ja seit Jahren fest, dass ich Yareds Musik ohne Frage für die bessere Komposition, auch die bessere Filmmusik halte. Es war aber auch echt spannend, den Film mal wieder im Kino zu sehen - undwir alle hatten das Gefühl, dass er bei aller handwerklichen "Sauberkeit" einfach keine Stimmung oder Atmosphäre entfaltet. Hätte Yareds Musik den Film erschlagen? Vielleicht. Ich denke eher, er hätte ihm eine besondere Stimmung verleihen können und mehr "Mystik" entfalten können. Also da werden wir nicht übereinkommen Ist ja nicht schlimm. Aber ich finde Yareds dichtes Schlagwerkarrangement absolut nicht billig - weder in der Komposition, noch in der Ausführung. Horner hat ja das komplette Konzept des Zweikampfs nahezu 1:1 übernommen. Und er geht mit dem (synthetischen) Schlagwerk auch anders um, weil er ja die jeweiligen Attacken viel präziser vertont als Yared, der eben nicht so auf's Bild komponiert hat. Der Zweikampf ist - man muss es auch einfach sagen - ein absoltes Glanzstück des Films. Hervorragend choreographiert, gefilmt, geschnitten. Da stimmt einfach alles.
  18. Da kann ich helfen! Sie haben die rekonstruierte Fassung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung verwendet. Wichtig ist bei Stummfilmen aber auch immer die Geschwindigkeit. Die kann nämlich auch je nach Fassung variieren.
  19. Oh, wow! Die SAE/CRS/BYU-CDs habe ich alle- und freue mich über jeden Neuzugang. Schön, dass sich da wieder etwas tut.
  20. Das stimmt - LE TRAIN habeich vergangenen Herbst gesehen und hatte das Thema nicht mehr im Kopf, ergibt ja "thematisch" Sinn Heute gab es für mich eine kleine Überraschung: Das Langfilmdebüt von Alexandra Leclère - LES SŒURS FÂCHÉES - ist ein kleine Perle. In den tragikomischen Film laufen die Hauptdarstellerinnen Isabelle Huppert und Catherine Frot zu Höchstform auf. Die Kosmetikerin Lousie besucht ihre Schwester Martine in Paris, weil sie einen Vertrag mit einem Verleger über ihren ersten Roman abschließen möchte. Die reich, aber unglücklich verheiratete Martine versucht konsequent, ihre provinzielle Vergangenheit und die Kindheit mit einer lieblosen alkoholkranken Mutter zu verdrängen. Louise, die sie an diesen verhassten Teil ihres Lebens erinnert, begegnet sie mit Ablehnung, teilweise auch kalten Hass. Martine ist über die Jahre verbittert, während Louise in der Provinz einen zweiten Frühling erlebt und nun ihrem Erfolg als Schriftstellerin entgegensieht. Drehbuchautorin und Regisseurin Alexandra Leclère hat viel unternommen, um die Widersprüche in dem Geschwisterverhältnis herauszuabeiten: Martine wohnt in einer geräumigen Wohnung in Paris, sie muss nicht arbeiten und verfügt über ein Dienstmädchen, hat offenbar kein Interesse für ihren Mann, ihren Sohn oder ihre Schwester, ihre beste Freundin besitzt eine Kunstgallerie, aber sie interessiert sich nicht dafür. Alle Beigaben der bürgerlichen Fassade - Kunst, Kultur, eine heile Familie - sind nur Etiketten und Statussymbole. Louise verkörpert oberflächlich genau das Gegenteil: Sie wohnt in der Provinz, sie lebt vom Vater ihres Sohnes getrennt, aber es wird offenbar, dass sie ihren Sohn, ihre Schwester und ihren Neffen liebt. Sie kann sich für bildende Kunst begeistern und ist von der Oper gerührt, neben ihrem Beruf als Kosmetikerin wird sie auch noch eine erfolgreiche Schriftstellerin. Kein Wunder, dass sich in Martines Verbitterung über das eigene unerfüllte Leben auch noch der Neid mischt - vor allem, da ihr soziales Umfeld sich nach anfänglichen Berührungsängsten durchaus für die lebensfrohe Louise begeistern kann. LES SŒURS FÂCHÉES bespielt die üblichen Szenarien und Schausplätze französischer Gesellschaftskomödien: Die Kunstgalerie, das feine Restaurant und das festliche Diner in der schicken Altbauwohnung, das außer Kontrolle gerät. Dies geschieht aber mit so viel Verve und Spielfreude seitens der Darsteller, dass es ein Genuss ist, den Beteiligten zuzuschauen. Als reine Komödie würde ich den Film nicht bezeichnen wollen, denn es gibt mehrere ernste und sogar eine wirklich verstörende Szene. LES SŒURS FÂCHÉES ist definitiv ein sehenswerter Film. Philippe Sarde komponierte eine gute halbe Stunde Musik für LES SŒURS FÂCHÉES, die vor allem im ersten Drittel sehr prominent zur Geltung kommt, wenn Louise in Paris eintrifft und die später die Stadt erkundet. Von der Grundstimmung her erinnern die leichtfüßigen und vergnügten Klänge ein bisschen an seine Vertonung von GARÇON!. Dabei bleibt die Musik immer elegant und raffiniert instrumentiert, nie rutscht sie in platte "Komödienmusik" à la Vladimir Cosma ab. Zum Filmstart erschien eine CD von Universal France mit wahrscheinlich den kompletten Aufnahmen für den Film. Wie der Film war auch diese Musik für mich eine Überraschung, die ich ohne Sarde definitiv verpasst hättte.
  21. Das fand ich ebenso beeindruckend, dass Sarde zu einem so belanglosen Film doch noch eine so "gehobene" Musik komponiert hat, obwohl er seinen Zenit schon überschritten hatte. Umso besser, dass LE FILS PRÉFERÉ noch gelungener ist. Heute wieder Téchiné: LES ÉGARÉS entstand genau 30 Jahre nach LE TRAIN und bildet den zweiten Eintrag in Philippe Sardes Filmographie, in dem die Flucht der Bevölkerung vor den deutschen Eroberern anhand von Einzelschicksalen geschildert wird. Während aber die Figuren in LE TRAIN aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zusammengewürfelt sind und sich nahezu ständig in Bewegung befinden, konzentriert sich die Handlung von LES ÉGARÉS allein auf vier Figuren: Die junge Witwe Odile entgeht mit ihrer kleinen Tochter Cathy und ihrem Sohn Philippe auf dem Fluchtweg nur knapp einem deutschen Bombardement, bei dem sie ihr Auto und all ihr Hab und Gut verlieren. Schnell gesellt sich der jugendliche Landstreicher Yvan zu der Familie, die Unterschlupf in der luxuriösen verlassenen Villa eines Komponisten findet. Yvan wird schnell zum Ernährer der Familie, da er weiß, wie man im Wald Fallen legt oder im nahe gelegenen Bach Fische fängt, doch Odile bleibt misstrauisch. Philippe sieht in Yvan den älteren Bruder, den er sich wünscht, aber er wird von ihm brüsk abgewiesen. Trotz dieser Spannungen verleben die vier in der friedlichen Umgebung nahezu unbeschwingte und vom Krieg völlig abgeschottete Tage, bis zwei Soldaten in der Villa eintreffen. LES ÉGARÉS ist ein reifes Alterswerk von André Téchiné, der auf die exaltierten Gesten seiner früheren Filme BARROCCO oder RENDEZ-VOUS verzichtet. Es gelingt allen Beteiligten, ein atmosphärisch dichtes und stimmungsvolles Drama zu kreieren. Emmanuelle Béarts Darstellung der jungen, teils überforderten Witwe, die versucht, sich gegenüber ihren Kindern nichts anmerken zu lassen und sich gegenüber Yvan zu behaupten, ist beeindruckend - ebenso das Spiel von Gaspard Ulliel als Yvan sowie die Leistungen der Kinder Grégoire Leprince-Ringuet und Clémence Meyer. Die luxuriöse Villa trägt viel zur Atmosphäre des Films bei, ebenso die prachtvolle und farbenreiche Sommerlandschaft mit den goldenen Weizenfeldern, rauschenden Bächen und Bäumen in sattem Grün. Der Krieg, dessen schreckliche Auswirkungen man in den ersten Minuten erlebt, verblasst schnell zu einer alptraumhaften Erinnerung und der Film konzentriert sich ganz auf die zwischenmenschlichen Spannungen. Wie bei vielen späten Filmen von Téchiné gibt es nicht viel Musik in LES ÉGARÉS. Hauptsächlich ein melancholisches, typisch französisch anmutendes Thema kehrt - wahrscheinlich immer in derselben Aufnahme - wieder. Mir ist auch nicht bekannt, ob Philippe Sarde für diesen Film tatsächlich Originalmusik komponiert hat, denn auf der CD-Veröffentlichung finden sich die Aufnahmen zu L'ADOLESCENTE aus dem Jahre 1979, wahrscheinlich weil Téchiné auf diese Aufnahmen für LES ÉGARÉS zurückgegriffen hat. Das Liebesthema aus L'ADOLESCENTE hat Sarde übrigens schon zwei Jahre später in GHOST STORY wieder aufgegriffen.
  22. Danke, Stefan, für all die Anmerkungen! Ich habe mir jetzt auch ein paar Musiken notiert, die ich abseits der Filme entdecken möchte: ALICE ET MARTINE ist ebenso dabei wie LES VOLEURS. Da vor allem die Téchiné-Filme für mich greifbar waren, wird es zum Ende hin eine halbe Téchiné-Retro, die jetzt aber kurz unterbrochen wird. MADEMOISELLE ist ein Film, der sich regelrecht darum bemüht, unbedeutend zu bleiben und auch inhaltlich keine größeren Ausschläge wagt. Es ist die "harmlose" Geschichte einer Pharmavertreterin, die nach einem Kongress auf ihrer Heimreise auf unterschiedliche Weise aufgehalten wird: Mal verpasst sie ihren Bus, dann hat sie ein wichtiges Gespäckstück vergessen und so weiter. Zwischen Ausgangspunkt und Ziel kreuzen sich ihre Wege mit einem Schauspieltrio bestehend aus dem Pärchen Alice und Karim sowie Pierre, die auch auf dem Kongress mit raffinierten und kreativen Improvisationen für Unterhaltung gesorgt hat. Über Umwege landet Claire auf der Hochzeitsfeier eines reichen Unternehmers, auf dem das Trio auftreten soll, und wird von Pierre promt in den Auftritt hineingezogen, was zum Streit zwischen dem Trio führt. Da Claire wiederholt ihren Zug verpasst hat, übernachtet sie bei Pierre im Zimmer. Für diese eine Nacht sind die beiden ein Liebespaar, am nächsten Tag muss Claire wieder zurück zu ihrer Familie. Ich denke, dass es für diese Art Filme eine Zielgruppe gibt, ich gehöre nicht dazu. Dennoch kann ich anerkennen, dass MADEMOISELLE sorgfältig inszeniert und gut gespielt ist. Die Handlung entwickelt sich unaufgeregt, es geht hier nicht um existenzielle Probleme, Obdachlosigkeit, Vatermord, organisiertes Verbrechen oder Kriegsverbrechen. Eine verheiratete Frau des Mittelstands lässt sich auf eine leidenschaftliche Affäre ein und zieht dann ihrer Wege. Es ist interessant, dass in diesem Film der Mann deutlich stärker in die Affäre involviert ist, während die Frau hier einen folgenlosen Seitensprung unternimmt. Es gibt einige sehr schön ausgearbeitete Momente, mir gefiel besonders die Ankunft im Hotel, in der die junge Hotelangestellte Pierre und Claire irrtümlicherweise für ein Brautpaar hält und auf die beiden ihre ganzen romantischen Träumereien projiziert. Der Film ist mit 72 Minuten immerhin ziemlich kurz und er will auch nicht mehr sein, als er ist - er ist nur ziemlich wenig. Philippe Sarde steuerte zu MADEMOISELLE rund 20 Minuten Musik bei. Würde man seine Komposition losgelöst vom Film hören, man würde nicht vermuten, dass sie zu so einem belanglosen Filmchen komponiert wurde, denn Sarde ging hier wieder einmal mit größter Behutsamkeit und Raffinesse vor. Obwohl das London Symphony Orchestra als Klangkörper gelistet ist, klang die Musik für mich sehr kammermusikalisch. Sanfte Holzbläserlinien über reiche, von Harfenklängen durchzogene Streichharmonien prägen das Klangbild dieser feinen ausdifferenzierten Musik, die zumindest was die Harmonien angeht, ihre Wurzeln im französischen Impressionismus hat. Darüber hinaus arbeitete Sarde mit einem Jazz-Trio, bestehend aus Saxophon, Klavier und Bass zusammen, das vor allem ein paar Source-Stücke für die Hochzeitsfeier beisteuerte. Die komplette Musik wurde von Musicbox Records zusammen mit LE FILS PRÉFÉRÉ veröffentlicht und dürfte abseits des Films ein sehr stimmungsvolles und schönes Hörerlebnis bieten.
  23. Das ist wirklich eine interessante und auch etwas verschwenderische Praxis. Aber vielleicht hat Sarde das auch als eine schöne Möglichkeit gesehen, innerhalb eines bestimmten Rahmens (Besetzung, Sujet) frei komponieren zu können und die Musik auch so eingespielt zu bekommen. Er musste es ja gut mit seinem Ego vereinbaren können, dass die Regisseure dann so wenig von der Musik verwenden, aber das schien ja kein Problem gewesen zu sein, sonst hätte er das ja nicht immer wieder mitgemacht. Es ist schon interessant, wie sich Téchinés Filme unterscheiden, man kann ja auch BARROCCO kaum mit LES SŒURS BRONTË vergleichen. Und wo wir schon beim Thema sind: Wenn der männliche Protagonist aus ALICE ET MARTIN zu Beginn des Films obdachlos und scheinbar orientierungslos durch die französische Pampa irrt, ist dies eine Antizipation des Films und der Seherfahrung, die dieser beim Publikum auslöst. Auch wenn die Figuren teilweise Halt finden, so reißt das Leben sie wieder los. Sie schrammen an Klippen vorbei, steuern auf Abgründe zu und als Zuschauer weiß man nicht, wo die (Lebens-)Reise des jungen Protagonistenpaares hinführen soll, welche Katastrophen noch auf sie lauern. Nach einem tödlichen Unfall im Elternhaus flieht der junge Martin nach Paris, um Unterschlupf bei seinem schwulen Halbbruder, einem erfolglosen Schauspieler, und dessen Mitbewohnerin Alice, einer erfolglosen Violonistin, zu suchen. Bald wird er als Model für Werbekampagnen entdeckt und kann ein luxuriöses Leben führen. Er beginnt eine Beziehung mit Alice, aber die Schatten der Vergangenheit und die mysteriösen Umstände um den Tod seines Vaters lassen ihn nicht los. ALICE ET MARTIN ist ein mitreißendes Drama, in dem zwei junge verliebte Menschen sich mit aller Kraft gegen die unwirtlichen Umstände ihres Umfeldes und ihrer eigenen Geschichte stemmen - und die zur ungleichen Zeit um einander und die Liebe kämpfen. Ich war von dem Film sehr beeindruckt, zumal ich nie wusste, wohin sich das ganze entwickeln wird. Darüber hinaus trägt die komplizierte Familiengeschichte von Martin und das merkwürdige Verhältnis zwischen Benjamin und Alice trägt zur unberechenbaren Dynamik des Films wesentlich bei. Philippe Sarde komponierte wieder einmal viel mehr Musik als schließlich im Film Verwendung fand. Zum Filmstart erschien eine CD mit insgesamt 12 Stücken, wobei 10 davon von Sarde stammen dürften. Im Film schien mir, als ob Sarde seine Musik ausschließlich für Streicher arrangiert hat. Zu hören sind schroffe Klänge, die ein bisschen an LES VOLEURS erinnern, aber auch getragene Passagen, in denen ein paar Anklänge an Johann Sebastian Bach in den Mittelstimmen durchklingen. Dies ergibt Sinn, beschäftigt sich Alice doch mit Bachs Violinkompositionen. Außerdem schlägt sich ihre Beschäftigung in einem Tangoensemble auch musikalisch nieder. Insgesamt ist ALICE ET MARTIN ein sehr sehenswerter Film und auch die zu hörende Musik scheint Sardes üblichen hohen Standard wieder einmal zu belegen.
  24. Interessant - das habe ich natürlich nicht wiederkannt nahc all den Wochen. Es wäre wirklich interessant, mal ein Diagramm mit den ganzen Querverweisen, Zitaten etc. zu erstellen. Und dann noch die teils verwirrenden Veröffentlichungen... Heute noch ein Téchiné: LES VOLEURS folgte für mich einigen Prinzipien von MA SAISON PRÉFÉRÉE. Beide Filme kreisen um einen Familienkonflikt, verfügen durch die Einteilung in Kapitel über eine klare äußere Struktur und sind dezent und zurückhaltend inszeniert - auch in der Besetzung gibt es zwischen beiden Filmen Überschneidungen. Während MA SAISON PRÉFÉRÉE mich aber ziemlich gelangweilt hat, fand ich LES VOLEURS weitaus interessanter. Das liegt zum einen daran, dass die Struktur in MA SAISON PRÉFÉRÉE - jedes Kapitel spielt zu einer anderen Jahreszeit - eigentlich nur eine hübsche Beigabe ist, während bei LES VOLEURS die Episoden zeitlich nicht linear aufeinanderfolgen und zudem aus der Perspektiver unterschiedlicher Figuren erzählt werden. So fügt sich das Puzzle erst nach und nach zu einem konzisen Gesamtbild. Zusätzlich ist dümpelt die Handlung nicht in den banalen Mittelschichtsproblemen vor sich hin, sondern repräsentieren die unterschiedlichen Familienzweige verschiedene Lebensmodelle, in denen ein existenzieller Konflikt angelegt ist. Im Mittelpunkt der Handlung steht wie schon in MA SAISON PRÉFÉRÉE der Konflikt zweier Geschwister. Ivan ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten und verdient sich seinen großspurigen Lebensunterhalt mit organisiertem Verbrechen. Sein Bruder Alex hingegen wurde Polizeikomissar. Der Familienkonflikt verschärft sich, als Alex ein Verhältnis mit der jungen Juliette beginnt, die die Schwester von Ivans rechter Hand, Jimmy, ist. Der Film beginnt damit, dass Ivans Leichnamn nach einem missglückten Raubzug nach Hause gebracht wird. Nach und nach beleuchtet der Film die Ereignisse, die zu Ivans Tod geführt haben, wobei sich ein dichtes Beziehungsgeflecht zwischen den Figuren entfächert. Philippe Sarde komponierte die Musik zu LES VOLEURS für Streichquartett. Wie so oft nahm er weitaus mehr Musik auf, als schließlich im Film zu hören ist. Die im Film zu hörenden Stücke waren für mich in einer überraschend schroffen Tonsprache gehalten, wobei die ruppigen Gesten gerade durch die solistisch besetzten Streichinstrumente besonders zur Geltung kamen. Da ich mit Sarde eher eine impressionistische und lyrische Tonsprache assoziiere, war ich durchaus überrascht. Die ausgewählte Musik passt perfekt zum Film und wie schon in RENDEZ-VOUS lässt Téchiné die Grenze zwischen Sourcemusik und externer, also hinzugefügter Film-Musik, verschwimmen, indem man nicht immer genau weiß, ob die Musik nicht auch für die Figuren hörbar ist. Es handelt sich mit LES VOLEURS jedenfalls um eine sehr gelungene Zusammenarbeite zwischen Téchiné und Sarde. Zum Filmstart erschien eine CD, die mit einigen im Film zu hörenden Songs eröffnet, daraufhin folgen 10 "Mouvements", die wahrscheinlich die komplette von Sarde komponierte Musik repräsentieren. Meinem Eindruck aus dem Film nach lohnt es sich auf alle Fälle, hier ein Ohr zu riskieren!
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